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Landtagswahl Baden-Württemberg : Die rote Bastion

Der Wahlkampfbus von Nikolas Löbel in Mannheim Bild: Frank Röth

Seit 50 Jahren hält die SPD im Landtagswahlkreis Mannheim-Nord das Direktmandat. Dort ist einsozialdemokratisches Milieu erhalten geblieben, das es sonst wohl nur noch im Ruhrgebiet gibt. Trotzdem hat dort nun erstmals ein junger CDU-Kandidat eine Chance.

          Wenn der frühere baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) in der Mannheimer „Arena of Pop“ auftrat, konnten die Kurpfälzer schon mal ungemütlich werden. „Sei bloss ruhig, Mannem ist rot“, brüllten einige Zuhörer in der einstigen Hochburg der südwestdeutschen Arbeiterbewegung. Auf eines konnte sich die SPD in Baden-Württemberg nämlich immer verlassen: auf ihre Wähler in Waldhof, Vogelstang, Schönau und Gartenstadt. In diesen Ortsteilen der zweitgrößten Stadt des Landes sichert eine organisierte Facharbeiterschaft der SPD seit mehr als fünfzig Jahren den Erfolg ihres Direktkandidaten im Landtagswahlkreis Mannheim Nord. Früher konnte die SPD auch Landtagswahlkreise in Stuttgart, Karlsruhe, Lörrach und Freiburg direkt gewinnen, doch das Erstarken der Grünen und die Linkspartei machen das nun schwerer.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Der auch heute noch von Industrie und Arbeitersiedlungen geprägte Wahlkreis Mannheim Nord mit 90.000 Wählern sichert der SPD in der Stadt ihre Vormachtstellung. Vogelstang wird von einer 1965 gebauten Trabantenstadt geprägt, Waldhof ist ein Ende des 19. Jahrhunderts erschlossenes Arbeitersiedlungsgebiet, damals breitete sich vor allem die chemische Industrie am Altrhein aus. In der zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegründeten Gartenstadt wohnen noch heute Arbeiter, die, wie es in Mannheim heißt, beim „Benz“ oder in den Zellstoffwerken schaffen.

          In Schönau ist die Sozialdemokratie noch heute so gut organisiert, dass sie bei Wahlen 50 oder gar 55 Prozent der Stimmen bekommt. Bochum und der Mannheimer Norden sind vielleicht die einzigen Gebiete Deutschlands, wo sich Überbleibsel des SPD-Facharbeitermilieus gehalten haben. Bis 1933 residierte der Landesvorstand der badischen SPD im „roten Mannheim“. So heißt es auch im Badener Lied: „In Karlsruh' ist die Residenz, in Mannheim die Fabrik“.

          Blick von der Mannheimer Innenstadt auf den Stadtteil Neckarstadt

          Für diese Landtagswahl musste sich die SPD in den Umfragen landesweit mühsam von 18 auf 23 Prozent hocharbeiten. Den Mannheimer Norden könnte sie erstmals verlieren. Seit Monaten ist nämlich der Jura-Student Nikolas Löbel von der CDU in der sozialdemokratischen Hochburg unterwegs. Löbel fährt in einem Camping-Bus in die Stadtteile und macht jeden Tag Straßenwahlkampf. „Mannheim ist seit 1952 SPD-Hochburg im Land - ohne Einfluss im Land - das muss sich am 27. März ändern“, lautet die Kampfansage, die Löbel auf den Camping-Bus hat kleben lassen. Das Gefährt ist ausgestattet wie der Wahlkampf-Bus eines Ministerpräsidenten, nur etwas kleiner. Die CDU scheut offenbar keine Kosten, um die letzte rote Bastion zu schleifen. Der 24 Jahre alte Jura-Student geht im Stadtteil Vogelstang von Haustür zu Haustür. Die Hochhäuser meidet er eher, er will die bürgerlichen Wähler gewinnen. Löbels Lebenslauf passt nicht so richtig in diesen Wahlkreis; sein Vorgänger war ein alteingesessener Handwerksmeister.

          Löbel kam als Schüler zur CDU

          Löbel will im Sommer sein Staatsexamen machen, er sitzt schon im Gemeinderat, jetzt will er in den Landtag. Zur CDU kam er als Schüler. „Das ist ja was Neues, dass mal ein Kandidat direkt vor der Haustür steht“, sagt eine ältere Dame. Löbel überreicht ihr seinen Flyer. „Wenn wir landesweit 40 Prozent bekommen, kann ich hier 35 Prozent schaffen. Man muss das gezielt machen, es bringt nichts, in ein Gebiet zu laufen, in dem wir sowieso keine Wähler haben“, sagt er. „Früher waren hier viele Leute, die SPD gewählt haben, heute ist das anders“, meint Frau Kramer, die Löbel durch seinen Haustürbesuch vom Kochen abhält. Es riecht nach Braten und geschmortem Gemüse.

          Dass die in Mannheim seit Jahren zerstrittene CDU überhaupt eine Chance sieht, den Wahlkreis zu erobern, hängt mit einer Reihe von Fehlern der Sozialdemokraten zusammen. Mannheim hat sich vor allem mit der Gründung der Metropolregion zu einer modernen Dienstleistungsstadt entwickelt, die mit dem Benz-Werk oder dem Schmierstoffhersteller Fuchs-Petrolub einen gesunden industriellen Kern hat. Der seit 2007 amtierende Oberbürgermeister Peter Kurz (SPD) ist ein Mann, mit dem sich auch das Bürgertum im Mannheimer Süden anfreunden kann. Die frühere kurpfälzische Residenzstadt ist keine reine Arbeiterstadt mehr. Doch die SPD ist immer noch die prägende politische Kraft.

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