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Amerikaner protestieren : Neue Tea Party oder nur ein Hype?

  • -Aktualisiert am

Proteste gegen Corona-Schutzmaßnahmen in Madison Bild: EPA

Am Wochenende wollen wieder viele Amerikaner gegen die Coronavirus-Schutzmaßnahmen demonstrieren. Hinter den Organisatoren stecken auch rechtskonservative Netzwerke.

          4 Min.

          Sie zeigen ihre Waffen, fahren hupend durch die Innenstädte oder stellen sich allen Warnungen zum Trotz Schulter an Schulter vor die Regierungsgebäude. Die Demonstranten, die eine Aufhebung der Coronavirus-Schutzmaßnahmen fordern, wollen auch an diesem Wochenende wieder auf die Straße gehen. Bereits am Freitag erlebte Madison, die Hauptstadt des Bundesstaates Wisconsin, ihren bis dato größten Protest gegen den „Lockdown“.

          Um die 1500 Menschen versammelten sich vor dem Kapitol. Viele trugen Trump-Fahnen und Kappen, auf denen dessen Wahlkampfspruch „Make America Great Again“ zu lesen war. Fernsehbilder zeigten auch Demonstranten, die Symbole der rechtskonservativen Tea-Party-Bewegung wieder aufleben ließen. Wie bei ähnlichen Veranstaltungen in anderen Städten liefen einige Teilnehmer mit Gewehren auf, und nur wenige trugen Atemschutzmasken.

          Wisconsins Gouverneur Tony Evers, ein Demokrat, hatte angesichts der Coronavirus-Krise alle nicht lebensnotwendigen Geschäfte bis Ende Mai geschlossen. Manche Funktionäre der regionalen republikanischen Partei unterstützten die Proteste, traten aber nicht offiziell dort auf. Mehrere republikanische Politiker klagten inzwischen gegen die Verlängerung der Schutzmaßnahmen. Die Gegner der Beschränkungen behaupten, dass das Coronavirus in Wisconsin nicht weit verbreitet sei. Das örtliche Gesundheitsministerium gab am Freitag allerdings 304 neue Fälle bekannt, die höchste Zahl seit Beginn der Pandemie. Über 4600 Menschen wurden in dem Bundesstaat, in dem knapp unter sechs Millionen Menschen leben, bislang positiv getestet, 242 starben.

          Es sei gefährlicher, drinnen zu bleiben und sich Sorgen um das Coronavirus zu machen, als arbeiten zu gehen, zitierte die „New York Times“ einen Arzt, der an der Demonstration in Madison teilnahm. „Nach allem, was wir wissen, haben Sie ein größeres Risiko zu sterben, wenn Sie zu Hause bleiben. Man muss auf alle Leben schauen, nicht nur auf Covid-Leben“, sagte Timothy Allen. Die meisten Toten gab es bislang in und um die Großstadt Milwaukee, weswegen sich viele Menschen auf dem Land weniger bedroht fühlen und einige nicht bereit sind, ihren Beitrag zur Eindämmung der Pandemie zu leisten. Milwaukee gilt als eine der am stärksten segregierten Städte im ganzen Land. Afroamerikaner stellen hier einen Anteil von 41 Prozent der Bevölkerung, machten Anfang April aber mehr als die Hälfte der Coronavirus-Diagnosen und die Mehrheit der Todesfälle aus.

          Unterdessen wurden mehr Details über die Organisatoren und Unterstützer der Proteste bekannt. Die „Convention of States“, eine der Gruppen, die dazu aufgerufen hatte, ist keineswegs eine Graswurzel-Initiative spontan erregter Bürgerinnen und Bürger. Wie die „Washington Post“ recherchierte, steht hinter der Organisation ein weit verzweigtes Netzwerk rechter und konservativer Gruppierungen. Sie wollen in der Corona-Krise die politische Stimmung, aber auch die berechtigten ökonomischen Ängste vieler Amerikaner für sich nutzen. Die Gruppe gibt es seit 2015, und sie startete mit einer großen Zuwendung des Milliardärs und Republikaners Robert Mercer, der auch Donald Trumps Präsidentschaftswahlkampf unterstützte.

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