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Joe Bidens Antrittsrede : Ernst, emotional und empathisch

  • -Aktualisiert am

„Seid ihr bereit? Ich glaube schon.“ Biden bei seiner Antrittsrede als Präsidentschaftskandidat der Demokraten in Wilmington am Donnerstag. Bild: AFP

Joe Biden meidet in seiner Antrittsrede als Präsidentschaftskandidat weiter konkrete Aussagen über sein Programm. Donald Trumps „amerikanischem Gemetzel“ setzt er das Ziel eines vereinten Amerikas entgegen.

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          Am Ende kam dann sogar ein wenig Parteitagsstimmung auf. Joe Biden hatte gerade seine Rede beendet, mit der er die Nominierung als Präsidentschaftskandidat der Demokraten förmlich angenommen hatte. Seine Frau umarmte ihn, Kamala Harris, seine Kandidatin für das Amt der Vizepräsidentin, kam mit ihrem Mann Doug hinzu. Dann verließen sie die Halle in Wilmington in Bidens Heimatstaat Delaware, von wo aus die Rede auf den virtuellen Parteitag übertragen worden war.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Die beiden Paare begaben sich nach draußen. Vor der Halle war eine Bühne aufgebaut worden, vor der – wie zu besten Zeiten der Autokinos – Leute mit ihren Wagen vorgefahren waren. Viele hatten sich vor ihr Auto gestellt und schwenkten nun – mit dem nötigen Abstand voneinander – die amerikanische Flagge. Dann erleuchtete ein Feuerwerk den Himmel über Bidens Heimatstadt.

          Der Kandidat hatte es geschafft: Biden hatte die wichtigste Rede seines politischen Lebens hinter sich gebracht – ohne Aussetzer, ohne Fauxpas. Die Erleichterung über das geglückte Finale nach vier Tagen eines präzedenzlosen Parteitags war allen Beteiligten anzusehen. Donald Trump und seine Leute hatten einen taktischen Fehler begangen: Jedermann werde sehen, dass Biden nicht mehr in der Lage sei, eine Rede vom Teleprompter abzulesen, hatten sie verbreitet. Das war er aber dann doch. Bidens Ansprache war gewiss kein rhetorisches Feuerwerk. Das hatte auch keiner erwartet. Aber sie war wie ein Gespräch mit Amerika – ernst, emotional und empathisch. So wie es die Lage des Landes verlangt.  

          Biden hat seine Strategie nicht geändert. Er hat keine konkrete Programmatik ausgebreitet. Er hat keine Gesundheits- oder Steuerreform vorgestellt und auch nicht über China und Russland gesprochen. Biden trug eine Gegenrede zu Trumps Worten bei seiner Amtseinführung im Januar 2017 vor: Dem „amerikanischen Gemetzel“ hielt er die Idee Amerikas entgegen. Biden will einen Werte- und Haltungswahlkampf führen. Trumps Wutreden will er mit heilenden, versöhnenden und tröstenden Botschaften kontern. Er zitierte Poeten und klang mitunter fast theologisch: Der gegenwärtige Präsident habe Amerika mit Dunkelheit umgeben: zu viel Wut, zu viel Angst, zu viel Spaltung. Er, Biden, werde ein Verbündeter des Lichts sein. „Ich gebe euch mein Wort: Wenn ihr mir die Präsidentschaft anvertraut, werde ich aus dem Guten in uns schöpfen, nicht aus dem Schlechten.“ Vereint könne Amerika diese Zeit der Dunkelheit überwinden.

          Biden nannte Donald Trump nicht beim Namen. Stets sprach er nur vom gegenwärtigen Präsidenten. Der sei in seiner grundlegenden Pflicht gegenüber der amerikanischen Nation gescheitert. „Er hat Amerika nicht beschützt“, sagte Biden. „Er hat uns nicht beschützt.“ Das sei unverzeihlich. Biden versprach, er werde Amerika beschützen und gegen jeden Angriff verteidigen – sichtbar oder unsichtbar. Trump nennt das Coronavirus, wenn er nicht gerade von „Kung-Flu“ spricht, den „unsichtbaren Feind“.

          Biden sagte weiter, er sei stolz, Kandidat seiner Demokratischen Partei zu sein. Nach der Wahl wolle er aber der Präsident aller Amerikaner sein. Er werde hart arbeiten für diejenigen, die ihn unterstützt hätten, und für diejenigen, die ihn nicht unterstützt hätten. „Dies ist nicht die Zeit für Parteipolitik. Dies muss ein amerikanischer Moment sein“. Normalerweise können Präsidenten ihr Amt nutzen, um für sich zu werben, ohne die parteipolitische Karte zu spielen. Trump hingegen macht es möglich, dass sein Herausforderer davon spricht, es gehe nicht um Demokraten und Republikaner, sondern um Amerika.

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          Das Land sei von vier Krisen getroffen worden: der Pandemie, der Rezession, Rassismus und Polizeigewalt sowie der Erderwärmung. „Es ist ein perfekter Sturm“, sagte Biden. Amerika stehe an einem Wendepunkt. Seine Menschen stünden vor der Wahl: Noch mehr Wut, noch weniger Hoffnung, noch mehr Spaltung – oder die Chance auf Heilung und Einigung. Zur Wahl stünden Charakter, Anstand, Mitgefühl – und auch Wissenschaft und Demokratie. Fünf Millionen Amerikaner hätten sich mit dem Virus infiziert, mehr als 170.000 seien daran gestorben. Über 50 Millionen Amerikaner hätten im laufenden Jahr Arbeitslosenhilfe beantragt. Zehn Millionen von ihnen hätten ihren Krankenversicherungsschutz verloren. Das Tragische daran sei, dass es nicht so hätte kommen müssen, so Biden. Der Präsident aber wache jeden Morgen auf und glaube, bei seinem Amt gehe es allein um ihn.  

          Biden sprach die ganze Zeit in ruhigem Ton. Ganz am Ende der knapp halbstündigen Rede wurde er dann etwas lauter: Nur vereint komme Amerika voran. „Seid ihr bereit? Ich glaube schon. Dies ist eine großartige Nation. Wir sind gut und anständig. Wir sind die Vereinigten Staaten von Amerika.“

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