https://www.faz.net/-gpf-yszp

Baden-Württemberg nach der Wahl : Die Angst der grünen Sieger

Sein Vorgänger nahm bürgerliche Beständigkeit für sich in Anspruch, er strahlt sie einfach aus: Winfried Kretschmann Bild: dpa

Schon 1982 waren die Grünen im Ländle für Regierungsbeteiligung. Jetzt stellen sie den Ministerpräsidenten. Doch die Nervosität vieler Grüner ist mit Händen zu greifen: Sie brauchen neues Personal - und müssen Kompromisse eingehen.

          3 Min.

          Dieser Tage kursiert in grünen Kreisen die Geschichte vom Chef eines großen Automobilzulieferers aus Baden-Württemberg. Der habe im Wahlkampf eine Anzeige für die CDU unterschrieben. Und dann habe er sein Kreuzchen woanders gemacht, nämlich bei den Grünen. Es ist eine Geschichte, die all jene beruhigen soll, die sich sorgen, wie die Grünen ihren Regierungsauftrag in einem Bundesland bewältigen können, das sechs Jahrzehnte lang von der CDU regiert wurde. Denn ein bisschen fühlen sich die Wahlsieger wie der Kolonialwarenhändler, der plötzlich das ganze Einkaufszentrum managen soll. Die Geschichte soll zudem eine Botschaft vermitteln: Wir sind auch eine konservative Partei.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Auf ihre konservativ-liberalen Wurzeln haben sich die Grünen in Baden-Württemberg von jeher etwas eingebildet. Erfinder der Realos seien sie gewesen. Zumindest haben sie hier 1980 im ersten Flächenland die Fünf-Prozent-Hürde geknackt, mit dem smarten Vorsitzenden Wolf-Dieter Hasenclever, der später bei der FDP landete. Ein großer Teil der Parteitagsdelegierten kam damals von den Anthroposophen. Und schon 1982 waren Grüne im Ländle für Regierungsbeteiligung. „Wir haben schon Mitte der achtziger Jahre mit Daimler ein Verkehrskonzept in Stuttgart diskutiert, als in Nordrhein-Westfalen Gespräche mit Wirtschaftsverbänden noch des Teufels waren“, erinnert sich Rezzo Schlauch, schwäbischer Grüner der ersten Stunde.

          Bedächtig und bodenständig

          Das ist zwar nur die halbe Geschichte der Grünen im Südwesten. Aber sie passt zu Winfried Kretschmann, dem designierten Ministerpräsidenten. Sein Gegner, Stefan Mappus von der CDU, hatte zwar den Anspruch vor sich hergetragen, konservativ zu sein, aber er strahlte kaum bürgerliche Beständigkeit aus. Kretschmann hingegen hat das Bedächtige und Bodenständige gelebt: Oberstudienrat mit den Fächern Biologie, Chemie und Ethik, überzeugter Katholik und Kirchgänger, immer im Hader mit den Linken in seiner Partei, die ihn 1990 gar ausschließen wollten. Kretschmann überlegte damals, ob er zur CDU oder SPD wechseln sollte - und tat es nicht. Seine linksradikale Phase hatte er in seinen Mittzwanzigern für fünf Jahre im Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW) durchlebt. Das Maß an Verblendung hat ihn noch Jahrzehnte später verwundert. Dass er einmal sektenpolitischer Sprecher seiner Partei wurde, hat er als gerechte Strafe empfunden.

          Könnte leicht die Rolle des Nebenministerpräsidenten übernehmen: Boris Palmer

          In der verjüngten grünen Landtagsfraktion, die nun 36 statt zuvor 17 Abgeordnete zählt, sitzen viele, die nicht einmal geboren waren, als „Kretsch“ mit den Linksradikalen brach. Da gibt es den Wirtschaftsjuristen Anfang 30 oder den promovierten Wirtschaftsingenieur gleichen Alters. Natürlich darf der Biobauer nicht fehlen. Der ist allerdings mit der örtlichen CDU-Oberbürgermeisterin liiert.

          Wahlrecht brach alle grünen Quotenregeln

          Weitere Themen

          Die neue deutsch-französische Devise

          Merkel trifft Macron : Die neue deutsch-französische Devise

          Für mehr als freundschaftliche Gesten fehlen Angela Merkel und Emmanuel Macron derzeit die Kraft: neue EU-Kommission, Rüstungsexportregeln oder EU-Beitrittsverhandlungen – gemeinsam gelingt ihnen vor allem das Vertagen.

          Topmeldungen

          737-Max-Flugzeuge von Boeing stehen auf einem Gelände des Unternehmens in Seattle.

          Krise um 737 Max : Immer mehr schlechte Nachrichten für Boeing

          Es steht nicht gut, um den Flugzeugbauer Boeing: Der politische Druck rund um die Ermittlungen zu den beiden Abstürzen der 737-Max-Maschinen wird immer größer – und nun verliert das Unternehmen auch an der Börse immer mehr an Wert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.