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Der amerikanische Vizepräsident : Das Herz schlägt beim Chef

  • -Aktualisiert am

„Do no harm“ als die Aufgabe des Vizepräsidenten leitet sich angeblich von John McCains Fehlgriff ab, als er Sarah Palin ins Boot holte Bild: AP

Nur wenige Vizepräsidenten erleben ihre Zeit im Weißen Haus als Phase großer Macht. Im Wahlkampf sollen die „running mates“ vor allem keinen Schaden anrichten.

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          Die Aufgabe eines Kandidaten für das Vizepräsidentenamt, so heißt es neuerdings in Amerika, bestehe vor allem darin, keinen Schaden anzurichten. Nach dieser Lesart geben die Wähler ihre Stimme ohnehin einzig dem Kandidaten für das höchste politische Amt selbst und scheren sich nicht um dessen „running mate“.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Allerdings lässt sich die alte Weisheit nicht von der Hand weisen, nach der der Vizepräsident immer nur „einen Herzschlag vom Präsidentenamt entfernt“ ist - weshalb die Auswahl des Stellvertreters dann doch nicht ganz unerheblich wäre. Zwar hat kein amerikanischer Präsident je einen Herzinfarkt erlitten. Doch sind immerhin acht Präsidenten während ihrer Amtszeit gestorben und haben damit unfreiwillig ihrem Vizepräsidenten Platz gemacht, vier davon wurden erschossen - zuletzt John F. Kennedy am 22. November 1963.

          Die goldene Regel „Do No Harm“ ist vom angeblichen Fehlgriff des republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain abgeleitet, der 2008 die weithin unbekannte Gouverneurin von Alaska, Sarah Palin, zur Vizepräsidentschaftskandidatin berief. Frau Palin elektrisierte - wie von McCain erhofft - die konservative Parteibasis, doch bald trat ihre von den Medien fleißig ausgebreitete vorgebliche Inkompetenz in den Vordergrund.

          Die Wahl gegen Barack Obama verlor McCain aber nicht wegen Sarah Palin, sondern weil der scheidende Präsident George W. Bush unpopulär war, weil die Wirtschaft des Landes kurz vor den Wahlen in die tiefste Rezession seit 70 Jahren stürzte, weil das Land überreif für einen politischen Wechsel war. So gut wie jeder Kandidat der Demokraten hätte diese Wahl gewonnen. Und kein Vizepräsidentschaftskandidat hätte sie für die Republikaner retten können.

          „Match winner“ - oder bedeutungslos

          In der Geschichte amerikanischer Präsidentenwahlen gibt es Belege sowohl für die These von der hohen Bedeutsamkeit als auch von der vollkommenen Bedeutungslosigkeit des Vizepräsidentschaftskandidaten. Als veritablen „match winner“ haben manche Historiker den Texaner Lyndon B. Johnson verbucht. Der half dem katholischen Kandidaten John F. Kennedy aus dem neuenglischen Bundesstaat Massachusetts maßgeblich dabei, im November 1960 den hauchdünnen Wahlsieg über Richard Nixon und dessen „running mate“ Spiro Agnew zu erringen.

          Johnson „lieferte“ die Wahlmännerstimmen aus Texas und aus anderen Südstaaten. Es war das letzte Mal, dass die linksliberalen Demokraten von der Ost- und der Westküste gemeinsam mit den konservativen Demokraten der alten Schule im Süden für die gleiche Partei fochten. Bald darauf wanderten die Demokraten der „alten Schule“ im Süden in Scharen den Republikanern zu. Johnson wurde nach dem Mord an Kennedy vom November 1963 selbst Präsident. Im Jahr darauf gelang ihm - übrigens mit dem bedeutungslosen Vizepräsidentschaftskandidaten Hubert Humphrey an der Seite - die Wiederwahl zum Präsidenten.

          Mit einem „Zwilling“ ins Rennen

          Ob ein „running mate“ komplementär oder konträr zum Kandidaten sein muss - in geographischer, politischer, sozialer und/oder charakterlicher Hinsicht -, ist ebenfalls umstritten. Der demokratische Kandidat Bill Clinton, seinerzeit Gouverneur im Südstaat Arkansas, suchte sich 1992 Al Gore aus, einen fast gleichaltrigen Senator aus dem benachbarten Südstaat Tennessee. Er gewann mit seinem „Zwilling“ gegen das Gespann von Präsident George H. W. Bush und Dan Quayle.

          Die beiden Republikaner hatten 1988 noch klar gegen den demokratischen Kandidaten Michael Dukakis und dessen brillanten und erfahrenen „running mate“ Lloyd Bentsen aus Texas gewonnen. Bush Vater, in acht Jahren als Vizepräsident unter Präsident Ronald Reagan „gereift“, hatte es sich 1988 leisten können, den unbekannten und wenig inspirierenden Senator Dan Quayle aus Indiana zu berufen, der sich im Fernsehduell prompt gegen Bentsen kräftig blamierte. Sie gewannen trotzdem klar.

          1984 war der Sieg des Teams Ronald Reagan und George H. W. Bush noch deutlicher ausgefallen. Walter Mondale hatte Geraldine Ferraro als erste Frau in der Geschichte zur „running mate“ gemacht. Trotzdem gewannen die beiden Demokraten nicht einmal die Mehrheit der Stimmen der weiblichen Wähler, Reagan und Bush eroberten die Wahlmännerstimmen in 49 der 50 Bundesstaaten.

          Es gibt Washingtoner Insider unter erfolgreichen Vizepräsidentschaftskandidaten - vor allem Dick Cheney, der 2000 und 2004 gemeinsam mit dem Kandidaten George W. Bush gewann und zudem der mächtigste Vizepräsident seit Menschengedenken war. Und es gibt Washingtoner Insider, die gewinnen halfen und hernach kaum Einfluss hatten - etwa der gegenwärtige Amtsinhaber Joe Biden.

          John Nance Garner aus Texas hatte das Pech, von 1933 bis 1941 als vollkommen unbedeutender Vizepräsident unter einer historischen Riesengestalt wie Franklin D. Roosevelt zu dienen. Er war nur einen Herzschlag und zugleich so weit wie nur irgend jemand vom Präsidentenamt entfernt. Der Job sei weniger wert als „ein Eimer warmer Pisse“, sagte Garner frustriert, nachdem er sich ins Privatleben zurückgezogen hatte.

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