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Schwäbischer SPD-Wahlkampf : Wecken für Berlin

  • -Aktualisiert am

Ein Berliner im schwäbischen Wahlkampfmodus: Wolfgang Thierse spricht auf der Veranstaltung von Baden-Württembergs SPD in Berlin. Bild: dpa

In Berlin wirbt Baden-Württembergs SPD bei einer launigen Veranstaltung um Wählerstimmen. Ihr Kalkül: Exil-Schwaben sollen für die nötigen Stimmen sorgen. Kann das überhaupt aufgehen?

          Landtagswahlkampf im großen Saale, fern der Heimat in der großen Hauptstadt, in der schon mancher Landespolitiker sein Glück gefunden hat, umgeben von Parteifreunden: Das muss doch ein Traum sein. Nils Schmid, Spitzenkandidat der SPD in Baden-Württemberg und seit 2011 Finanz- und Wirtschaftsminister der ersten grün-roten Regierung unter Winfried Kretschmann, lud zu „Weckle und Schrippen“ in die Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg ein.

          Als „Apropos“ der Frühstückseinladung diente der längst überstrapazierte Klamauk um einige spöttische Bemerkungen des früheren Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse (SPD) über das Treiben der Schwaben in Berlin. Die Geschichten über die vermeintliche Schwabenfeindlichkeit der provinziellen Berliner und die vermeintliche Schwabenhetze von Thierse, dem Zausel vom Kollwitzplatz, laufen einfach zu gut. Es moderierte ein Mann, der früher Sprecher eines Berliner Finanzsenators, dann Berater von Nils Schmid war und nun Sprecher der Berliner Flughafengesellschaft ist.

          „Schwaben: Zu Hause vermissen wir Eure Stimme!“ So stand auf einem mobilen Plakat am Kollwitzplatz zu lesen, auf dem wegen des regnerischen und windigen Wetters rein gar nichts los war. Ob der seltsame Wahlslogan der SPD – „Baden-Württemberg leben“ – im Kollwitzkiez zieht , kann nicht fair beurteilt werden, es war einfach zu ungemütlich.

          Im Saale aber war es höchst behaglich, etliche Dutzend Gäste lauschten dem munteren Gespräch und den spöttischen Bemerkungen, die Thierse mit ein paar beiläufigen Bemerkungen („Ich ärgere mich, wenn ich beim Bäcker erfahre, dass es keine Schrippen gibt, sondern Wecken“) in Stuttgart berühmt gemacht hatten.

          CDU und FDP hätten sich ihm gegenüber richtig „kleinkariert“ verhalten und ihn als Redner zum Einheitsgedenken nicht hören wollen. So konnten sich die Sozialdemokraten fabelhaft weltläufig fühlen. Zumal laut Schmid auch im „Ländle“ niemand mehr „Weckle“ sagt.

          Rechnung mit einigen Fehlern

          Ob das Kalkül, in Berlin lebten genügend „Schwaben“ – Badener sind immer mit gemeint –, um als Wähler ansprechbar zu sein, überhaupt stimmt, wurde ausgiebig in Zweifel gezogen: Der Atlas der „Berliner Morgenpost“ über die Herkunft der Berliner zeigt die „Schwaben“ weit abgeschlagen hinter Hamburgern, Dresdnern, Leipzigern, Potsdamern, Münchnern, Hallensern (Saale), Rostockern und Frankfurtern (Oder).

          Und dass auch nur ein einziger Schwabe seinen Hauptwohnsitz und damit seine Wahlberechtigung beibehält und in Berlin Zweitwohnungssteuer (fünf Prozent der Kaltmiete) zahlt, glaubt vermutlich niemand.

          Es könnten wohl etliche schwäbische Exilanten noch in Baden-Württemberg wählen, da die Bürgerämter keine Termine vergeben, frozzelte der Moderator. Das Publikum zeigte sich überaus parteifromm und so dankbar für das kostenlose Essen wie die harmlosen Scherze.

          Selbst das „Grüß Gott“, das man gewiss auch mal in Berlin verwenden dürfe, wurde herzhaft belacht. Ausgiebig beklagten die beiden Politiker, Internet und soziale Medien prägten das gesellschaftliche Klima nachteilig. Während Schmid feststellte, dass es weniger um den politischen Diskurs als um die „Verstärkung der eigenen Meinung“ gehe, klingelte Thierses Taschentelefon, was freundlich unbelacht blieb. Der Rest war Wahlkampf, wie er Spaß macht.

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