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Im Gespräch: Winfried Kretschmann : „Wir haben Sonne im Herzen“

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Sie haben aber Wind im Blut . . .

. . . wir haben Sonne im Herzen, und vor allem habe ich Ruhe im Blut. Wenn ich sage, wir gehen die Reform behutsam und mit Maß an, heißt das auch, dass keine feindliche Übernahme des Landes bevorsteht. Seine wirtschaftliche Prosperität soll aber in Einklang mit unseren Lebensgrundlagen gebracht werden. Wir wollen zeigen, dass die Ökonomie nicht nur nachhaltig werden muss, sondern dass sie es auch kann. Wo, wenn nicht in diesem Land mit seinen wirtschaftlichen Stärken und seiner exzellenten Forschungslandschaft, sollte das besser gelingen können.

Sie haben immer gesagt, die Grünen seien keine Volkspartei. Wer in langen Perspektiven denke, eigne sich dazu nicht. Jetzt sind Sie zumindest numerisch in einer Art Volkspartei-Position.

Wir haben eine klare Idee von Gesellschaft im Sinne der Nachhaltigkeit. Jetzt müssen wir beweisen, dass es in diese Richtung geht, und zwar im Kern der Gesellschaft und nicht in Nischen und am Rand. Wir können zeigen, dass es in einem Kernland einer Industrienation umsetzbar ist, ohne dass die Leute das Gefühl haben, dass sie bei sich und in ihrer Umgebung das Unterste zuoberst kehren müssten.

Nicht nur die SPD, auch die Industrie war irritiert, als Sie kürzlich sagten, weniger Autos wären besser. Glauben Sie, dass die Industrie Ihnen bei der Nachhaltigkeit folgen wird?

Ja, absolut. Viele Betriebe haben sich längst darauf eingerichtet, um in den Märkten bestehen zu können. Wenn ich ein Allzeithoch des Kupferpreises habe, dann verlangt der Markt den effizienten Einsatz von Ressourcen. Und weil das Zeitfenster, um den Klimawandel zu bremsen, noch viel kleiner ist, als wir dachten, muss der Prozess zu nachhaltigem Wirtschaften beschleunigt werden.

Sie haben im Wahlkampf eine Politik des Gehörtwerdens und die Bürgergesellschaft propagiert. Im Protest gegen „Stuttgart 21“ sehen Sie das Bedürfnis der Bürger nach mehr politischem Engagement. Wie wollen Sie damit nun, da Sie an der Macht sind, umgehen?

Das ist die eigentliche Herausforderung, vor der wir und auch ich persönlich stehen. Wie lässt sich das Regieren in einer aufgeklärten Gesellschaft, auch wenn es in einem repräsentativen System vermittelt ist, lebendiger machen. Stuttgart 21 hat gezeigt, dass die Zivilgesellschaft selbst bis in technische Details hinein einem Großunternehmen wie der Bahn die Stirn bieten kann. Als Regierende müssen wir es hinkriegen, uns auf Augenhöhe mit den Bürgern zu begegnen, aber am Schluss doch kraftvoll Entscheidungen zu treffen.

Was werden Sie tun, um dem Bürgerwillen in der Politik mehr Geltung zu verschaffen?

Die Leute müssen wissen, wohin sie sich mit ihren Fragen und ihrer Kritik wenden können, und zwar in jedem Ministerium. Viele Kommunen haben Bürgerbüros, das wird gut angenommen. Diese Stufe müssen wir auf der Landesregierungsebene auch erreichen, und zwar institutionell.

Selbst wenn Sie einen Bürgerdialog institutionalisieren, am Ende wird es immer Unterlegene geben.

Streit ist der Kitt einer modernen Demokratie. Aber er muss zivilisiert ausgetragen werden. Die Institutionen und die Landesregierung können das nicht alleine schaffen, da gibt es auch eine Bringschuld der Bürger. Wenn das nicht gelingt, öffnen wir die Tore für Demagogen und Populisten.

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