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Leser fragen – wir antworten : Warum kann Biden verlieren, wenn er die meisten Stimmen bekommt?

Eine Wahl, zwei Kandidaten, viele Fragen: Wir suchen Antworten für Sie. Bild: Reuters, dpa, Freepik, iStock (Bearbeitung F.A.Z.)

Wir beantworten Ihre Fragen zur Amerika-Wahl. In dieser Folge auch: Hört der Stammeskrieg der Amerikaner nach der Wahl wieder auf? Und warum haben die „Swing States“ mehr Einfluss?

          5 Min.

          Stehen sich die Amerikaner auch jenseits der Wahl so feindselig gegenüber?

          Wer durch das Land reist, wird in aller Regel freundliche Menschen erleben, die respektvoll miteinander umgehen. Man darf nicht vergessen, dass sich ein Großteil der Amerikaner für Politik nicht interessiert. Die es doch tun, meiden das Thema zunehmend im Gespräch mit Nachbarn, Arbeitskollegen und anderen Menschen, deren Ansichten sie nicht einschätzen können. Die politische und gesellschaftliche Polarisierung, von vielen Beobachtern längst als Stammeskrieg bezeichnet, macht sich im Alltag schon deshalb selten bemerkbar. 

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten.

          Allerdings geht der Riss durch viele Familien. Forscher wollen zum Beispiel nachgewiesen haben, dass nach Trumps Wahl weniger Familien zum traditionellen Truthahnessen an Thanksgiving zusammenkamen, weil etwa erwachsene Kinder aus demokratisch dominierten Großstädten die Heimreise aufs (konservative) Land vermieden. Mehr dazu, weitere Beobachtungen und eindrucksvolle Porträtfotos hier in einem Essay für den Bildband „Divided We Stand“.

          Der Stadt-Land-Gegensatz wächst und ist zunehmend ein Gegensatz zwischen Demokraten und Republikanern. Ein weiterer erschreckender Befund steckt in einer Studie, die das „Public Religion Research Institute“ voriges Jahr vorlegte: 45 Prozent der Anhänger der Demokraten und 35 Prozent der Republikaner gaben an, es würde sie unglücklich machen, wenn ihr Sohn oder ihre Tochter eine/n Anhänger/in der jeweils anderen Partei heiraten würde. Die Vorbehalte gegen die andere Partei sind demnach größer als die gegen andere ethnische Gruppen.

          Eine Rolle spielt wohl auch, dass den Amerikanern gemeinsame Helden fehlen: Der Spitzensport hat sich über den Rassismus-Streit ebenso politisiert wie Hollywood über die großen Schlachten des amerikanischen „Kulturkriegs“, von Homoehe bis Klimawandel. Auch die komplexen Kriege, die Amerika in diesem Jahrhundert geführt hat, fördern nicht wie einst (vermeintliche) Helden zutage, zu denen eine große Mehrheit der Amerikaner aufschauen möchte. Selbst das in Zeiten von Netflix und anderen Streaming-Diensten fragmentierte Fernsehen bietet Amerikanern aus beiden Lagern kaum gemeinsame Erlebnisse, über die sie bei der Arbeit reden und zusammenfinden könnten.

          Cliff Broussard (30) und Thor Delcambre (29), Waffenhersteller.  Carencro, Louisiana.
Cliff: „Wenn du in der Stadt lebst, hast du keine Hobbys wie Jagen. Du schießt nicht in deiner Freizeit, du übst nicht zielen oder solche Sachen. Als Zeitvertreib, weißt du. Ich meine, Waffen sind wie Baseball. Das ist amerikanisch.“
Thor: „Wenn man sich die großen Städte wie Detroit oder New York anschaut, die Menschen dort glauben nicht daran, dass man eine Schusswaffe besitzen sollte. Na ja, dabei ist das einer der unsichersten Orte, wo man sein kann. Sie werden von Kriminellen mit Schusswaffen angegriffen und haben selbst keine, um sich zu schützen. Und in den meisten Fällen würde kein Waffengesetz verhindern, was längst passiert ist. Und so denke ich, den Zugang zu Waffen schwieriger zu machen …“
Cliff: „…macht die Leute auch weniger sicher.“ Öffnen
          Amerikas Stammesfehde : MAGA-Kappen gegen Pussy-Mützen Bild: Braschler & Fischer

          Dass es im amerikanischen Alltag trotzdem nicht feindseliger zugeht, liegt wohl vor allem daran, dass die meisten Amerikaner inzwischen unter ihresgleichen leben und kaum mit Personen in Kontakt kommen, deren Weltanschauung anders ist. Dieses Phänomen wurde „The Big Sort“ genannt: die Bürger haben sich in räumlich-ideologische Blasen einsortiert. In der Politik haben es moderate Brückenbauer deshalb oft schwerer als Spalter.

          Wie kann in einer Demokratie der Kandidat mit den meisten Stimmen verlieren?

          Tatsächlich gelangt ins Weiße Haus nicht unbedingt der Bewerber, der landesweit die meisten Stimmen bekommt, sondern derjenige, der im „electoral college“ die Mehrheit der Wahlleute hinter sich versammelt. Sowohl der Demokrat Al Gore im Jahr 2000 als auch die Demokratin Hillary Clinton im Jahr 2016 unterlagen in dem maßgeblichen Gremium, obwohl sie mehr Stimmen bekommen hatten. Bei Gore hatte der Vorsprung etwa eine halbe Million, bei Clinton fast drei Millionen Stimmen betragen. Auch im 19. Jahrhundert war es dreimal zu einer solchen Diskrepanz zwischen dem „popular vote“ und dem „electoral vote“ gekommen. Das ist die Folge eines föderalen Systems, das so austariert wurde, dass kleine oder schwach besiedelte Bundesstaaten nicht völlig von den bevölkerungsreichen Staaten untergebuttert werden. Andernfalls hätten heutzutage insbesondere die Bewohner der großen Metropolen einen noch größeren Einfluss.

          Die Präsidentenwahl, das sind eigentlich 51 Wahlen: Sie findet in jedem der 50 Bundesstaaten sowie im Hauptstadtdistrikt nach jeweils eigenem Recht statt. Wie gering der Vorsprung auch sein mag: Wer in einem Bundesstaat gewinnt, bekommt automatisch sämtliche Wahlleute dieses Staats (außer in Maine und Nebraska). Von den vier bevölkerungsreichsten Staaten Kalifornien, Texas, Florida und New York hatten Clinton und Trump 2016 je zwei gewonnen. Trump errang seine Siege in Texas und Florida aber mit Werten von um die 50 Prozent, während Clinton in Kalifornien und New York mit jeweils um die 60 Prozent der Stimmen gewann. Doch ihren extragroßen Vorsprung belohnte das System nicht.

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