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Arbeiter in Amerika : Jeder ist ersetzbar

Am 1. Mai demonstrieren Mitarbeiter von Amazon in Kalifornien für bessere Arbeitsbedingungen während der Pandemie. Bild: AFP

In Amerika lockern viele Bundesstaaten die Schutzmaßnahmen. Viele Menschen wollen wieder zur Arbeit. Wer jedoch aus Angst vor dem Virus zu Hause bleibt, dem kann der Verlust des Arbeitslosengeldes drohen.

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          Achut Deng, Arbeiterin in der Smithfield-Fleischfabrik in Sioux Falls, ist froh, ihren Job zu haben. Die Bezahlung sei gut, auch wenn die Arbeit sehr anstrengend sei, sagte sie kürzlich dem Podcast „The Daily“ der „New York Times“. Doch nun gehe die Angst um in der Fabrik im Bundesstaat South Dakota – die Mitarbeiter müssen mit reduziertem Gehalt zu Hause bleiben. 640 Coronavirus-Fälle bringen Behörden mit der Smithfield-Anlage in Verbindung, mindestens zwei von ihnen sind an der Lungenerkrankung Covid-19 gestorben. Die Fabrik ist nicht der erste Fleischbetrieb, der schließen musste.

          Präsident Donald Trump forderte kürzlich die Unternehmen auf, möglichst schnell weiter zu arbeiten und auch bei Coronavirus-Fällen keine langen Schließungen zuzulassen. Auch, wenn sich herausstellte, dass seine Exekutivanweisung die Fabriken keineswegs zum Öffnen zwang, wie viele Kritiker behaupteten – Trump sandte so doch ein Signal. Dass die Amerikaner sich keine Sorgen um Burger-Engpässe machen müssen, schien ihm mindestens so wichtig wie der Schutz der Mitarbeiter.

          Zur Angst vor dem Virus kommt die um den Arbeitsplatz

          Fast 75.000 Menschen sind bislang in den Vereinigten Staaten nach einer Infektion mit dem Coronavirus gestorben. Arbeiterinnen und Arbeiter in systemrelevanten Branchen wie der Lebensmittelproduktion riskieren seit dem Beginn der Pandemie ihre Gesundheit. Das gilt im Privatsektor wie im öffentlichen Dienst. Allein im Bundesstaat New York starben über 50 Mitarbeiter von Krankenhäusern und in der Stadt verloren mehr als 90 Angestellte der öffentlichen Verkehrsbetriebe MTA ihr Leben.

          Mit den Lockerungen der Schutzmaßnahmen in vielen Bundesstaaten wird es wohl auch mehr Erkrankte und Tote aus anderen Branchen geben. Menschen, die bislang zu Hause bleiben konnten, müssen und wollen wieder zur Arbeit. Doch auch jetzt dürfte es unterschiedliche Wirtschaftszweige unterschiedlich hart treffen, denn viele Unternehmen können auch weiter Heimarbeit zulassen. Und weil Afroamerikaner und Latinos zu besonders hohen Anteilen in Dienstleistungsjobs und in der Produktion arbeiten, könnte sich ihre Lage noch einmal verschlechtern – sie sind bereits jetzt überproportional häufig von den Folgen des Coronavirus betroffen.

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          Die Sorge um die Sicherheit der Beschäftigten führt unterdessen vielerorts zu Protesten, die in Zukunft häufiger werden könnten. So gab es in den vergangenen Monaten und am 1. Mai Streiks in Amazon- und Walmart-Filialen, wo Arbeiter aus Protest gegen mangelnde Schutzmaßnahmen die Gebäude verließen. Zur Angst vor dem Virus kommt die Angst um den Arbeitsplatz und die soziale Absicherung.

          Wenn Arbeitnehmer sich nach der Öffnung der Wirtschaft weigern, zurückzukehren, könnte sie das nicht nur ihren Job kosten. Manche Bundesstaaten wollen ihnen auch die Ansprüche auf Arbeitslosengeld verweigern. Allein im April hatten sich 30 Millionen Bürgerinnen und Bürger arbeitslos gemeldet. Die Staaten, die die Leistungen auszahlen, gehen unterschiedlich damit um. Einige haben Sonderregelungen, andere drohen ihren Bürgern nun explizit Konsequenzen an.

          In Ohio etwa forderte die Regierung Unternehmen auf, Arbeitnehmer zu melden, die wegen Covid-19 nicht wieder in ihre Jobs zurückkehren. Dafür hat die Behörde für Arbeit und Familie eigens ein Formular auf ihrer Webseite eingerichtet. Wer nicht zur Arbeit kommt, dem droht der Verlust des Arbeitslosengeldes. Gouverneur Mike DeWine hatte zuvor erlaubt, dass nicht-notwendige Geschäfte wieder öffnen dürfen, während etwa Fitnessstudios und Bars noch geschlossen bleiben und Restaurants weiter nur Speisen zum Abholen oder Liefern anbieten können.

          Weitere Lockerungen sollen bald folgen. Eine E-Mail der Behörde für Arbeit und Familie an Unternehmen, aus der das Magazin „The Hill“ zitierte, stellte klar: „Das Gesetz in Ohio verhindert, dass Personen Arbeitslosengeld erhalten, die angemessene Arbeitsangebote ablehnen, oder ihre Arbeit ohne guten Grund aufgeben.“ Näher definiert ist der „gute Grund“ nicht.

          Und alle sind ersetzbar: Im texanischen Dallas sagten die Manager mehrerer Restaurants ihren Mitarbeitern, sie bräuchten nicht mehr zu kommen, wenn sie Masken tragen wollten. Diese passten nicht zum Image und könnten Kunden abschrecken. Auf seiner Webseite schrieb die Restaurantkette Hillstone, rechtlich seien weder Gäste noch Mitarbeiter zum Tragen von Masken verpflichtet, und: „Sollten Sie sich in dieser Hinsicht Sorgen um Ihre Sicherheit machen, hoffen wir, dass Sie uns zu einem späteren Zeitpunkt besuchen.“

          Etliche mittelständische Unternehmer stehen aber auch hinter ihren Mitarbeitern und sehen die Nachteile für sich selbst. So verbreitete sich im Netz die Beschwerde eines anonymen Restaurantbesitzers aus Georgia: Gouverneur Brian Kemp wisse genau, was er mit der Öffnung der Wirtschaft tue – nämlich viel Geld sparen auf Kosten der Sicherheit seiner Bürger.

          Freigestellte Mitarbeiter seines Restaurants, die während des Shutdowns Arbeitslosengeld beantragen konnten, müssten nun wieder zur Arbeit kommen oder verlören die Absicherung, beklagte der Gastronom. Auch den Versicherungskonzernen nütze die Öffnung erheblich, denn: „Wenn ich bei meiner Betriebsunterbrechungs-Versicherung Ansprüche wegen Verdienstausfall anmelde, werde ich jetzt abgelehnt, weil ich ja wieder öffnen darf.“

          Wie der Sender CNBC kürzlich berichtete, hatte die Versicherungsbranche sich schon nach der Sars-Epidemie abgesichert, indem sie sich in Washington erfolgreich für neue Ausnahmeregelungen einsetzte. Daher kann es kleinen Betrieben leicht passieren, dass in ihrer Police eine Epidemie gar nicht abgedeckt ist.

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