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Klima, Corona, Rassismus : Siegt Trumps Trotz über Bidens Vorsicht?

  • -Aktualisiert am

Lässt sich nichts verbieten: Am vorigen Sonntag hielt Trump eine Kundgebung in einer Halle nahe Las Vegas ab. Das widersprach den Corona-Regeln des Staates Nevada. Bild: AFP

Amerikas Westküste brennt. Unterstützer des Präsidenten aber ätzen, der Klimawandel sei wie „struktureller Rassismus im Himmel“. Soll heißen: Die Demokraten suchen Vorwände, um die Menschen zu gängeln.

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          Was haben der Klimawandel und der strukturelle Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft gemeinsam? Man könnte meinen: Beides sind Themen, die Präsident Donald Trump und dessen Unterstützer lieber meiden. Schließlich leiden Dutzende Millionen Amerikaner sieben Wochen vor der Präsidentenwahl unter den beispiellosen Waldbränden an der Westküste, während sich über dem Golf von Mexiko ein womöglich verheerender Hurrikan dem Südosten der Vereinigten Staaten nähert. Zugleich verschwinden die Fälle von Polizeigewalt gegen Schwarze (und von Gewalt gegen Polizisten) nicht aus den Schlagzeilen.

          So hat sich die Stadt Louisville im Staat Kentucky nun mit den Hinterbliebenen der Afroamerikanerin Breonna Taylor auf eine Zahlung von zwölf Millionen Dollar geeinigt, weil Polizisten die keiner Straftat verdächtige Frau im März nachts in ihrer Wohnung erschossen hatten. Aus der Stadt Rochester im Staat New York sind derweil neue Dokumente bekannt geworden, die belegen, wie Funktionäre monatelang versuchten, die Umstände des Todes von Daniel Prude unter den Teppich zu kehren; der Afroamerikaner war im März erstickt, als ihm Polizisten eine Kapuze über den Kopf gezogen und ihn am Boden fixiert hatten. Zugleich kämpfen in Los Angeles die Polizistin und ihr Kollege um ihr Leben, die am vorigen Samstag in ihrem Streifenwagen angeschossen wurden. Kurzum: Selbst wenn man die Corona-Pandemie für einen Moment vergisst, hat Trump nach knapp vier Jahren im Amt wenig vorzuweisen, wenn er sich als Garant für Sicherheit empfiehlt.

          „Und Sie sind daran schuld!“

          Also das Thema wechseln? Nein, so funktioniert Politik in Amerika schon lange nicht mehr und erst recht nicht in Zeiten des Trumpismus. Anstatt die Vorwürfe zu ignorieren, Trump leugne den Klimawandel und den Rassismus, gehen die Büchsenspanner des Präsidenten zum Frontalangriff über. Einige der bekanntesten konservativen Meinungsmacher in Funk und Fernsehen warfen den Demokraten vor, sie nähmen die Krisen als Vorwand, um die Menschen zu kontrollieren.

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          Der Fox-News-Moderator Tucker Carlson verstieg sich etwa zu der Formulierung, „Klimawandel ist wie struktureller Rassismus im Himmel“ und führte sarkastisch aus: „Man kann es nicht sehen, aber glauben Sie es nur, es ist überall, und es ist tödlich. Und wie beim strukturellen Rassismus sind Sie daran schuld.“ Der rechte Radio-Talker Mark Levin stieß in dasselbe Horn und erklärte, die Behauptung vom „menschengemachten“ Klimawandel diene genauso wie die Klage über den strukturellen Rassismus dazu, die Bürger kleinzuhalten, ihnen eine „Beichte“ abzunötigen und einen neuen, unfreien Lebenswandel aufzuzwingen.

          Abstand und Anstand: Keiner liebt es mehr als Joe Biden, im Wahlkampf Kinder zu herzen und Menschen nah zu kommen. Doch er hat sich Distanz auferlegt.
          Abstand und Anstand: Keiner liebt es mehr als Joe Biden, im Wahlkampf Kinder zu herzen und Menschen nah zu kommen. Doch er hat sich Distanz auferlegt. : Bild: AFP

          Es ist eine vergebliche Hoffnung, dass die dramatischen Bilder von der Westküste, wo Millionen Menschen wegen der gefährlichen Luft davor gewarnt werden, ihre Häuser zu verlassen, den politischen Streit kurz vergessen lassen könnten. Rush Limbaugh, Doyen aller rechten Radio-Talker, hatte keine Hemmungen, die betroffenen Staaten mitleidslos als „Left Coast“ abzutun. Was er damit sagen wollte: An Amerikas „linker Küste“ sind es ohnehin nur Demokraten, die keine Luft mehr bekommen. Dass die Rauchwolken von Kalifornien und Oregon am Dienstag sogar an der 4000 Kilometer entfernten Ostküste (und an vielen Orten dazwischen) die Sonne verdunkelten, scherte Limbaugh nicht. Von dieser Haltung ist es nur noch ein kurzer Weg zu den Verschwörungstheorien, die in immer neuen Versionen behaupten, Antifa-Anarchisten oder Black-Lives-Matter-Aktivisten hätten die Brände gelegt.

          Zuerst erwischte Covid-19 die Demokraten-Klientel

          Das alles erinnert fatal an die Anfänge der Corona-Pandemie. Viele Republikaner nahmen die Gefahren auch deshalb auf die leichte Schulter, weil es vor allem die Demokraten-Klientel war, die an Covid-19 starb: Großstadtbewohner im Allgemeinen und ethnische Minderheiten im Besonderen. Erst als sich das mit der Ausbreitung der Seuche änderte, wuchs die Bereitschaft auch konservativer Amerikaner, Trumps Parolen zum Trotz eine Maske anzulegen.

          Die Rechten sind freilich nicht die Einzigen, die in dieser buchstäblich aufgeheizten Stimmung Verknüpfungen herstellen, die in anderen Zeiten obszön angemutet hätten. Nachdem wochenlang im Demokraten-Lager die Nervosität darüber gewachsen war, dass Trump effektiv Angst vor Mob-Attacken in den Vororten schürte, versucht der Gegenkandidat Joe Biden den Spieß nun umzudrehen: Die Menschen in den Vororten sollten sehr wohl Angst haben, nur eben vor Bränden oder Überflutungen, die der Klimawandel häufiger und gefährlicher mache.

          Der Kampf um Suburbia ist ein Kampf um Wählerinnen

          Da es sich bei dem Kampf um „Suburbia“ vor allem um einen Kampf um Frauen handelt – der nach Überzeugung vieler Demoskopen größten Gruppe ehemaliger Trump-Wähler, die erwägen, für Biden zu stimmen –, können sich die Demokraten an der Stelle ein wenig Hoffnung machen. Denn weibliche Republikaner-Anhänger sind nach Umfragen deutlich besorgter über Klimaveränderungen und deren Folgen als männliche.

          Andererseits spricht wenig dafür, dass der Klimawandel in der Fläche des Landes ein beherrschendes Thema wird, denn die Pandemie überschattet alles. Auch hier versucht Biden, die Amerikaner in ihren Sorgen zu bestärken, während Trump die Pandemie nach eigenem Eingeständnis absichtlich heruntergespielt und die Gefahren lange verschwiegen hat.

          Die große Frage lautet, ob Biden einen Wettstreit der Angstkampagnen gewinnen kann. Denn die spärlichen, stets von den Corona-Vorsichtsmaßnahmen gekennzeichneten Auftritte des Demokraten bestärken das von Trumps Leuten forcierte Bild eines schwachen, nicht mehr auf der Höhe seiner Schaffenskraft stehenden Alt-Politikers. Trumps Trotz, wenn er Fehler im Krisenmanagement leugnet und Kundgebungen wider alle Corona-Regeln abhält, mag ein gewaltiges Maß an Unvernunft und Unbedarftheit offenbaren. Doch der Amtsinhaber strahlt dabei zugleich Kraft und Unbeugsamkeit aus. 2016 hatte ihm das gereicht.

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten.

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