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Trump nennt sie Trottel : Ein Präsident, der Gefallene verhöhnt

Thank you for your service – Donald Trump salutiert einem Marine-Soldaten auf dem Rasen des Weißen Hauses. Bild: EPA

Donald Trump war einst unter Soldaten beliebt. Das hat sich drastisch geändert. Dafür, dass es so bleibt, tut der Amtsinhaber gerade eine Menge – allen Dementis zum Trotz.

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          Einzelposten des Pentagon-Etats zählen nicht zu den Angelegenheiten, mit denen sich Donald Trump üblicherweise befasst. Am Freitagnachmittag aber, als sich die Amerikaner auf das lange Labor-Day-Wochenende vorbereiteten, teilte der Präsident auf Twitter mit: Die Vereinigten Staaten würden nicht der Soldatenzeitung „Stars and Stripes“ den Etat streichen. Das Blatt werde auch weiterhin eine wunderbare Informationsquelle für unser „großartiges Militär“ sein.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Eigentlich hatte das Verteidigungsministerium beschlossen, dass die stolze Zeitung, die während des Bürgerkriegs gegründet worden war, im Zuge der allgemeinen Sparmaßnahmen eingestellt werde. Proteste auch aus dem Kongress halfen nicht. Nun aber trat der Präsident als Retter der Zeitung auf, welche der nichtgediente Mann offenbar nie in der Hand hatte, schließlich nannte er sie in dem Tweet ein „Magazin“. Trumps Entscheidung fiel wenige Stunden nach der Veröffentlichung eines Artikels in der Zeitschrift „The Atlantic“, der äußerst abfällige Bemerkungen des Oberbefehlshabers über Soldaten enthielt.

          Nur Trottel lassen sich töten

          Der Präsident hatte den Inhalt des Berichts sogleich dementiert: Nie habe er so etwas gesagt. Es gebe niemanden, der die Soldaten mehr respektiere als er. Doch offenbar glaubte er, diesen Respekt neuerlich unterstreichen zu müssen. Nun wird „Stars and Stripes“ fürs Erste weitergedruckt. Die Geschichte ist – wenige Wochen vor der Präsidentenwahl – für Trump äußerst unangenehm: Erstens, weil andere Medien die Richtigkeit des Artikels, in dem sich die Zeitschrift auf vier anonyme Quellen berief, bestätigten. Und zweitens, weil die kolportierten Zitate genauso klingen, wie sich Trump immer wieder äußert. Man hört ihn die Worte förmlich sagen. Etwa jene, die er 2018 während eines Besuchs in Frankreich anlässlich des Gedenkens an das Ende des Ersten Weltkriegs geäußert haben soll: „Warum sollte ich zu dem Friedhof fahren? Da liegen doch nur Verlierer.“ Später nannte er die mehr als 800 Marineinfanteristen „Trottel“, weil sie sich hätten töten lassen.

          Trump hatte einen Besuch auf dem amerikanischen Soldatenfriedhof Aisne-Marne kurzfristig abgesagt. Offiziell hieß es seinerzeit: Wegen des Regens könne der Hubschrauber des Präsidenten nicht fliegen. In dem Artikel wird nun aber berichtet, Trump habe sich um seine Frisur gesorgt, in der viel Haarspray steckt und die weder Wind noch Regen verträgt. Ohnehin habe er es nicht verstanden, warum er die in der Schlacht im Belleau-Wald gefallenen Soldaten ehren solle.

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          Die Amerikaner, die, wenn sie auf Soldaten treffen, sich stets bei ihnen für deren Dienst bedanken („Thank you for your service“), erinnern sich noch gut daran, wie Trump einst John McCain verunglimpfte. Der 2018 verstorbene republikanische Senator war einst in Vietnam in Kriegsgefangenschaft geraten. Trump sagte 2015, als er sich um die Präsidentschaftskandidatur bewarb, McCain sei für ihn „kein Kriegsheld“. Er möge Leute, die nicht in Gefangenschaft gerieten.

          Trump selbst wurde seinerzeit wegen eines Knochensporns zurückgestellt. Sein früherer Anwalt Michael Cohen, der die Gründe für die Ausmusterung im Wahlkampf 2016 zu erläutern hatte, behauptete später allerdings, Trump habe ihm gesagt: „Hältst du mich für blöd?“ Er habe natürlich dafür gesorgt, dass er nicht nach Vietnam musste.

          Die Geschichte im „Atlantic“ enthält noch andere abfällige Zitate. So soll er McCain einen „verdammten Verlierer“ genannt und seinen früheren Heimatschutzminister John Kelly, dessen Sohn 2010 in Afghanistan gefallen war, am Memorial Day 2017 am Grab in Arlington gefragt haben: „Ich verstehe es nicht. Was konnte für sie dabei rausspringen?“ Kelly, der später Stabschef des Weißen Hauses wurde und Ende 2018 mit Trump brach, schweigt öffentlich zu der Geschichte. Aber frühere Mitarbeiter sagen, Kelly habe seinerzeit begriffen, dass für Trump alles ein Geschäft sei. Das Konzept des selbstlosen Dienstes an der Nation verstehe er nicht.

          Trump fiel mit seinen üblichen Tiraden über den Autor des Berichts her: „Fake News“ et cetera. Das lange Wochenende wurde für den Präsidenten aber noch unerquicklicher, da ihm klar wurde, dass Verbündete von ihm abrückten: Der Sender „Fox News“, der zunächst den Bericht in Zweifel gezogen hatte, ließ dann seine sicherheitspolitische Korrespondentin zu Wort kommen: Zwei ehemalige ranghohe Mitarbeiter des Weißen Hauses, die 2018 mit Trump nach Paris gereist waren, hätten den Kern des Artikels ihr gegenüber bestätigt, berichtete sie. Trump tobte nun und forderte den Sender auf, die Journalistin zu feuern. Das wiederum veranlasste einige Republikaner, die Reporterin zu verteidigen.

          Für Trump ist die Angelegenheit auch deshalb so verheerend, weil seine Beliebtheit unter Soldaten, die einst zum Kern seiner Wählerschaft gehörten, arg gelitten hat. Laut einer Umfrage der „Military Times“ wird Trump derzeit nur von 37 Prozent der aktiven Soldaten unterstützt; 41 Prozent favorisieren den Demokraten Joe Biden. Vor vier Jahren führte Trump in dieser Gruppe gegenüber Hillary Clinton mit 20 Prozentpunkten. Biden nannte Trumps Worte im Übrigen „absolut abscheulich“. Er bemühe sich stets, nicht die Fassung zu verlieren. Noch nie sei er in diesem Wahlkampf dem Punkt so nahe gekommen.

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