https://www.faz.net/-gpf-z4pe

Kretschmanns Wahl : Das Amt ist zum Mann gekommen

Winfried Kretschmann leistet am Donnerstag den Amtseid Bild: dapd

Es ist ein historischer Moment, als der erste grüne Ministerpräsident nach dreißig Jahren in der Opposition auf der Regierungsbank Platz nimmt. Doch Pathos ist Kretschmanns Sache nicht: Nie, sagt er, habe er von diesem Amt geträumt.

          Elmar Braun ist früh aufgestanden. Jetzt steht er im grauen Anzug im Foyer des Landtags. Braun ist ein Grüner. Im oberschwäbischen Maselheim regiert er seit fast zwanzig Jahren. „Der Winfried war bei meinen Wahlen immer mal da, es gehört sich, dass ich jetzt auch zu ihm komme“, sagt Braun. Am 9. März 1991 war Braun der erste direkt gewählte grüne Bürgermeister in Baden-Württemberg. „Der Vorteil der Bürgermeister ist, man hat längere Amtszeiten, da kann man was machen“, sagt er.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Es ist noch eine gute Stunde bis zur Wahl Winfried Kretschmanns zum ersten grünen Ministerpräsidenten Deutschlands. Im Foyer findet sich nun alles ein, was bei den Grünen im Land Rang und Namen hat. Der Freiburger Oberbürgermeister Dieter Salomon, sein Konstanzer Kollege Horst Frank, die grüne Bundesvorsitzende Claudia Roth. Sie stammt aus Ulm. Ein Grüner hält das Titelbild der Berliner „Tageszeitung“ hoch.

          Der in diesem Moment noch designierte Verkehrsminister Winfried Hermann hat im Interview gesagt, wenn „Stuttgart 21“ gebaut werden müsse, werde er die Zuständigkeit hierfür an ein SPD-Ministerium abgegeben. Eine ziemlich irre Volte – der neue Landwirtschaftsminister Alexander Bonde macht ostentativ ein besorgtes Gesicht. Dann kommt Winfried Kretschmann, er stellt noch seine neue Staatsrätin für „Zivilgesellschaft und Bürgergesellschaft“ vor. Es ist Gisela Erler, die Tochter des SPD-Politikers Fritz Erler und die Ehefrau des Publizisten Warnfried Dettling, der für kurze Zeit auch einmal Erwin Teufels Chefdenker war. Ein Reporter fragt Kretschmann, ob nun ein Traum in Erfüllung gehe. „Ich habe davon nie geträumt, das Amt ist zum Mann gekommen“, antwortet er.

          Seit dreißig Jahren Oppositionspolitiker

          Dann sammeln sich die Abgeordneten im „Hasenstall“, so nennen sie den fensterlosen Plenarsaal. Kretschmann setzt sich zum letzten Mal in die erste Reihe der grünen Fraktion. Seit 2002 war er Fraktionsvorsitzender, seit dreißig Jahren Oppositionspolitiker in einem konservativen Land. Manchmal schiebt er die Hände etwas nervös an die vordere Pultkante. Nils Schmid, der künftige stellvertretende Ministerpräsident, spielt am Mikrofon herum.

          Frieder Birzele, Innenminister aus Zeiten der großen Koalition, Eberhard Stilz, der Präsident des Staatsgerichtshofs, sowie einige andere Prominente verfolgen die historische Ministerpräsidentenwahl von den Zuschauerrängen. Parlamentspräsident Willi Stächele (CDU) begrüßt auch den früheren Ministerpräsidenten Erwin Teufel, doch der ist gar nicht anwesend. Dann geht alles sehr schnell.

          Nach der entsprechenden Aufforderung Stächeles schlägt die grüne Fraktionsvorsitzende Edith Sitzmann den Abgeordneten Winfried Kretschmann vor. 138 Abgeordnete geben ihren Stimmzettel ab. 11.38 Uhr. „Das Ergebnis der Wahl des Ministerpräsidenten liegt vor, auf den Abgeordneten Kretschmann entfielen 73 Stimmen“, sagt Stächele. Die neuen Regierungsfraktionen quittieren das Ergebnis mit Jubel und minutenlangem rhythmischen Klatschen. Mindestens zwei Abgeordneten aus der CDU müssen für Kretschmann gestimmt haben. „Das waren Mappus oder Rau“, ruft ein SPD-Abgeordneter zur Belustigung.

          Schwarz-grüne Signale aus der CDU?

          „Herr Präsident, ich nehme die Wahl an und danke für das große Vertrauen des hohen Hauses“, sagt Kretschmann. Es folgt die Vereidigung, wieder klatschen die Abgeordneten der Regierungsfraktionen begeistert. Kretschmann spricht den Amtseid mit religiöser Formel. Dann geht er gemächlich in Richtung Regierungsbank und nimmt dort zum ersten Mal Platz. Die Grünen interpretieren die zwei zusätzlichen Stimmen als „Riesenvertrauensbeweis“. Erwin Teufel und Günther Oettinger bekamen ebenfalls Stimmen aus dem Oppositionslager.

          In diesem Fall stammen sie vermutlich aus der CDU-Fraktion. Die mutmaßlichen Motive der Abweichler können in der persönlichen Wertschätzung des neuen Ministerpräsidenten liegen. Vielleicht wollten die Abweichler auch ein schwarz-grünes Signal setzen und den gescheiterten CDU-Ministerpräsidenten Mappus kritisieren. Möglich ist aber auch, dass mit diesem Verhalten der neue Fraktionsvorsitzende Peter Hauk von den Mappus-Anhängern vorgeführt werden sollte.

          Mappus wartet nach der Wahl in Raum 311 auf seinen Nachfolger. Er führt mit ihm ein kurzes Gespräch. Gleich danach verlässt er mit der früheren Umweltministerin Tanja Gönner das Parlamentsgebäude.

          Am Buffet steht der künftige Umweltminister Franz Untersteller, er schaut etwas benommen in die Gesichter seiner Gesprächspartner: „Wissen Sie, das war schon ein großer Moment, als Kretschmann für ein paar Minuten allein auf der Regierungsbank saß – nach dreißig Jahren Opposition.“

          Weitere Themen

          Der korrupte Jesus Video-Seite öffnen

          Riesen-Statue in Lima : Der korrupte Jesus

          Eine Riesen-Statue von Jesus thront über der peruanischen Hauptstadt Lima. Doch der überdimensionale Messias ist nicht sehr beliebt. Die umgerechnet 712.000 Euro, die der Bau gekostet hat, stammen nämlich vom korrupten Geschäftsmann Marcelo Odebrecht.

          Rummel um Rackete

          Anhörung in Agrigent : Rummel um Rackete

          In Agrigent hat am Donnerstag die Anhörung der deutschen Kapitänin begonnen. Deren Äußerungen zur Seenotrettung sind in Italien umstritten.

          Topmeldungen

          Boris Johnson am Mittwoch in London

          Parlament gegen Johnson : Aufstand gegen den No-Deal-Brexit

          Noch ist Boris Johnson nicht Premierminister. Aber er spielt schon öffentlich mit dem Gedanken an einen Austritt ohne Abkommen. Jetzt reagiert das Parlament – und macht ihm eine solche Lösung durch einen Trick schwerer.
          Außenminister Heiko Mass (links) und sein russischer Amtskollege Sergej Lawrow unterhalten sich vor Beginn des Petersburger Dialogs in Königswinter.

          „Petersburger Dialog“ : Maas nähert sich an – Lawrow teilt aus

          Laut Außenminister Maas könnten die dringenden Fragen der Weltpolitik nur mit Russland angegangen werden. Sein russischer Amtskollege wirft Deutschland hingegen vor, sich an „einer aggressiven antirussischen Politik“ zu beteiligen.

          Verhör von Carola Rackete : „Es sollte um die Sache gehen“

          Die „Sea-Watch“-Kapitänin kritisiert nach ihrer Anhörung den Rummel um ihre Person. Der lenke vom eigentlichen Problem ab: dem Umgang mit den Migranten im Mittelmeer. Doch Racketes Äußerungen zur Seenotrettung sind in Italien umstritten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.