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Winfried Kretschmann : Mit dem dritten Sieg hat er maximale Beinfreiheit

Winfried Kretschmann und seine Ehefrau Gerlinde am 14. März 2021 in Sigmaringen auf dem Weg zum Wahllokal Bild: dpa

Seit zehn Jahren steht der Grüne Kretschmann an der Spitze von Baden-Württemberg. Nach dem Erfolg bei der Landtagswahl hat er nun zwei Optionen: eine Ampel und die Fortsetzung der grün-schwarzen Koalition.

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          Winfried Kretschmann steht als erster grüner Ministerpräsident schon in den Geschichtsbüchern. 2011 wurde er zum ersten Mal vereidigt, statt in Turnschuhen wie einst Joseph Fischer in Budapestern. Mit seinem Wahlsieg am Sonntag wird er zum einzigen Landesregierungschef der Bundesrepublik, der drei Wahlen in Folge gewonnen hat und dabei keiner der beiden alten Volksparteien angehört.

          Rüdiger Soldt
          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Zumal in krisengeplagten Zeiten ist das eine beachtliche Leistung, die Kretschmann und den Grünen 2011 kaum jemand zugetraut hätte – am allerwenigsten die CDU, die damals nach 58 Jahren die Macht verlor.

          Der Vater von drei Kindern und bekennende Katholik hat in den zurückliegenden zehn Jahren viel erreicht: Ihm gelang es, weitgehend unabhängig von den grünen Funktionären, ein Industrieland zu führen. Das einst auf Ökologie und Bürgerbeteiligung beschränkte programmatische Portfolio seiner Partei erweiterte er blitzschnell; ein grüner Ministerpräsident muss sich auch um die Transformation der Automobilindustrie kümmern.

          Kretschmann, der ein Opern- und Naturliebhaber ist, hat fast alles erreicht: Er stand kurz davor, Bundespräsident zu werden, und war der erste grüne Bundesratspräsident. Sein humanitäres Engagement für verfolgte jesidische Frauen führte auch dazu, dass die Jesidin Nadia Murad den Friedensnobelpreis bekam.

          Kretschmann hat jetzt die Wahl

          Der frühere Gymnasiallehrer, der seine ersten politischen Erfahrungen in einer kommunistischen Hochschulgruppe gemacht hatte, den dazu gehörenden Dogmatismus aber schnell bereute, navigierte das Flächenland gut durch die Flüchtlingskrise, machte seine Partei 2016 zur stärksten Kraft und zwang die CDU in die Juniorrolle, ohne sie zu demütigen. In der Pandemie war seine Landesregierung genauso schlecht wie viele andere: Auf die Gefahr einer zweiten Welle reagierte er zu spät und zu uninspiriert. Was er über zehn Jahre auch versäumte, ist die Erneuerung seiner Regierung und seiner Partei.

          Kretschmanns dritte Legislaturperiode könnte die schwierigste werden: Die Pandemie ist nicht ausgestanden. Die Corona-Schulden müssen reduziert, eine Wirtschaftskrise gemanagt werden. Die Klimakrise setzt die Grünen unter Handlungsdruck, auch wegen einer neuen außerparlamentarischen Bewegung.

          Kretschmann ist in der bequemen Situation, sich zwischen einer grün-gelb-roten Ampel und der Fortsetzung der grün-schwarzen Koalition entscheiden zu können. Auch wenn die Partei Vorbehalte gegen ein Weiterregieren mit der CDU hat, muss der künftige Ministerpräsident abwägen: Tut er mit Blick auf die Bundestagswahl seiner Bundespartei mit einer Ampel einen Gefallen oder entscheidet er sich für die stabile Variante, eine Regierung mit der CDU? Mit der Antwort entscheidet sich, ob Kretschmann im hohen Alter noch einmal etwas Neues probieren will. Sein dritter Wahlsieg gibt ihm maximale Beinfreiheit.

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