https://www.faz.net/-gpf-a3x2h

In Bedrängnis gegen Trump : Biden tut sich schwer

  • -Aktualisiert am

Joe Biden beim TV-Duell mit seinem Gegner Donald Trump Bild: Reuters

Der demokratische Kandidat hat letztlich nur einen Trumpf: Er ist nicht Trump. Aber der 77 Jahre alte Herausforderer schafft es in der Fernsehdebatte nicht, Zweifel an seiner Durchsetzungsstärke zu zerstreuen.

          3 Min.

          Wer auf ein baldiges Ende der Ära Trump hofft, der mag hieraus Hoffnung schöpfen: In seinem ersten Fernsehduell gegen Joe Biden wurde der Präsident immer wieder energisch zurechtgewiesen, wenn er die Regeln brach, denen er selbst zugestimmt hatte. Er wurde präzise auf Logikfehler in seiner Argumentation angesprochen und er wurde genötigt, zu heiklen Fragen Stellung zu beziehen: Verurteilt er die Aufmärsche weißer Rassisten? Glaubt er an den menschengemachten Klimawandel? Ist er bereit, eine etwaige Wahlniederlage anzuerkennen? Das Problem: All das war Chris Wallace zu verdanken, dem Moderator vom Sender Fox News. Der demokratische Kandidat Joe Biden dagegen tat sich sehr schwer, Trumps Aggressivität etwas entgegenzusetzen.

          Natürlich kann man Biden trotzdem zum Sieger der Debatte erklären, denn schließlich war es Trump, der sich von der ersten Minute an von seiner unangenehmsten Seite zeigte: Der Präsident ließ Biden selten ausreden; er verlagerte sich auf persönliche Attacken, sobald es inhaltlich unangenehm für ihn wurde; er flüchtete sich in Unwahrheiten und weigerte sich abermals, einen friedlichen Machtwechsel zu versprechen.

          Doch das alles ist nicht neu. Trump zeigte sich einfach so, wie ihn die Amerikaner schon viele Jahre tagtäglich erleben. In den Augen seiner Gegner: schamlos, respektlos, mitleidslos (etwa gegenüber den mehr als 200.000 Corona-Toten in seinem Land) und obendrein oft ahnungslos. In den Augen seiner Anhänger dagegen: ein Macher, der sich nicht an überkommene Konventionen des politischen Establishments hält und sich niemals unterbuttern lässt. Kurzum: Trump wird durch die Debatte weder viele Unterstützer verloren noch neue Sympathisanten gewonnen haben.

          F.A.Z.-Newsletter „Amerika wählt“

          Kann Trump sich gegen Biden behaupten? Eine persönliche Einschätzung und die wichtigsten Amerika-Analysen der F.A.Z. jeden Donnerstag in Ihrem E-Mail-Postfach.

          Bitte beachten Sie unsere Datenschutzhinweise.

          Das mag eine gute Nachricht für Biden sein, der in den Umfragen schließlich schon lange führt. Doch mit seinem eigenen Auftritt kann der Demokrat auch nicht zufrieden sein. Denn der war nicht geeignet, die von Trump seit Monaten bösartig gestreuten Zweifel an der Führungsstärke von „Sleepy Joe“ zu beseitigen. Wollen die Amerikaner einen Mann als Präsidenten und Oberbefehlshaber der Streitkräfte, der bei einer Fernsehdebatte gegen den Amtsinhaber immer wieder Hilfe beim Moderator sucht? Der sich recht zuverlässig verhaspelt, wenn er Zahlen und Fakten aufzählt? Reicht ihnen die Erkenntnis, dass Joe Biden die besseren Manieren hat? Oder hätten sie sich mehr Hinweise darauf gewünscht, dass der demokratische Kandidat auch mit einem Wladimir Putin, Xi Jinping oder Kim Jong-un fertig würde?

          Zu selten hat Biden sich den Raum geschaffen, um überzeugend eigene Pläne darzulegen, anstatt nur über die ungehobelte Unbedarftheit des „schlechtesten Präsidenten, den wir je hatten“ zu lamentieren. Wenn doch, dann waren es meist Versatzstücke, die man aus der Obama-Regierung kannte. Dass Biden die Fahrzeugflotte des Bundes auf E-Autos umrüsten und die von Trump abgeschafften Subventionen für Wärmedämmung wieder einführen will, wird nicht viele jener jungen Amerikaner begeistern, die den Klimawandel für die größte Bedrohung ihrer Zukunft halten. Genauso wie in Bidens eigener Partei nicht mehr viele Leute glauben, dass Amerika sein Problem mit strukturellem Rassismus und Polizeigewalt in den Griff bekommt, indem man Vertreter der Bürgerrechtsbewegung und von Polizeibehörden ins Weiße Haus einlädt.

          Schlimmer noch für Biden: Immer wieder ließ er sich von Trump zu Äußerungen verführen, welche die Kluft zwischen seiner moderaten Haltung alter demokratischer Schule und den heute tonangebenden Aktivisten vom linken Flügel offenbarten. Er wirkte schwach, als er sich etwa weigerte, die Frage zu beantworten, ob die Demokraten die Regeln ändern und den Supreme Court erweitern würden, um nach einem etwaigen Wahlsieg im Hauruckverfahren ein linksliberales Übergewicht auf der Richterbank herzustellen. Wie passte das zu seiner Behauptung, die Demokratische Partei – das sei jetzt er? Auch beim Thema Polizeigewalt geriet Biden bei dem Versuch ins Schlingern, Mitte-Wähler zu umgarnen, ohne sein eigenes Lager zu verärgern. Am schlimmsten führte Biden seine Schwäche vor, als er erst energisch bestritt, dass der von Parteilinken forcierte „Green New Deal“ sein Plan sei, um ihn dann als ein Vorhaben zu verteidigen, das sich selbst finanzieren werde.

          Wer die Fernsehdebatte mit genug gutem Willen verfolgt hat, um in dem ganzen Krach die Haltungen der Kandidaten in Sachfragen herauszuhören, der hat von Joe Biden meist die überzeugenderen Ansätze gehört: Die Rettung von „Obamacare“ ist allemal mehr wert als Trumps seit Jahren nicht erfülltes Versprechen, den Amerikanern einen viel besseren Versicherungsschutz für viel weniger Geld zur Verfügung zu stellen. Trump hat zum Thema Corona-Bekämpfung nicht mehr anzubieten als Vorwürfe gegen China und gegen demokratische Gouverneure, während Biden immerhin eine Richtung andeutete: Er will Betrieben und Schulen die Mittel zur Verfügung stellen, die es ihnen ermöglichen würden, epidemiologisch sicher zu funktionieren. Niemand, der den Klimawandel ernst nimmt, wird sich von Trumps seit Jahren gleichlautendem Versprechen einlullen lassen, für „makellose Luft und makelloses Wasser“ zu sorgen. Jeden demokratisch gesinnten Patrioten muss es schmerzen zu hören, wie sich der Präsident zu keiner schärferen Verurteilung rassistischer Milizen durchringen konnte als zu dem Appell „Zieht euch zurück, haltet euch bereit“. Oder wie Trump das Wahlergebnis vorbeugend anzweifelt.

          Vermutlich ungewollt hat Joe Biden aber vor dem größtmöglichen Publikum deutlich gemacht, dass er nur ein Mann des Übergangs ist. Ein Kandidat ohne Visionen, der die Trump-Jahre abwickeln und das Land zurück auf Los führen will. Seine Hoffnung ist, dass die Unart des Präsidenten die Wähler der Demokraten mobilisiert. 2016 hatte das für Hillary Clinton nicht funktioniert. Die meisten Zweifler in den eigenen Reihen wird Biden in der Debatte nicht von sich überzeugt haben.

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Keine Trump-Euphorie mehr in Kallstadt Video-Seite öffnen

          Heimatort der Großeltern : Keine Trump-Euphorie mehr in Kallstadt

          Anfangs sahen die Einwohner von Kallstadt in Rheinland-Pfalz die Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten mit großem Interesse, denn Trumps Vorfahren stammen aus dem Winzerdorf. Inzwischen scheint das Interesse allerdings erlahmt zu sein. Ein Stimmungsbild kurz vor der Präsidentenwahl Anfang November, bei der sich Trump zur Wiederwahl stellt.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.