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Kritik an Gemeinschaftsschulen : Lehrer wie Dompteure im Zirkus 

Ministerium verspricht Verbesserung

In Gemeinschaftsschulen, deren Kollegien und Schulleitungen an einem Strang ziehen und versuchen, die besten Lernumgebungen zu schaffen, treffen sich junge engagierte Lehrer häufig noch abends in ihrer Freizeit für Teambesprechungen und zum Erfahrungsaustausch. Viele von ihnen sind begeistert bei der Sache, das scheint vor allem für die ersten beiden Schuljahre fünf und sechs zu gelten, also für die Orientierungsstufe. Alle, die der F.A.Z. Auskunft gaben, wünschen sich jedoch mehr Zeit für die Vorbereitung und auch klarere Vorgaben für die unterschiedlichen Niveaustufen.

Das Ministerium verweist in diesem Zusammenhang auf den Lehrplan für die Gemeinschaftsschule, der im Herbst kommen soll. Die Anforderungen seien präziser, die Beschreibungen der Fähigkeiten, die Schüler erreicht haben müssten, detaillierter formuliert, heißt es in einer Stellungnahme gegenüber der F.A.Z.. Darüber hinaus könnten die Schulen demnächst ein spezielles Computerprogramm zur Erstellung eigener Kompetenzraster und zur Vernetzung der Schulen untereinander nutzen. Solche Kompetenzraster beschreiben, welche Fertigkeiten Schüler im Laufe des Lernprozesses entwickeln und ausbauen werden. Sie können jeweils für bestimmte Lernzeiträume, aber auch für einen bestimmten Abschluss wie die mittlere Reife definiert werden.

Der gewaltige Zeitaufwand für die Unterrichtsvorbereitung und die individuellen Arbeitsphasen mit Lernpaketen führen dazu, dass die sogenannten Coaching-Gespräche über individuelle Lernfortschritte und Schwierigkeiten mit den Schülern an manchen Schulen nur sporadisch stattfinden, zwei der untersuchten zehn Schulen stellten die Coaching-Gespräche sogar ein, hieß es im kurzen Abschlussbericht zur Begleitforschung.

Lehrer fürchten die Konsequenzen ihrer Kritik

Ein Recherchebesuch an einer Gemeinschaftsschule zeigt, wie solche Coaching-Gespräche verlaufen. Die Selbsteinschätzung der Fünftklässlerin ist erstaunlich treffend, das Gespräch sehr offen, das Mädchen weiß genau, woran es arbeiten muss. Die Grenzen zwischen Fachlichem und Persönlichem sind fließend. Nicht immer wird die Rollentrennung so klar eingehalten wie an dieser Schule, an der auch allerhöchster Wert auf Disziplin und Ruhe gelegt wird. Sobald der Klassenlehrer auch noch Coach sein soll, funktioniert diese Gesprächsform nicht mehr, viel Fingerspitzengefühl ist vonnöten. Das Kultusministerium bestreitet, dass die Lehrer darauf nicht ausreichend vorbereitet sein könnten, und verweist darauf, dass angehende Lehrer lernen, förderliche Rückmeldungen zu geben.

Bedenklich stimmt, dass Kritik an der neuen Schulform vielerorts nicht geduldet wird. Lehrer, die das Konzept grundsätzlich kritisierten, fühlten sich als Nestbeschmutzer ausgegrenzt oder disziplinarrechtlich zum Schweigen gebracht. Von den berichteten disziplinarrechtlichen Drohungen durch zuständige Regierungspräsidien hat das Kultusministerium nach eigenen Angaben keine Kenntnis. Viele Lehrer, die der F.A.Z. Auskunft gaben, fürchten aber um ihre Existenz, wenn sie an die Öffentlichkeit treten. Ihre Namen und Schulorte werden hier und im folgenden deshalb nicht genannt. Die Wahrhaftigkeit aller Erfahrungsberichte ist eidesstattlich versichert worden. Nicht nur Gymnasiallehrer, die an der Gemeinschaftsschule besonders dringend gebraucht werden, sind unzufrieden, das gilt auch für Haupt- und Realschullehrer, die einem Gespräch zugestimmt hatten.

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