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„Es tut weh, zu atmen“ : Jacob Blake ruft zum Zusammenhalt auf

  • Aktualisiert am

Jacob Blake wurde am 23. August in Kenosha vor den Augen drei seiner Kinder von einem weißen Polizisten mehrfach in den Rücken geschossen. Er ist derzeit von der Hüfte abwärts gelähmt. Bild: AFP

Das Leben könne einem so einfach genommen werden, sagt der schwer verletzte Afroamerikaner, dem Polizisten bei einem Einsatz in Kenosha mehrfach in den Rücken geschossen hatten, in einer Videobotschaft. Auch am Wochenende protestierten Menschen gegen Polizeigewalt.

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          Der durch Polizeischüsse in der Stadt Kenosha schwer verletzte Afroamerikaner Jacob Blake hat sich vom Krankenbett aus an die Öffentlichkeit gewandt. Er rief die Menschen dazu auf, ihr Leben zu ändern. „Wir können zusammenhalten, etwas Geld zusammenkriegen und unseren Leuten da draußen alles leichter machen“, sagte er in einer am Samstag von seinem Anwalt Ben Crump veröffentlichten Videobotschaft. Es sei schon so viel Zeit verschwendet worden.

          Dem 29 Jahre alte Familienvater war am 23. August in Kenosha im amerikanischen Bundesstaat Wisconsin vor den Augen drei seiner Kinder von einem weißen Polizisten mehrfach in den Rücken geschossen worden. Er ist derzeit von der Hüfte abwärts gelähmt. Es ist unklar, ob er jemals wieder wird laufen können.

          Gegen Blake lag ein Haftbefehl vor

          Gegen Blake lag zu dem Zeitpunkt ein Haftbefehl vor. Seine frühere Freundin hatte ihn im Juli wegen sexueller Nötigung angezeigt. Wie die Polizeigewerkschaft mitteilte, hätten die Polizisten, die zu dem Einsatz geschickt wurden, von dem Haftbefehl gewusst. Am Einsatzort hätten sie versucht, Blake zu verhaften, dieser habe sich jedoch, auch nach zweimaligem Einsatz von Elektroschockpistolen, gewehrt.

          Auf einem Video, das von einem Zeugen aufgenommen wurde, ist zu sehen, wie Blake, verfolgt von zwei Polizisten, um sein Auto herumgeht, die Fahrertür öffnet und sich in das Fahrzeug beugt. In diesem Moment greift einer der beiden Polizisten sein Hemd und schießt ihm sieben Mal in den Rücken. Wie die Gewerkschaft mitteilte, habe Blake die Aufforderung, sein Messer fallen zu lassen, ignoriert. Während auf den Videoaufnahmen kein Messer zu sehen ist, teilte das Justizministerium mit, im Fußraum vor dem Fahrersitz sei eines gefunden worden. Die drei Polizisten wurden vorübergehend vom Dienst freigestellt.

          Der Fall hatte landesweite Demonstrationen gegen Polizeigewalt gegen Afroamerikaner ausgelöst, die teilweise in Gewalt ausarteten. Am Rande der Proteste wurden zwei Menschen erschossen, als Tatverdächtiger wurde ein 17 Jahre alter Weißer festgenommen.

          „Es tut weh zu atmen, es tut weh zu schlafen, es tut weh, sich von einer Seite auf die andere zu drehen, es tut weh zu essen“, sagte Blake in dem Video, das Hunderttausende Menschen im Onlinedienst Twitter sahen. Er habe Klammern in Bauch und Rücken. „24 Stunden lang Schmerz, nichts als Schmerz“, fügte er hinzu. „Dein Leben und nicht nur dein Leben, auch deine Beine können dir einfach so genommen werden, Mann“, sagte Blake mit einem Fingerschnipsen. Er zeigte sich aber auch optimistisch: „Es bleibt noch viel Leben zu leben.“

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          Sein Fall hat inzwischen auch den amerikanischen Wahlkampf erreicht. Der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden telefonierte mit Blake und traf sich mit dessen Familie. Präsident Donald Trump hatte Blakes Familie bei einem Besuch in Kenosha hingegen nicht getroffen und Jacob Blakes Namen nicht erwähnt. Der Republikaner nutzte den umstrittenen Besuch vielmehr, um sich abermals als „Law and Order“-Präsident in Szene zu setzen.

          Wie Trump bei seinem Besuch in Kenosha empfangen wurde, berichtet unser Amerika-Korrespondent Majid Sattar aus der Stadt im Bundesstaat Wisconsin.

          Am Wochenende ist es bei anhaltenden Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt zu Zusammenstößen gekommen. In Rochester im Bundesstaat New York setzte die Polizei in der Nacht von Samstag auf Sonntag Schlagstöcke, Pfefferspraygeschosse und Tränengas ein, um etwa 2000 Teilnehmer eines Protestzugs zurückzudrängen. Nach Angaben der Polizei missachteten die Demonstranten die Anweisung, den Protest aufzulösen. Auf die Beamten seien Steine, Feuerwerkskörper und Flaschen geworfen worden.

          Mit Schlagstöcken und Pfefferspray gehen Einsatzkräfte in Rochester in der Nacht von Samstag auf Sonntag gegen Demonstranten vor.
          Mit Schlagstöcken und Pfefferspray gehen Einsatzkräfte in Rochester in der Nacht von Samstag auf Sonntag gegen Demonstranten vor. : Bild: Reuters

          Es war die vierte Protestnacht in Folge in Rochester, wo der Afroamerikaner Daniel Prude nach einem Polizeieinsatz im März ums Leben gekommen war. Seine Familie veröffentlichte kürzlich Videoaufnahmen, die zeigen, wie Polizisten ihm eine Art Kapuze überziehen, die sie davor schützen soll, angespuckt zu werden, und seinen Kopf auf den Asphalt drücken. Eine Woche später starb der Mann im Krankenhaus.

          Proteste am Rande des Pferderennens

          Am Rande des jährlichen Kentucky-Derby-Pferderennens in Louisville stießen Anhänger der Black-Lives-Matter-Bewegung auf etwa 250 mit Pistolen und Gewehren bewaffnete Gegendemonstranten. In einem Park kam es zu Handgreiflichkeiten. Nur wenige Zentimeter voneinander entfernt schrien die Demonstranten der beiden Lager sich an. Nach 45 Minuten räumte die Polizei den Park, doch die Proteste gingen unweit der Pferderennstrecke weiter.

          Mitglieder der NFAC, einer schwarzen Miliz, marschieren in Louisville vor dem 146. Kentucky Derby vor der Rennstrecke.
          Mitglieder der NFAC, einer schwarzen Miliz, marschieren in Louisville vor dem 146. Kentucky Derby vor der Rennstrecke. : Bild: dpa

          Hunderte Demonstranten skandierten „Keine Gerechtigkeit, kein Derby“. Auch gut 250 bewaffnete Mitglieder der schwarzen Miliz NFAC marschierten zu dem von der Polizei bewachten Gelände, zogen dann aber ohne Zwischenfall wieder ab. Louisville ist einer der Brennpunkte der landesweiten Anti-Rassismus-Proteste. Dort starb im März die Schwarze Breonna Taylor, als Polizisten ihre Wohnung stürmten.

          Auch in Portland im Bundesstaat Oregon blieb die Lage angespannt. Dort halten die Proteste seit drei Monaten an. Am Donnerstag erschoss die Polizei im angrenzenden Bundesstaat Washington einen 48 Jahre alten Mann, der sich selbst als Anti-Faschist bezeichnete. Er wurde wegen Mordes gesucht, weil er vor einer Woche einen rechtsextremen Gegendemonstranten in Portland getötet haben soll.

          Am Freitag kam es in Portland bei Protesten gegen Polizeigewalt und Rassismus zu mehrere Festnahmen, teilte die Polizei mit. Sie kündigte an, gezielt gegen Personen vorzugehen, die an für Kundgebungen verbotenen Orten demonstrierten.

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