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Winfried Kretschmann : Öfter mal gegen dagegen

Auf der Suche nach dem „gemeinsamen Sound”: Ministerpräsident Winfried Kretschmann Bild: REUTERS

Immer wieder ist Winfried Kretschmann mit dem grünen Mainstream in Konflikt geraten. Meist zog er sich dann in einen Schmollwinkel zurück. Nun ist er der erste grüne Regierungschef in Deutschland.

          Die Wortwahl war ungewöhnlich für Winfried Kretschmann. Es gelte nun, in der Koalition mit der SPD einen „gemeinsamen Sound“ zu finden, sagte der 62 Jahre alte Politiker, als die grünen Delegierten am Wochenende dem Koalitionsvertrag zustimmten. „Sound“ passt nicht so recht zu dem Mann, der in Baden-Württemberg an diesem Donnerstag zu Deutschlands ersten grünen Ministerpräsidenten gewählt werden soll. Denn Kretschmann stellt sich zu vielem quer, was in der Politik im Allgemeinen und in seiner Partei im Besonderen für angemessen gehalten wird.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Die politische Plastiksprache ist ihm genauso ein Graus wie stundenlange Diskussionen über Wahlplakate. Aber das sind letztlich Äußerlichkeiten. Gleichwohl unterscheiden sich die Person des künftigen Ministerpräsidenten und die Umstände seiner Wahl von vielem, was man in der Geschichte der Bundesländer sonst erlebt hat: Der Kandidat kommt im vergleichsweise hohen Alter von 62 Jahren an die Macht. Er vertritt eine Partei, die bis vor kurzem zu den „kleinen“ zählte. Innerhalb der Grünen nimmt er auch heute eine Außenseiterposition ein. Und dieser Mann aus Sigmaringen-Laiz ist tief religiös und noch dazu ein bekennender Provinzler. Mit diesem Ministerpräsidenten zieht also ein Querkopf in die Villa Reitzenstein. Und mit ihm könnte für Baden-Württemberg und das Land eine Entwicklung beginnen, die quer zu den üblichen historischen Kontinuitätslinien verläuft. Nur einmal hat es in den Ländern einen Ministerpräsidenten einer Partei gegeben, der nicht einer Volkspartei angehörte: Das war Reinhold Maier, ein Freier Demokrat, der erste Ministerpräsident Baden-Württembergs.

          Der „Gorilla aus den Bergen“

          Oft ist der 1948 in Spaichingen geborene Kretschmann als grüner „Oberrealo“ beschrieben worden. Streng genommen ist er aber bislang als stahlharter Machtpolitiker weniger aufgefallen. Wie auch - seine Partei war dreißig Jahre in der Opposition. Ein übersteigert taktisches Politikverständnis, wie es etwa Fritz Kuhn auszeichnet, ist dem Gymnasiallehrer für Biologie und Chemie wesensfremd. Kretschmann wehrte sich schon vor dreißig Jahren, als seine Parteifreunde noch Latzhosen trugen, gegen „feministische Wühlmäuse“, wollte nicht allein die kapitalistische Wirtschaftsstruktur für die ökologische Krise verantwortlich machen und nahm sogar einmal den damaligen CDU-Kultusminister Gerhard Meyer-Vorfelder in Schutz.

          Das Jahr des ersten Bruchs: Kretschmann (l.) anno 1983

          Kretschmanns Haltung lässt sich wohl am ehesten mit dem Begriff „Ökolibertär“ beschreiben. Diese absolut minoritäre Gruppe wollte aus den Grünen eine liberale Partei machen. Die Autoren entsprechender Papiere - Thomas Schmid, Ernst Holitschek, Dirk Treber - hatten Mitte der achtziger Jahre registriert, dass es Grünen-Wähler im Bürgertum gab, die organisatorische Ebene der Grünen aber in den „Händen von Kadern mit marxistisch-leninistischer Geschichte“ lag. Die Gemeinschaft, so der programmatische Anspruch der „Ökolibertären“, sollte weniger wichtig sein als das Individuum.

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