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Kritik an Gemeinschaftsschulen : Lehrer wie Dompteure im Zirkus 

Im einleitenden Unterrichtsgespräch im Englischunterricht einer besuchten Gemeinschaftsschule treten die Niveauunterschiede der Schüler offen zutage. Während eine Schülerin flüssig reden konnte, suchte ihre Nachbarin nach Worten und konnte kaum folgen. Ein fremdsprachliches Unterrichtsgespräch war deshalb nur partiell möglich. Was zu tun war, musste vorsichtshalber auf Deutsch wiederholt werden, um Missverständnisse auszuschließen. Selbst der entschiedene Befürworter der Gemeinschaftsschule, der Tübinger Schulleiter Joachim Friedrichsdorf hat kürzlich öffentlich gesagt, die Kommunikation komme im Fremdsprachenunterricht der Gemeinschaftsschule zu kurz, weil verstärkt mit schriftlichen Materialien gearbeitet werden müsse, um die drei unterschiedlichen Niveaustufen zu gewährleisten. Die Schulbuchverlage haben längst Bücher für verschiedene Anforderungen gedruckt, die Schüler können schon an den Farben erkennen, wo sie selbst stehen. Unter manchen Lehrern herrscht nicht selten Ratlosigkeit, welche Fähigkeiten für welches Niveau erreicht werden müssen. Und wie soll denn ein Hauptschullehrer eine Vorstellung von gymnasialem Niveau haben? Ob sie alle im Herbst mit dem neuen Bildungsplan genauer Bescheid wissen?

Schlechte Chancen für Versetzung in Oberstufe

Vielen Eltern ist vermutlich nicht klar, dass ihre Kinder auf der Gemeinschaftsschule kaum mit einem erfolgreichen Übergang in eine Oberstufe rechnen können, die ohnehin nur an den wenigsten der 271 Gemeinschaftsschulen eingerichtet werden kann. Die Anträge dafür können erst von September 2016 an von den Gemeinschaftsschulen gestellt werden, die dann mit der neunten Klasse beginnen. Bis zur achten Klasse einschließlich kann sich ein Schüler einer Gemeinschaftsschule in einem Fach auf Hauptschulniveau, in einem auf Realschul- und in einem weiteren auf Gymnasialniveau bewegen und wird auch entsprechend bewertet. Das endet dann jedoch jäh. Nach einer Verordnung vom Sommer letzten Jahres müssen die Leistungen in Klassenstufe 9 durchgängig in allen Fächern auf dem Niveau der Bildungsstandards der Realschule oder des Gymnasiums liegen, um einen dem Hauptschulabschluss gleichwertigen Bildungsstand zu haben. „Schüler, die in Klasse 10 durchgängig in allen Fächern und Fächerverbünden ihre Leistungen nach den Bildungsstandards des Gymnasiums erbracht haben“ und versetzt werden könnten, „haben einen dem Realschulabschluss gleichwertigen Bildungsstand“.

In seiner siebten Klasse erreiche kein Gemeinschaftsschüler auch nur das mittlere, also das Realschulniveau, berichtet ein Lehrer. Ein Gymnasiallehrer hat in seiner fünften Klasse probeweise die Lernstandserhebung in Deutsch schreiben lassen, die von diesem Schuljahr an ebenso verpflichtend ist wie die Vergleichsarbeiten VERA 8 in der achten Klasse, die jedoch nicht benotet werden und auch nicht in die Leistungsbewertung des Schülers eingehen. Solche Leistungserhebungen (VERA 8 ist ein bundesweit gültiges Verfahren) dienen dazu, die eigene Klasse mit Parallelklassen und mit anderen Schulen im Land zu vergleichen, und sollen die Schul- und Unterrichtsentwicklung an der jeweiligen Schule voranbringen. Sie dienen als interne Rückmeldung.

52 Prozent seiner Fünftklässler lagen bei der Lernstandserhebung unter dem erwarteten Niveau. Ihre Lesegeschwindigkeit bewegte sich auf dem niedrigsten Level, auch beim Leseverständnis erreichte der weitaus größte Teil der Schüler nur das unterste Niveau, nur eine Schülerin wies die Fähigkeiten auf, die in der fünften Klasse eigentlich erreicht sein müssen.

Das sind genau die Grundlagen, die für jeden späteren Abschluss zählen. Schließlich waren Schülern und Eltern doch in Hochglanzbroschüren bessere Lernergebnisse durch die Gemeinschaftsschule versprochen worden. Der Beweis dafür steht noch aus. Er wird erst dann erbracht, wenn es echte Leistungsvergleiche gibt. Solange wird die Gemeinschaftsschule im pietistisch geprägten Baden-Württemberg weiterhin ein Glaubensobjekt bleiben. Für Kritiker gilt wie in jedem Glaubenskampf: „Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich.“

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