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Hessen : Gewissensbisse im Pulverschnee

„Die Lage ist schwierig, aber nicht hoffnungslos” - Andrea Ypsilanti Bild: Rainer Wohlfahrt

Eine Abgeordnete aus Darmstadt hat Andrea Ypsilantis Plan zunichte gemacht, sich mit den Stimmen der Linken zur hessischen Ministerpräsidentin wählen zu lassen. Doch damit ist das Projekt noch nicht tot.

          6 Min.

          Wer ist schuld am Debakel, das die SPD seit Tagen erlebt? In Frage kommen drei: Andrea Ypsilanti, hessische Spitzenkandidatin, Parteichef Kurt Beck und die Darmstädter Landtagsabgeordnete Dagmar Metzger. Für die Bundesspitze ist die Antwort nach außen klar: Ypsilanti ist schuld. Die hessische Partei- und Fraktionschefin hat sich hinreißen lassen von ihren Emotionen.

          Thomas Holl

          Redakteur in der Politik.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Auf linkem Kriegspfad hat sie sich im Politik-Dschungel verirrt. Mehr noch: Sie hat der SPD eine Falle gebaut, aus der die Partei kaum herauskommt. Der Schuldspruch kommt am Wochenende aus bewährtem Mund. Einen „Alleingang“ habe Ypsilanti geplant, schimpft Fraktionschef Peter Struck im Interview, dabei seien alle gegen ihren Kurs gewesen: Frank-Walter Steinmeier, Peer Steinbrück, er selbst - und auch Kurt Beck. Das hatte man bisher anders vernommen.

          Ypsilanti: Traum geplatzt

          Strucks Urteil hilft Kurt Beck indes kaum. Die hessische SPD, zumindest deren Ypsilanti-Flügel, bringt es weiter gegen die Führung in Berlin auf. Dass ihre Spitzenfrau nun den Schwarzen Peter zugeschoben bekommt, wollen die Genossen vom Main nicht hinnehmen. Auch deswegen empfangen am Samstagvormittag rund hundert Mitglieder des hessischen SPD-Parteirats, des Landesvorstands und der Landtagsfraktion im Frankfurter Parteihaus ihre Andrea mit großem Beifall, fast wie am Wahlabend des 27. Januar.

          Dagmar Metzger will nicht mit der „Linken” paktieren

          „Die Lage ist schwierig, aber nicht hoffnungslos“, ruft sie den Journalisten zu. Doch aus dem Sitzungssaal im ersten Stock dringen hässliche Worte nach draußen, die ahnen lassen, dass es in dem stickig-heißen Raum vor allem um Dampfablassen für das Desaster vom Vortag geht. Da hatte Andrea Ypsilanti verkünden müssen, dass ihr Traum, als erste hessische Ministerpräsidentin am 5. April gewählt zu werden, geplatzt war. Geplatzt, weil eine sture Abgeordnete sie nicht mitwählen will.

          Ins offene Messer gelaufen

          Schuld ist am Samstag in der Sicht der wütenden Genossen vor allem diese Abgeordnete, Dagmar Metzger. Schon vor der Sitzung hatte Frau Ypsilantis Schatten-Umweltminister, der Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer, ihren Parteiausschluss gefordert und verlangt, sie solle ihr direkt erobertes Mandat zurückgeben. „Es zur Gewissensfrage zu erklären, ob man die eigene Spitzenkandidatin wählt, geht zu weit. Das ist parteischädigend“, so Scheer.

          Nun werfen Parteifreunde Frau Metzger vor, sich nicht an „Spielregeln“ gehalten zu haben, Parteibeschlüsse in der Fraktion zu befolgen. Ein Redner spricht von einer „großen Sauerei“ bei der Beschreibung des Scherbenhaufens, vor dem die hessische SPD wegen des Verhaltens der Abgeordneten nun stehe. Wenn es wahr sei, schimpft ein anderer, dass Dagmar Metzger schon vor ihrer Entscheidung, Andrea Ypsilanti nicht zu wählen, Bedenken gegenüber anderen Abgeordneten geäußert habe, sei es „unter aller Kanone, dass die Landtagsfraktion die Spitzenkandidatin ins offene Messer hat laufen lassen“.

          Damit ist vor allem der Fraktions- und Landesvize Jürgen Walter gemeint. Er ist der Dauerrivale von Frau Ypsilanti, der ihr 2006 im Kampf um die Spitzenkandidatur knapp unterlegen war. In etlichen Interviews hatte Walter in den vergangenen Tagen mit ungewöhnlich scharfen Worten den Linksschwenk der SPD und dabei vor allem Parteichef Kurt Beck attackiert.

          Die Abgeordnete soll ihr Mandat zurückgeben

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