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Rechtspopulisten in Mannheim : Wie die AfD eine SPD-Hochburg eroberte

Das SPD-Bürgerbüro im Mannheimer Stadtteil Schönau. In dem traditionell sozialdemokratischen Viertel hat überraschend ein AfD-Kandidat gewonnen. Bild: Helmut Fricke

Im Norden von Mannheim haben bei der Landtagswahl am Sonntag gut 30 Prozent der Wähler die rechtspopulistische AfD gewählt. Auf Spurensuche in einem ratlosen Viertel, das früher sozialdemokratisch geprägt war.

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          Wieso ausgerechnet Mannheim? Diese Frage stellen sich viele, seit die AfD dort bei den Landtagswahlen am Sonntag eins von zwei Direktmandaten in Baden-Württemberg geholt hat.

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          In Pforzheim, wo die AfD das zweite Mandat holte, erzielten rechte Parteien schon lange hohe Wahlergebnisse. Mannheim aber ist eine multikulturelle Stadt mit geringer Arbeitslosigkeit. Nicht so schön wie das nahe gelegene Heidelberg, aber auch nicht so schmutzig und arm wie Ludwigshafen auf der anderen Seite des Rheins. Eine rauhe Arbeiterstadt mit gewissem Charme, einer lebendigen Musikszene, der Popakademie. Warum also Mannheim?

          Auch Andrea Safferling fragt sich das. Sie ist Stadträtin und seit mehr als 30 Jahren bei der SPD engagiert. Schon doppelt so lange hat ihre Partei im Wahlkreis Mannheim Nord den Direktkandidaten gestellt. Noch 2011 hatte ihr Parteikollege Stefan Fulst-Blei mit 34 Prozent in Mannheim Nord das einzige SPD-Direktmandat Baden-Württembergs geholt. Jetzt hat er es – mit weniger als einem Prozentpunkt Rückstand – an den AfD-Mann Rüdiger Klos verloren.

          Infostände und Bürgersprechstunden

          Andrea Safferling ist 53 Jahre alt, hat eine Dauerwelle, rotlackierte Fingernägel und spricht in badischem Singsang. Sie ist im Norden Mannheims geboren, mag die Gegend, weil die Menschen hier „ihr Herz auf der Zunge“ tragen.

          Betritt man das SPD-Bürgerbüro in Schönau, einem Viertel im Wahlkreis Mannheim Nord, hat man das Gefühl, die Zeit sei stehen geblieben. In dem kleinen Raum neben der Tierarztpraxis hängen Bilder von Willy Brandts Besuch im Viertel 1960.

          Andrea Safferling vor dem Bürgerbüro der SPD in Schönau. In dem Viertel herrscht Ratlosigkeit.

          Hier gibt es noch Infostände und Bürgersprechstunden, die Menschen sprechen Safferling auf das Schlagloch vor der Tür an und darauf, warum die Frischfleischtheke bei Rewe schließen soll. Die Themen, sagt die Lokalpolitikerin, sind kaum andere als vor 30 Jahren, als sie in die Partei eintrat. Es ist ein bisschen so, als würde hier im Jahr 2016 noch ein Stück alte Bundesrepublik weiterleben. Deshalb kann sie einfach nicht verstehen, was am Sonntag passiert ist.

          AfD-Mehrheit im Arbeiterviertel

          30,1 Prozent der Wähler haben in Schönau dem AfD-Kandidaten Klos ihre Stimme gegeben. Schönau bildet mit sieben anderen Stadtteilen den Wahlkreis Mannheim Nord, der traditionell als sozialdemokratisch geprägtes Arbeiterviertel gilt. Gleichzeitig gibt es hier mehr Arbeitslose als im wohlhabenderen Süden der Stadt, die Wahlbeteiligung ist eher niedrig und es gibt viele Protestwähler. In Mannheim Nord haben am Sonntag 23 Prozent Klos gewählt.

          In Schönau, wo Safferling lebt, war die Zustimmung zu Klos so hoch wie in keinem anderen Viertel. Schönau liegt auf einem Hügel nördlich des in Quadraten angeordneten Mannheimer Stadtzentrums. Nach dem Krieg bauten Deutsche und deutsche Flüchtlinge hier erste kleine Häuser, es kamen große Sozialbauten dazu, in den achtziger Jahren dann ein Neubaugebiet, das auch im Jahr 2016 noch so genannt wird.

          Viele der Menschen, die hier wohnen, arbeiten in einem der zwischen Stadtzentrum und Norden der Stadt gelegenen Unternehmen wie Daimler, Alstom, dem Schweizer Pharmakonzern Roche oder dem kanadischen Zugbauer Bombardier.

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