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Im Gespräch: Winfried Kretschmann : „Wir haben Sonne im Herzen“

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Der demographische Wandel ist verknüpft mit der Tatsache, dass der Anteil von Einwandererkindern in den Schulklassen immer größer wird. Wie wollen Sie da vorgehen?

Das ist ein starkes Argument für unsere Bildungspolitik. Meine schulpolitische Sprecherin hat schon vor vielen Jahren gesagt, wir brauchen mehr Lehrerinnen und Lehrer aus Einwanderfamilien, da hat sich zu wenig getan.

Integration ist immer ein Kernanliegen der Grünen gewesen. Jetzt wird das entsprechende Ministerium von der SPD besetzt.

Ich bin sehr froh, dass sich die SPD dieses Themas annimmt und sich endlich ernsthaft damit auseinandersetzen muss, siehe den Konflikt um Sarrazin. Trotzdem werden die Grünen bei diesem Thema der Resonanzboden sein.

Was bedeutet die grüne Ministerpräsidentschaft für Ihre Partei insgesamt?

Unsere Themen sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Dann muss man sich auch in die Mitte der Gesellschaft begeben, man muss führen und hat keine Ausrede mehr. Das ist eine völlig neue Herausforderung. Erst haben wir protestiert, dann haben wir die Fundi-Zeit verlassen. Jetzt müssen wir führen, das mussten wir bislang nicht.

Was ist, wenn Sie scheitern? Erleiden Sie dann das Schicksal der FDP?

Wenn wir scheitern, könnte das negative Konsequenzen für uns haben, aber, ehrlich gesagt, ich rechne nicht damit.

Sie haben sich ja schon Joseph Fischer zurückgewünscht.

Das würde ich so nicht sagen.

Können Sie sich eine Rückkehr Fischers vorstellen?

Fischer ist eine außerordentliche politische Begabung, ich wüsste nicht, was ihm verschlossen wäre, wenn er das will, die Partei das will, die Gesellschaft es will.

Wie haben Sie sich während der Koalitionsverhandlungen entspannt?

Sonntags fünf Stunden stramm mit meiner Frau wandern auf der Schwäbischen Alb. Die Schwäbische Alb ist ein freundliches Gebirge mit ihrem hellen Gestein, das braucht man in so angespannten Zeiten, in denen nicht immer alles freundlich ist.

Sie lesen viel. Gibt es einen Schriftsteller, der Sie immer wieder fasziniert, zu dessen Werken Sie immer wieder zurückkehren?

Ich lese gerne Philosophen. Es gibt aber zwei Bücher, die für mein Leben sehr wichtig waren: Thomas Manns „Joseph und seine Brüder“ und Milan Kunderas „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“. Ich bin ein gläubiger Mensch, aber ein zweifelnder Gläubiger. Die Feuerbachsche Frage, sind wir Geschöpfe Gottes oder ist Gott eine Projektion der Menschen, spielt in Thomas Manns Roman ja eine zentrale Rolle. In dem Roman wird auf diesem Grat gewandert, und das beruhigt sehr, wenn man ein zweifelnder Gläubiger ist. Mein Glaube ist fest, aber vielleicht nur einprozentig. In Kunderas Buch gibt es ein Kapitel „Der lange Marsch“. Nach meinen maoistischen Verirrungen als Student war es für mich sehr befreiend, dass er solche Ideen als Kitsch bezeichnet hat. Damals stand ich in Esslingen mit der Kommunistischen Volkszeitung. Das war so wie mit den Zeugen Jehovas, die auch eine Zeitung anbieten, die keiner haben will.

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