https://www.faz.net/-gpf-9xvp9

Unversicherte Amerikaner : In New York wird es schlimm – auf dem Land noch schlimmer?

  • -Aktualisiert am

In New York hat sich eine lange Schlange vor dem Elmhurst Hospital Center gebildet. Bild: AP

Arme Menschen sind im amerikanischen Gesundheitssystem schon in normalen Zeiten benachteiligt. Das Coronavirus bringt sie besonders in Gefahr. Vor allem, wenn es massenhafte Ansteckungen auf dem Land geben sollte.

          4 Min.

          Ist das Kratzen im Hals nur eine Erkältung oder das Coronavirus? In den Vereinigten Staaten wurden bislang fast 70.000 Menschen positiv auf Corona getestet. Mehr als 1000 Erkrankte sind gestorben. Um das Gesundheitssystem vor einem Kollaps zu bewahren, sollen deshalb nur noch diejenigen zum Arzt gehen, die schwere Symptome haben. Orientierung soll ein Videochat mit einem Mediziner geben.

          Zugezahlt werden muss für die Telemedizin nichts  – zumindest, wenn man über Medicare versichert ist. Medicare ist für Rentner, sie zahlen während des Arbeitslebens Abgaben dafür. Wenn sie sich wegen des Coronavirus im Krankenhaus behandeln lassen, werden aber auch weiter Eigenanteile fällig, meldete vor kurzem die „Washington Post”. Für Krankenhausaufenthalte müssten auch Medicare-Patienten weiter 176 Dollar am Tag zahlen. Das kann sich noch ändern. Fest steht: Wer Medicare hat, ist vergleichsweise gut dran. Aber wie sieht es für jüngere Menschen aus, die arm sind oder gar keine Versicherung haben?

          Laut den Behörden leben rund zwölf Prozent oder fast 40 Millionen Menschen in den Vereinigten Staaten in Armut. Bürger, die nicht weiß sind, sind noch häufiger arm, Schwarze beispielsweise zu rund 21 Prozent. Für Menschen unterhalb einer bestimmten Einkommensgrenze gibt es das öffentliche System Medicaid. Es soll eine medizinische Grundversorgung sichern.

          Medicaid-Patienten können nur zu bestimmten Ärzten gehen. Im Jahr 2017 nahmen 74 Millionen Bürger das Angebot in Anspruch, das entspricht 23 Prozent aller Amerikaner. Wer zu viel verdient, bekommt jedoch kein Medicaid. 28 Millionen Amerikaner verzichten deswegen ganz auf eine Krankenversicherung.

          Gouverneure rufen Bundesmittel nicht ab

          Das Problem mit Medicaid ist, dass die Versorgung je nach Wohnort sehr unterschiedlich ist. Zur Zeit weigern sich 14 Bundesstaaten, die im Rahmen von Obamacare und des „Affordable Care Act“ beschlossene Ausweitung der Einkommensgrenze umzusetzen – obwohl der Bund den Großteil der Kosten dafür übernimmt. Diese Gouverneure rufen die zusätzlichen Mittel nicht ab. Dadurch bleiben Schätzungen zufolge 2,5 Millionen Menschen ohne Versicherung. Neun dieser Staaten liegen im Süden.

          F.A.Z.-Newsletter „Coronavirus“

          Die ganze Welt spricht über das Coronavirus. Alle Nachrichten und Analysen über die Ausbreitung und Bekämpfung der Pandemie täglich in Ihrem E-Mail-Postfach.

          Bitte beachten Sie unsere Datenschutzhinweise.

          Nirgendwo sind die Amerikaner ärmer als in den südlichen Bundesstaaten. In Mississippi leben fast 20 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Die Regierungen im Süden setzen traditionell stark auf den schlanken Staat. Die weiße Ober- und Mittelschicht reagierte auf das staatlich verordnete Ende der „Rassentrennung“ in den sechziger Jahren mit aggressiven Abschottungs- und Privatisierungsstrategien in allen Bereichen des öffentlichen Lebens, sei es Erziehung, Freizeit oder Gesundheit. Bis heute hält sich eine Ideologie des „small government“, deren Wurzeln auch in dieser Abwehr der Bürgerrechtsbewegung liegen.

          Engpässe in New York

          Menschen, die nicht weiß sind, haben bis heute schlechtere Chancen auf eine gute gesundheitliche Versorgung. Häufig versorgt etwa ein Krankenhaus, das Medicaid-Patienten nimmt, viele Gemeinden – lange Anfahrtswege sind keine Seltenheit. Ein Beispiel für die Situation der Armen im Gesundheitswesen ist auch die höhere Müttersterblichkeit unter Afroamerikanerinnen. Sie haben ein dreimal höheres Risiko, durch Schwangerschaftskomplikationen oder bei der Geburt eines Kindes zu sterben als weiße Frauen.

          Die Faktoren, die unter normalen Umständen zu der schlechteren Gesundheitsversorgung der Armen führen, werden auch in der Corona-Krise eine Rolle spielen. Zur Zeit konzentriert sich die öffentliche Aufmerksamkeit auf New York, weil hier durch die schiere Masse der Infizierten bereits Engpässe entstehen. An sich sind die Gesundheitssysteme der großen Städte aber oft besser aufgestellt als im ländlichen Raum, insbesondere für Patienten mit geringem Einkommen. Wer keine Krankenversicherung hat, kann etwa in New York in gemeinnützige Gesundheitszentren gehen, die von Spenden und staatlichen Zuschüssen finanziert werden. Auch manche Krankenhäuser bieten kostenlose oder stark reduzierte Behandlungen im Notfall an. An den Universitäten behandeln Ärzte in Ausbildung zu günstigeren Preisen. Doch für einen Massenansturm sind diese Angebote nicht gerüstet.

          Krankenhäuser wurden geschlossen

          Fachleute befürchten, dass es auch auf dem Land bald zu Versorgungsengpässen kommen wird. Fünfzehn Prozent der Amerikaner leben dort. Sie sind dort im Schnitt zehn Jahre älter als in den Städten, nämlich 46 Jahre alt. Sie sind auch ärmer als in den Städten und haben öfter chronische Krankheiten wie Diabetes. In den urbanen Zentren Amerikas gibt es laut einer aktuellen Berechnung der Nachrichtenagentur AP 51.000 Betten auf Intensivstationen. Alle ländlichen Gemeinden zusammen haben nur 5600 solche Plätze. Insgesamt sind das etwas mehr als doppelt so viele Betten, wie in Deutschland zur Verfügung entstehen – allerdings für eine mehr als viermal so große Bevölkerung.

          Zudem schlossen in den vergangenen Jahren vielerorts auf dem Land die Hospitäler. Auch dieses Problem betrifft überproportional den Süden. Zwischen 2005 und 2019 machten laut einer Studie 162 Krankenhäuser dicht, sechzig Prozent davon waren in Staaten, die Medicaid nicht ausweiten wollten. Laut der Universität von North Carolina lagen 94 dieser Häuser im Süden.

          Hunderttausende unversichert

          Die Zahl der Coronavirus-Fälle wird auch auf dem Land und im Süden exponentiell steigen, sagen Fachleute. Mississippi etwa liegt nur auf Platz 35, wenn es um die Größe der Bevölkerung in den Bundesstaaten geht, aber jetzt schon auf dem 12. Platz bei den Coronavirus-Fällen pro 100.000 Einwohner. Am Mittwoch wurden hier 377 Infizierte gemeldet. Wie andere Südstaaten ist Mississippi nicht nur gegen die Medicaid-Ausweitung. Es ist auch ein so genannter „Right to Work“-Staat, wo die Regierung die Rechte der Gewerkschaften ausgehöhlt hat und es nur schwache Arbeitnehmerrechte wie bezahlte Krankheitstage gibt.

          So ist es auch in Tennessee. Bill Lee, der republikanische Gouverneur, musste in dieser Woche zugeben, dass er bislang keinen Plan für die Unversicherten und Armen hat, die an Covid-19 erkrankten. In seinem Bundesstaat gibt es zur Zeit 777 Fälle, zwei Menschen starben. Er sei bereit, eine Finanzierung durch das Medicaid-System zu erwägen, sagte Lee. Man evaluiere zur Zeit, wie man Unversicherten und Einkommensschwachen eine Behandlung im Fall einer Coronavirus-Infektion „anbieten“ könne, hieß es seitens der Gesundheitsbehörde. Gleichzeitig ließ der Gouverneur verkünden, er halte es nach wie vor für richtig, die Medicaid-Ausweitung für seinen Staat zurückzuweisen. Laut der Zeitung „The Tennessean“ sind deswegen mehrere Hunderttausend Bürger dort nicht versichert.

          Schutz aus den Städten

          Es ist also längst nicht in allen Staaten klar, wer die Kosten für ärmere Patienten übernehmen wird. Und wenn die Bundesstaaten dafür eine Lösung finden, gibt es noch viele weitere Probleme. Die Versorgung der Krankenhäuser ist das dringendste. Zur Zeit will Donald Trump sich für den Nachschub an Atemschutzmasken und Beatmungsgeräten vor allem auf den freien Markt verlassen. Obwohl er es durch den „Defense Production Act“ könnte, will er die Unternehmen zu nichts verpflichten.

          Die Verfechter des „small government“ applaudieren ihm, obwohl sie wissen, wie es in den ländlichen Gegenden ihrer Staaten aussieht. Die Bevölkerungsdichte ist zwar viel geringer als anderswo, dafür können die kleinen Krankenhäuser aber auch weniger Covid-19-Kranke versorgen. Insofern erhofft man sich von den Bewegungseinschränkungen in den größeren Städten nun wenigstens einen gewissen Schutz für die Landbevölkerung. Wer in den Metropolen dazu aufgefordert ist, im Haus zu bleiben, der reist wenigstens nicht.

          Anm. In der ersten Fassung des Textes haben wir das Durchschnittsalter auf dem Land versehentlich mit 73 Jahren angegeben, richtig ist 46 Jahre.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.