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Stefan Mappus im Wahlkampf : Der Boxer

  • -Aktualisiert am

Stefan Mappus Bild: Rainer Wohlfahrt

Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus kämpft um sein politisches Überleben. Erst wollte er stramm konservativ wirken, dann gemäßigt bürgerlich. Auf manche Wähler wirkt er bloß hemdsärmelig.

          7 Min.

          Wenn es hell wäre, könnten die Leute beim Blick aus der Markgröninger Kelterhalle in der Ferne weißen Dampf aufsteigen sehen. Dampf vom Kernkraftwerk Neckarwestheim. Von Markgröningen bis zum Kernkraftwerk sind es 33 Kilometer. Seit den Reaktorunfällen im japanischen Fukushima muss Stefan Mappus jede seiner Wahlkampfreden mit einem Kotau beginnen. „Weil ich mich besonders für die Verlängerung der Laufzeiten eingesetzt habe, sehe ich mich jetzt in einer besonderen Verantwortung, ohne Denkverbote über die Zukunft unserer Energieversorgung zu diskutieren“, sagt er dann. Verbal ist das fast so eine tiefe Verneigung wie die der japanischen Manager, die jetzt jeden Abend im Fernsehen zu sehen ist. Sogar eine große deutsche Boulevardzeitung machte sich über Mappus lustig, sie druckte eine Fotomontage, die den baden-württembergischen Ministerpräsidenten im Anorak und mit großem „Atomkraft-Nein-Danke-Button“ auf der Brust zeigte. Irgendwie sah Mappus auf dem Foto sogar jugendlicher aus.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Jetzt steht er vor etwa 300 treuen CDU-Wählern, die sich ohnehin schon entschieden haben. Sie sollen nur in den letzten Tagen bis zur Landtagswahl rausgehen, damit die Unentschiedenen auch ihr Kreuz an der richtigen Stelle machen. Auf dem Tisch stehen Blumen im CDU-Orange. Manche bestellen ein Viertele Trollinger und Maultaschen, es gibt auch Mappus’ Lieblingsgericht: schwäbischen Wurstsalat. „Es geht nicht um Wahltaktik, es geht um Verantwortung“, sagt Mappus. Ein älterer Herr an einem der langen Holztische schmunzelt in sich hinein und meint: „Vor vier Wochen hat er noch ganz anders geredet, jetzt musste er sich drehen. Das ging nicht anders.“

          So etwas hat es in einem Wahlkampf noch nicht gegeben

          „So einen Wahlkampf, wo es alle Vierteljahr lang schwierige Themen reinhagelt, habe ich noch nicht erlebt. Aber einfache Sachen kann jeder machen!“, sagt Mappus vorn am Pult in der Kelterhalle. Einfache Sachen. Mappus ist der achte Ministerpräsident Baden-Württembergs, nur einer von diesen gehörte nicht der CDU an. Die Partei regiert seit fast 58 Jahren. Noch nie ist im Südwesten eine Regierung abgewählt worden. Nun steht viel auf dem Spiel. Die CDU mobilisiert Mann und Maus, sogar Martin Walser ist noch überredet worden, sich in einer Zeitungsanzeige zur Partei zu bekennen. Der 44 Jahre alte Mappus kämpft um sein politisches Überleben, er kämpft gegen seinen Glaubwürdigkeitsverlust, er kämpft auch für seinen Lebensentwurf, denn seinen Aufstieg vom Sohn eines Schusters zum Ministerpräsidenten verdankt er letztlich der CDU. Er sei ein „Politik-Junkie“, sagen seine Parteifreunde.

          „Alle Vierteljahr lang hagelt es schwierige Themen rein”: Stefan Mappus im Wahlkampfbus

          Im Sommer 2010 forderte er die Bundeskanzlerin auf, Umweltminister Röttgen zu entlassen. Wie so oft agierte er forscher, als es seine erarbeitete Autorität eigentlich zuließ. Mappus wollte längere Laufzeiten für Atomkraftwerke und mit diesem Angriff eine programmatische Richtung für seine Partei markieren – wenige Monate nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten. Das ging schief, das kann er nun nicht mehr rückgängig machen. Um den Wahlsieg trotzdem zu erringen, ließ er die Umweltministerin Tanja Gönner zwei Kraftwerksblöcke abschalten, Philipsburg I und Neckarwestheim I. So etwas hat es in einem Wahlkampf noch nicht gegeben. Doch mit dem symbolischen Abschalten unterminierte Mappus seine Glaubwürdigkeit erst richtig. Jetzt mosern Handwerksmeister und Sparkassendirektoren über das Image des Ministerpräsidenten, wenn sie mit CDU-Mandatsträgern sprechen. Bundestagsabgeordneten in Berlin fällt es schwer, den Besuchergruppen Mappus’ Schwenk und Merkels Moratorium in der Energiepolitik zu erklären.

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