https://www.faz.net/-gpf-8voyv

Wikileaks-Enthüllungen : Erkaltete Liebe zum Leck

  • -Aktualisiert am

Auf jeden Fall hilft das Konvolut den Spionageabwehrdiensten in aller Welt, die jetzt genauer wissen, wonach sie suchen müssen. Die Veröffentlichungen können fremden Geheimdiensten oder freischaffenden Hackern zudem wertvolle Anhaltspunkte auf Sicherheitslücken liefern, auch wenn Wikileaks nicht den kompletten Programmcode veröffentlicht. Weit über Deutschland hinaus dürfte überdies auf Interesse gestoßen sein, dass die CIA einen Gutteil ihrer Cyberspionage offenbar vom weitläufigen Gelände des amerikanischen Konsulats in Frankfurt aus betreibt. Nach Angaben von Wikileaks „scheint das Archiv seit einiger Zeit unter früheren Hackern der amerikanischen Regierung und externen Mitarbeitern unerlaubterweise zu kursieren; einer von ihnen hat Wikileaks Teile des Archivs überlassen“.

„Finanz- und Lifestyle-Informationen“ ansammeln

Nach den Enthüllungen durch Chelsea Manning, Snowden und einige weniger bekannte „Leaker“ wäre das eine weitere Blamage für die amerikanischen Dienste, die sich im Cyberbereich besonders schwertun, die Imperative des Informationsaustauschs und der Geheimhaltung in Einklang zu bekommen. Doch in Washington glauben viele, dass in Wahrheit ein fremder, im Zweifel russischer Geheimdienst bei der CIA eingedrungen sein könnte. „Wenn sie die CIA hacken können“, sagte ein besorgter Senator John McCain, „dann können sie alles hacken.“ Für die These der äußeren Attacke spricht nach Einschätzung einiger Fachleute, dass die Veröffentlichung Amerika schade, ohne die nach Snowdens Coup entbrannte Debatte über Bürgerrechte wesentlich voranzubringen. Die Amerikanische Bürgerrechtsunion (ACLU) sieht das naturgemäß anders. Sie teilte am Dienstag mit: „Nicht das Sammeln, sondern das sofortige Stopfen von Sicherheitslücken ist der beste Weg, um unsere digitale Leben sicherer zu machen.“ 2014 hatte die Obama-Regierung beschlossen, dass jede Sicherheitslücke, die eine amerikanische Behörde entdeckt oder Hackern abkauft, mit allen anderen zuständigen Behörden geteilt werden müsse. Im Regelfall, so Obamas früherer Cyberberater Michael Daniel gegenüber der „Washington Post“, habe man dann die Hersteller der entsprechenden Software informiert – aber nicht immer. „Manchmal war etwas der einzige uns bekannte Weg, in bestimmte Netzwerke einzudringen“, sagte Daniel.

Wikileaks-Enthüllung : CIA hackt Smartphones und Rechner

Und derlei zählt zu den Aufgaben der CIA. Deren neuer Direktor Mike Pompeo wird sich den Verlust der offenbar zwischen 2013 und 2016 entstandenen Dokumente und Schadprogramme noch nicht persönlich vorwerfen lassen müssen. Doch er hat es nun noch schwerer, eine vertrauensvolle Kooperation zwischen dem Dienst und dem Weißen Haus zu organisieren. Pompeo dürfte dabei der letzte sein, der Trump drängen wollte, den besorgten Bürgerrechtlern entgegenzukommen. Im Streit über die Vorratsdatenspeicherung nach den Snowden-Enthüllungen hatte Pompeo als Abgeordneter postuliert, dass „bürokratische Überwachungshindernisse beseitigt gehören“. Er hatte zudem angeregt, die NSA-Datenbank mit den Telefondaten der Amerikaner durch „Finanz- und Lifestyle-Informationen“ anzureichern. Wikileaks gab am Dienstag eine ominöse Warnung heraus. Man verzichte darauf, den kompletten Programmcode von Schadsoftware zu veröffentlichen, „bis sich ein Konsens herausbildet über das technische und politische Wesen des CIA-Programms sowie darüber, wie solche ,Waffen‘ ausgewertet, entschärft und publiziert werden sollten“.

Amerika : Mike Pompeo wird neuer CIA-Direktor

Enthüllung mit Agenda: Wie Wikileaks seine Dokumente bearbeitet

Die Wikileaks-Aktivisten um den Australier Julian Assange stehen seit Jahren in dem Verdacht, mit ihren Enthüllungen eine Agenda zu verfolgen. Nicht erst mit der Veröffentlichung von E-Mails der Demokratischen Partei während der amerikanischen Präsidentenwahl aus einer mutmaßlich russischen Quelle war der antiamerikanische Fokus von Wikileaks zum Thema geworden. Der frühere Wikileaks-Aktivist Daniel Domscheit-Berg hatte dieser Zeitung im Dezember gesagt, Assange habe „eine Agenda“ und interessiere sich vor allem für die amerikanische Außenpolitik. Veröffentlichungen zu den Verfehlungen anderer Länder, etwa Menschenrechtsverletzungen durch russische Soldaten oder Geheimdienstmitarbeiter, hätten für Assange nie im Vordergrund gestanden. Domscheit-Berg verließ die Organisation im Streit. Dabei ging es auch um seine Forderung, keine Geheimdienstmitarbeiter durch die Preisgabe ihrer Klarnamen zu gefährden. Die Veröffentlichung von angeblichen Spionageprogrammen der CIA in dieser Woche bedeutet einen Bruch mit der bisher üblichen Arbeitsweise der Wikileaks-Aktivisten. Die Dokumente wurden von Klarnamen, E-Mail-Adressen und Internetprotokolladressen gesäubert. An mehr als 70 000 Stellen ersetzten die Aktivisten solche Informationen durch anonymisierte Benutzerkennungen. „Das ist der erste eindeutige Fall, in dem das gemacht wurde“, sagte Domscheit-Berg dieser Zeitung am Mittwoch. Ihm gegenüber habe Assange immer argumentiert, man sei den Quellen schuldig, die Dokumente in Gänze zu veröffentlichen — um nicht in den Verdacht der Zensur zu geraten. Das Redigieren der Dokumente bedeutet laut Domscheit-Berg entweder, dass die Quelle darum gebeten hatte — oder dass es einen Sinneswandel gab. „Das wäre eine ganz harte Kursänderung“, sagte Domscheit-Berg. Das vordergründige Ringen von Assange um Neutralität schließe aber nicht aus, dass dieser weiterhin eine Agenda verfolge. Justus Bender

Weitere Themen

Topmeldungen

Tesla-Chef Elon Musk bei der Vorstellung des neuen Modells in Shanghai

331 Mio. Gewinn im Quartal : Tesla schlägt sich weiter glänzend

Im vergangenen Quartal hat der Elektroautohersteller mehr Autos denn je ausgeliefert – und steuert nun auf den ersten Jahresgewinn seiner Geschichte zu. Das hat Tesla auch einem lukrativen Nebengeschäft zu verdanken.
Glänzte schon wieder als Torschütze: Kingsley Coman

Gala in der Champions League : Auf dem Platz klappt alles beim FC Bayern

Vor dem Spiel sorgt der Corona-Fall Gnabry für Aufregung in München, dann spielt der FC Bayern beim 4:0 gegen Atlético Madrid locker und leicht auf. Zum Champions-League-Auftakt markiert der Titelverteidiger sein Revier. Final-Held Coman überragt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.