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Merkels Auftritt in Stuttgart : Lieber brüllen als lügen

Große Wut: Stuttgarter Bürger erwarten Merkel und Mappus vor der Liederhalle Bild: dpa

Der Auftritt der Kanzlerin in Stuttgart geriet nicht gerade zum Heimspiel. Auf den Halbhöhentribünen nervten die Gegner von Stuttgart 21 - und Guttenberg war auch nicht gerade hilfreich. Die CDU bekommt zu spüren, dass Wahlkampf eben auch Kampf ist.

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          Auf einem Plakat der Demonstranten vor der Stuttgarter Liederhalle ähnelt Angela Merkel der grünen Bundesvorsitzenden Claudia Roth von der bösen grünen Dagegen-Partei. „Des könnte man noch besser machen“, brüllt eine Demonstrantin. Sie kann ihre eigenen Worte nicht verstehen, denn etwa hundert hartgesottene Stuttgart-21-Gegner wollen die Bundeskanzlerin am Dienstagabend mit Trillerpfeifen und Vuvuzelas empfangen. „Das Lügenpack macht weiter! Schämt Euch – Demokratie à la CDU“ und „Rambos und Plagiatoren“ weg, steht auf den Plakaten.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Ganz aktuell ist das Plakat ja nicht mehr, denn am Vormittag ist Verteidigungsminister Karl-Theodor zur Guttenberg, den sie hier „Plagiator“ nennen, von seinem Amt zurückgetreten. Der Berliner Platz am Bosch-Areal ist im Winter meist menschenleer. Doch schon der Aufmarsch der Demonstranten vor der Liederhalle lässt erahnen, dass es für Angela Merkel und den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Stefan Mappus (beide CDU) ungemütliche Stunden im Beethovensaal werden, dort, wo sich normalerweise das Stuttgarter Bildungsbürgertum zum Konzert trifft.

          Frau Merkel und Mappus, die von einer nachmittäglichen Wahlkampfveranstaltung in Karlsruhe kommen, sind noch nicht im Saal, es läuft das Vorprogramm mit den CDU-Wahlkreiskandidaten Andrea Krüger, Thomas Bopp, Christine Arlt-Palmer und Reinhard Löffler, die um ihre Landtagsmandate kämpfen müssen wie noch nie. Wegen Stuttgart 21 dürfte zumindest der Innenstadt-Wahlkreis an die Grünen fallen. „Das eigentliche Thema des Wahlkampfes ist Stuttgart 21“, sagt der Moderator. Und schon erstickt der Lärm der „Stuttgart-21“-Gegner jeden weiteren Satz der Wahlkreiskandidaten.

          Die Bundeskanzlerin will im Wahlkampf in Stuttgart helfen

          Die Gegner des Verkehrsprojekts wohnen in der baden-württembergischen Landeshauptstadt häufig in bevorzugter Halbhöhenlage. Sie wollen keinen Lärm und keinen Dreck vor ihrer Haustür. Im Beethovensaal haben sie sich natürlich wieder die „Halbhöhenlage“ gesichert, sie sitzen auf der Empore und beschallen von dort den gesamten Konzertsaal: „Lügenpack“ und „Mappus weg, Mappus weg“. Im Parkett schaut man in ratlose Gesichter von Stuttgarter Bürgern. „Wir sind kein Lügenpack. Baden-Württemberg ist Spitzenreiter in allen Disziplinen, auch wenn die Schreihälse das hier nicht wahrhaben wollen, für eine linke Regierung gibt es keinen Grund“, brüllt Christine Arlt-Palmer, die Ehefrau des früheren Staatsministers Christoph Palmer und Kandidatin für den Wahlkreis Stuttgart IV.

          Wahlkampf ist eben auch Kampf

          Das stimmt die Demonstranten auf den besten Plätzen nicht milde. In Villingen-Schwenningen oder im oberschwäbischen Gammertingen liefen CDU-Wahlkampfveranstaltungen bislang tumultfrei ab, hier in Stuttgart bekommt die CDU aber zu spüren, dass Wahlkampf eben auch Kampf ist. Ein Swing-Orchester aus Sigmaringen spielt, die Choreographie der Wahlveranstaltung könnte vom MDR stammen. Dann bilden die Helfer von der Jungen Union in ihren orangefarbenen Wetterjacken ein Spalier: Die Kanzlerin und der Ministerpräsident marschieren ein. Mappus tritt ans Pult, aus der Halbhöhenlage des Saals kommen wieder laute „Mappus-weg- Rufe“. Aktivisten der Jungen Union halten Buchstabenplakate hoch. „Die Junge Union grüßt Stefan Mappus“ ist dort zu lesen.

          Irgendwie klappt die Koordination nicht. Mappus brüllt etwas vom „Modell deutscher Möglichkeiten“ und von „Chancen“ – nur echte Kenner seiner Reden können ahnen, was er sagt. Der Bundeskanzlerin geht es kaum besser. „Wir von der CDU müssen uns von niemandem erklären lassen, was Anstand ist, nicht von Herrn Gysi und schon gar nicht von Sigmar Gabriel“, sagt sie. Schröder habe den von ihr berufenen Finanzfachmann Paul Kirchhof als „Professor von Heidelberg“ verunglimpft. Verlogenheit und Scheinheiligkeit werde sie nicht zulassen. Frau Merkel und Mappus sind bestrebt, sich von Guttenberg trotz des Rücktritts nicht vollkommen zu distanzieren. Sie sprechen von dem Respekt, den der am Dienstagmorgen zurückgetretene Minister verdiene. Jetzt im Wahlkampf soll nicht der Eindruck entstehen, die Union lasse einen der Ihren im Regen stehen.

          Mappus drischt auf die Journalisten ein

          Nachdem Mappus zwei Stunden zuvor in Karlsruhe sogar von einer „Jagd“ auf Guttenberg gesprochen hat, drischt er nun auf die Journalisten ein; alle „vermeintlichen Charakterköpfe“ müssten nun erst einmal zeigen, ob sie in einer ähnlichen Situation ähnlich gut reagieren würden. In der Liederhalle lobt er dann die „Größe des Menschen Karl-Theodor zu Guttenberg“, der freilich einen „großen Fehler“ gemacht habe. Die baden-württembergische CDU und Mappus hatten sich von Guttenberg einen Schub für die letzten vier Wochen des Wahlkampfes versprochen – angesichts von immer noch mageren 40 Prozent in den Umfragen.

          Am 10. März sollte Guttenberg in Mappus’ Heimatstadt Pforzheim kommen. „Guttenberg macht die Hallen voll“, hatte Mappus immer wieder stolz berichtet. Vielleicht war es die Vorfreude auf diesen Tag in Pforzheim, vielleicht auch Mappus’ schon immer übersteigertes Verständnis von Parteiräson, die den Ministerpräsidenten noch am Montag, dem Tag vor dem Rücktritt, dazu verführten, Guttenberg als einen „exzellenten Politiker“, der freilich einen großen Fehler gemacht habe, in Schutz zu nehmen.

          Sogar nach Guttenbergs Rücktritt wollte Mappus dessen Wahlkampftermine nicht von sich aus absagen: Er sei auch künftig willkommen in Baden-Württemberg. Noch deutlicher hatte er dem Verteidigungsminister am 22. Februar seine Unterstützung zugesichert: „Wir haben in diesem Land – und in Afghanistan – wahrlich andere Sorgen als die Fragen, ob die Fußnoten einer Doktorarbeit richtig gesetzt sind.“ Dass der Diebstahl geistigen Eigentums und fehlende Fußnoten einen deutschen Verteidigungsminister zu Fall bringen könnten, lag damals wohl noch außerhalb von Mappus’ Vorstellungswelt.

          Mappus selbst hat einst an der Universität Hohenheim Ökonomie studiert, seine Doktorarbeit blieb aber irgendwann liegen. Anders als Guttenberg setzte er seine karge Freizeit lieber dafür ein, den Flugschein zu machen.

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