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Der Wahlabend in Stuttgart : Die Nacht der großen Worte

Stefan Mappus gibt am Sonntagabend ein Fernsehinterview Bild: dapd

Auf der Wahlveranstaltung der Grünen in Stuttgart weinen manche vor Glück. „Historisch“ und „epochal“ sind die Wörter des Abends. Fast sechzig Jahre lang gehörten die Villa Reitzenstein und die CDU so selbstverständlich zueinander wie Rostbraten und Spätzle: Das ist nun vorbei.

          Mehr als zwanzig Großscheinwerfer illuminierten schon am Freitagabend das Neue Schloss und den Schlossgarten in der baden-württembergischen Landeshauptstadt. Für die Kommentierung des historischen Ereignisses, das so oder so zu erwarten war, sollte die Kulisse stimmen. Fast sechzig Jahre lang gehörten die Villa Reitzenstein und die CDU, der Regierungssitz und die selbsternannte Baden-Württemberg-Partei, so selbstverständlich zueinander wie Rostbraten und Spätzle. Politik war ein einfaches Spiel: Zu jeder Wahl traten einige Parteien an - und am Schluss gewann immer die CDU. Am 27. März, als um exakt 18 Uhr die ersten Prognosen veröffentlicht werden, ist es damit vorbei.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          „Oben bleiben, oben bleiben“, rufen einige Störer im Landtagsgebäude. Lächelnd kommt Stefan Mappus um 18.50 Uhr in das Landtagsfoyer. Er kämpft sich durch. „Dies ist ein bitterer Tag für die CDU in Baden-Württemberg und für mich persönlich, es ist aber auch ein bitterer Tag für die Menschen in Baden-Württemberg“, sagt er. Dann ruft einer „Quatsch“ dazwischen. Mappus spricht weiter. Er zählt all die Ereignisse auf, von denen er glaubt, dass sie zur Niederlage beigetragen haben könnten. „Die CDU lag zwischenzeitlich bei 42 Prozent.“

          Dann kommt er auf die Zukunft zu sprechen. Die stolze CDU Baden-Württembergs werde wieder kommen, er werde in den nächsten Tagen dazu seinen Teil beitragen. „Ich wünsche diesem Land alles Gute, ich liebe dieses Land“, sagt er und geht dann die Treppe hoch zu den Fernsehsendern. Welchen Weg der Landesverband in den nächsten Tagen einschlagen wird, ist unklar. Alle Mandatsträger wissen, wie schwer es war, die Person Mappus an den Ständen zu verteidigen. Ob über den Parteivorsitz auf einem Parteitag oder mit einer Mitgliederbefragung entschieden wird, ist umstritten. Einige halten Umweltministerin Tanja Gönner für eine geeignete künftige Landesvorsitzende und empfehlen, den Fraktionsvorsitzenden Peter Hauk im Amt zu bestätigen.

          Winfried Kretschmann am Sonntag nach Bekanntgabe der ersten Hochrechnungen

          Andere halten eine Mitgliederbefragung für das geeignete Instrument. Das Wahlergebnis sei eine tiefe Zäsur. „Wir sollten jetzt nicht aus der Hüfte schießen, das braucht etwas Zeit, eine Mitgliederbefragung macht man eher auf der Zielgeraden“, sagt Thorsten Frei, der Oberbürgermeister von Donaueschingen. Er gehört zu den jungen Hoffnungsträgern. Am Montagabend wollen Landesvorstand und Präsidium noch einmal über das weitere Vorgehen beraten. Was es nun heißt, Oppositionspartei zu sein, bekommt Generalsekretär Thomas Strobl zu spüren. Er gehört zu den ersten führenden Landespolitikern, die sich in den Landtag wagen. Der Grüne Fritz Kuhn hat viele Minuten geredet, als er fertig ist, sagt der Moderator: „Nun noch einen Satz für den Verlierer.“

          Unter den Grünen ist schon früh klar, dass eigentlich kaum etwas noch schiefgehen kann. Schon am Nachmittag kommt Rezzo Schlauch, ehemals Staatssekretär im Wirtschaft- und Arbeitsministerium, in den Landtag. In Baden-Württemberg ist er seit den ersten Tagen bei den Grünen dabei und nimmt für sich an so einem Tag auch mal in Anspruch, über Jahre bei den Wählern das Vertrauen geschaffen zu haben, das sich nun in Wählerstimmen niedergeschlagen hat. Er ist einer derjenigen, die im Unterschied zu anderen Grünen noch nie Schwierigkeiten mit dem Regieren gehabt haben. Dementsprechend ist seine Stimmung.

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