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Unvergesslich: Das schlumpfige Grinsen des Hütchenspielers Bild: Wilhlem Busch

Fraktur : Hütchenspiel mit Panzern und Puppen

Warum Bundeskanzler Scholz die Ministerinnen Baerbock, Faeser und Lambrecht tanzen lassen soll.

          2 Min.

          Lange haben wir sie nicht mehr gesehen, diese freundlichen Herren oft in Bahnhofsnähe, die uns Geld schenken wollten, wenn unsere Augen so schnell gewesen wären wie ihre Finger. Wir sollten ihnen nur sagen, unter welcher der drei Nussschalen oder Streichholzschachteln sich das Kügelchen befinde, und schon bekämen wir das Doppelte unseres Einsatzes zurück.

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

          Wir waren jung und hätten die Knete gebraucht. Doch leider tauchte das Kügelchen immer seltener da auf, wo man es ganz sicher vermutet hatte, sodass der Finanztransfer zunehmend nicht in der Richtung verlief, die uns so überzeugend in Aussicht gestellt worden war. Seither verstehen wir, dass am Bahnhof Leute um einen Euro betteln, weil sie kein Geld mehr für die Heimfahrt haben.

          Wieso uns das Hütchenspiel nach all den Jahren wieder einfällt? Weil es jetzt auf höchster Ebene und im ganz großen Stil betrieben wird. Das Kügelchen – das sind die Panzer, die wir angeblich der Ukraine liefern wollen. Die Schächtelchen – das sind die Behauptungen, was mit diesen Oldtimern geschehe beziehungsweise nicht geschehe aus den unterschiedlichsten Gründen (Geheimhaltung, Angst vor Putins Rache, fehlende Feinstaubfilter).

          Wo lauert nur das schlumpfige Grinsen?

          Könnten Sie etwa mit Gewissheit sagen, unter welcher der drei Nussschalen gerade die Geparde stecken? Unter welchem Schächtelchen die Marder? Und unter welchem Deckelchen nur das schlumpfige Grinsen des Hütchenspielers lauert, das wir nicht vergessen können?

          Es ist schon klar: Die Waffenschieberei soll vor allem Putin verwirren. Der spielt in der Ukraine ja auch Alles oder nichts. Doch scheint inzwischen auch die Bundesregierung selbst nicht mehr genau zu wissen, wo die vielen Kugeln sind, die sie ins Spiel gebracht hat. Dass dieses ein doppeltes sei, wie Oppositionsführer Merz meinte, ist eine glatte Untertreibung.

          Wenn das der Frankfurter Oberbürgermeister Feldmann gesagt hätte!

          Selbst in den Reihen der angeblich mitregierenden FDP wird inzwischen von einem „Kuddelmuddel“ gesprochen. Die wehrhafte Ausschussvorsitzende Strack-Zimmermann nannte den Kanzler zwar nicht einen Hütchenbetrüger; so mies ist die Stimmung in der Koalition noch nicht. Doch für einen Spieler hält die FDP-Frau Scholz: Der habe „die Fäden in der Hand und kann die Puppen entsprechend tanzen lassen“. Die Puppen? Tanzen lassen? Uiuiui, wenn das der Frankfurter Oberbürgermeister gesagt hätte!

          Zum Glück ist der aber hormonell außer Gefecht gesetzt. Strack-Zimmermann kann nur die Ministerinnen für das Äußere, das Innere und die Verteidigung gemeint haben. Alle drei gehören dem Bundessicherheitsrat an, der über die Waffenlieferungen an die Ukraine entscheidet.

          Diese Puppen haben auch den sogenannten Ringtausch beschlossen, mit dem nicht der jedenfalls von Lambrecht ersehnte Wechsel auf Faesers Platz und deren Abschiebung nach Hessen gemeint ist, sondern die Lieferung von deutschen Panzern an Verbündete im Osten, damit die dann noch ältere Tanks an die Ukraine abgeben können. Diese XXL-Version des Hütchenspiels scheint die Koalition aber völlig zu überfordern. Warschau steht offenbar kurz davor, uns den Krieg zu erklären, weil Berlin immer noch keine Panzer nach Polen geschickt hat. Wir leben wirklich in seltsamen Zeiten.

          Der Rückgriff auf die Ringtauschparabel ist auch noch aus einem anderen Grund nicht glücklich. Der Ring wäre ja erst geschlossen, wenn Kiew uns am Schluss ganz alte Waffen liefern würde, also etwa Vorderlader. Doch die Ukrainer brauchen jetzt wirklich jede Flinte selbst. Man sollte also vielleicht lieber von einer anonymen Panzerspende sprechen.

          Scholz will nicht als Waffenlieferant auffallen

          Denn die Regierung Scholz will ja vor allem eines: nicht als Waffenlieferant auffallen, besonders nicht in Moskau. Da nimmt sie lieber die Gefahr in Kauf, in den Augen der Welt als „kompletter Bremser und Loser“ (wieder Strack-Zimmermann) zu gelten, der weder das Organisieren noch das Kommunizieren beherrsche. Diese Kritik, die glatt vom ukrainischen Botschafter stammen könnte, wird der SPD bestimmt nicht gefallen. Wir selbst rechnen mit Protesten wegen des Vergleichs der Bundesregierung mit den Hütchenspielern. Den lassen die Profis vom Bahnhof bestimmt nicht auf sich sitzen.

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