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Wählerinnen in Amerika : Eine Probe auf die Männlichkeit

Plötzlich hatten die Demokraten eine neue Heldin: Wendy Davis Bild: AP

Der Versuch der Demokraten, die Republikaner als hoffnungslos frauenfeindlich hinzustellen, ist nicht aufgegangen. Das ist eine Lektion auch für Hillary Clinton: Weibliche Solidarität ist eine begrenzte Ressource.

          8 Min.

          Der Stern von Wendy Davis ist aufgegangen und verglüht. Im vergangenen Jahr wurde die texanische Politikerin über Nacht berühmt. Es war die Nacht vom 25. auf den 26. Juni 2013. Auf der Tagesordnung des Senats in Austin stand der Entwurf eines Gesetzes, das den Schwangerschaftsabbruch erschweren sollte. Die demokratische Senatorin Wendy Davis sprach gegen das Gesetz. Der Katalog ihrer Gegenargumente war lang und wurde immer länger, denn die Rednerin hatte sich zum Ziel gesetzt, mindestens bis Mitternacht weiterzureden. Die Tagesordnung galt nur für den Sitzungstag, nach Mitternacht konnte die Abstimmung nicht mehr stattfinden. Wendy Davis redete elf Stunden lang. Der Name dieser Ausdauersportart ist Filibuster.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Zwar wurde Wendy Davis drei Stunden vor dem Ziel das Wort entzogen, aber die Geschäftsordnungsdebatte darüber, ob sie wirklich vom Thema abgekommen war, zog sich wiederum so in die Länge, dass die Abstimmung tatsächlich ausfiel. Die Marathonrede wurde live übertragen, zunächst auf einer Internetseite für Berichte aus der texanischen Politik, dann schalteten sich einer nach dem anderen die Fernsehsender ein. In den sozialen Netzwerken verbreitete sich die Werbebotschaft in Wirbelwindeseile: Wie Wendy Davis sich auf den Beinen hielt und weder die Stimme noch den Faden verlor, das musste man gesehen haben.

          Ein kühnes Projekt

          Plötzlich hatten die Demokraten eine neue Heldin. Wendy Davis wurde in die Fernsehtalkshows der großen Sender eingeladen, in denen für Parlamentarier der einzelstaatlichen Ebene normalerweise kein Platz am Tisch ist. Eine Karriere in der nationalen Politik wurde der Juristin vorausgesagt, die seit 2008 im texanischen Senat sitzt und vorher neun Jahre lang im Stadtrat von Fort Worth Lokalpolitik gemacht hatte. Aber statt ihre Fernsehaktivitäten fortzusetzen und als Internetberühmtheit ihre Gefolgschaft auszubauen, ließ sie sich auf ein kühnes Projekt ein: Sie erklärte ihre Kandidatur um das Amt des Gouverneurs von Texas.

          Für die demokratischen Strategen in Washington tat sich eine bezaubernde Aussicht auf: Konnte Texas wieder ein „blauer Staat“ werden? Angesichts der Wahlergebnisse der letzten Jahre grenzte die Idee einer demokratischen Rückeroberung des Kapitols von Austin an Verrücktheit, aber gerade das machte ihren Charme aus. Es war eine „Erzählung“, um im Jargon des heutigen politischen Journalismus zu reden („a narrative“), eine nicht schlechthin unmögliche Geschichte mit eloquenter und telegener Hauptperson, wie sie zumal die Phantasie von Journalisten beschäftigt. Seit Dienstagabend weiß man, wie die Geschichte ausgegangen ist: Greg Abbott, der republikanische Justizminister von Texas, wurde zum Nachfolger des republikanischen Gouverneurs Rick Perry gewählt. Abbotts Vorsprung auf Wendy Davis lag bei etwa 20 Prozentpunkten. Anders gerechnet: Auf zwei Davis-Wähler kamen drei Abbott-Wähler.

          Der neue Gouverneur von Texas: Greg Abbotts Vorsprung auf Wendy Davis lag bei etwa 20 Prozentpunkten

          Der wichtigste Befund der Wahlstatistik: Auch die Mehrheit der Wählerinnen konnte der republikanische Kandidat gewinnen. Damit ist die Niederlage von Wendy Davis symptomatisch für die Katastrophe ihrer Partei bei den Wahlen im ganzen Land. Vor zwei Jahren, als Präsident Barack Obama zur Wiederwahl stand, konnten die Demokraten den Versuch der Republikaner abwehren, im Senat in Washington die Mehrheit und damit die Hoheit über die Geschäftsordnung zu gewinnen. Zwei republikanische Senatskandidaten, Todd Akin in Missouri und Richard Mourdock in Indiana, sorgten mit unglücklichen Aussagen über Vergewaltigung und Abtreibung für Aufregung. Die Demokraten bezichtigten die Republikaner, die Partei des von Präsident George W. Bush ausgerufenen „Kriegs gegen den Terror“, einen „Krieg gegen die Frauen“ zu führen.

          Das angebliche Kriegsziel: die Beseitigung der „Fortpflanzungsrechte“ („reproductive rights“). Mit diesem Euphemismus werden auf der liberalen Seite des politischen Spektrums Rechtsgarantien bezeichnet, deren Pointe das Recht auf Nichtfortpflanzung ist: die Freiheit der Abtreibung und der Zugang zu Verhütungsmitteln. Die Antikriegsrhetorik der Demokraten folgt selbst einer kriegerischen Logik: Sie stilisieren die Republikaner zu Feinden der Hälfte des Menschengeschlechts. An diese Strategie der feministischen Verschärfung knüpft sich die Hoffnung auf eine strukturelle Mehrheit der Demokraten: Ein signifikanter Anteil der Wählerinnen soll davon überzeugt werden, dass Republikaner für Frauen grundsätzlich nicht wählbar sind.

          Die Betätigung der feministischen Alarmglocke

          Mit dieser Strategie sind die Demokraten in den Wahlen vom 4. November 2014 gescheitert - nicht nur in Texas. In Colorado wurde Senator Mark Udall abgewählt. Der demokratische Amtsinhaber hatte seinen Wahlkampf auf die Verteidigung der Abtreibungsfreiheit zugespitzt und seinen Herausforderer, den Kongressabgeordneten Cory Gardner, als extremistischen Verfechter des Lebensschutzes porträtiert. Barack Obama hatte die Wahlmänner von Colorado sowohl 2008 als auch 2012 gewonnen. Der Staat mit den höchsten Gipfeln der Rocky Mountains stand für die Aussicht der Demokraten, jenseits ihrer Bastionen an Ost- und Westküste Land zu gewinnen. Gebirgsluft und Urbanisierung scheinen einen individualistischen Liberalismus zu begünstigen, dessen symbolisch wichtigste Errungenschaft die Entkriminalisierung des Haschischkonsums war.

          Aber während der demokratische Gouverneur John Hickenlooper, ein Unternehmer, nach dem Stand der Auszählung auf den Verbleib im Amt hoffen darf, ist Senator Udall mit seiner monothematischen Interpretation der Wahlfreiheit abgestürzt. Ihm wurde die Betätigung der feministischen Alarmglocke als taktische Maßnahme übelgenommen. Die Leitartikler der „Denver Post“ führten Udalls Wahlkampfthemenwahl als Grund dafür an, dass die Zeitung eine Wahlempfehlung für Gardner aussprach: Der Demokrat, einer der hartnäckigsten Kritiker der Überwachungsprogramme der National Security Agency, wurde für den „langweiligen Refrain“ seiner Kampagne bestraft.

          In der Sache durfte Udall den Erfolg verbuchen, dass Gardner seine Position in einem philosophischen Streitpunkt revidierte, den die organisierten Abtreibungsgegner plebiszitär zu forcieren versuchen. Die Wähler von Colorado hatten am Dienstag auch darüber zu entscheiden, ob sie der befruchteten Eizelle im Mutterleib den Status einer Person zusprechen wollten. Es war die dritte Volksabstimmung in dieser Frage; die früheren Initiativen hatte Gardner unterstützt.

          Siege, über die man nicht froh werden kann

          In Deutschland steht gemäß der Grundsatzurteile des Bundesverfassungsgerichts jedenfalls dem Buchstaben nach außer Zweifel, dass das ungeborene Kind ein Rechtssubjekt mit dem Anspruch auf den Schutz der Rechtsordnung ist. In den Vereinigten Staaten gilt eine solche rechtsphilosophische Auffassung als extreme Parteimeinung. Auch Gardner, der als Kongressabgeordneter mit scharfen Reden gegen Präsident Obama hervorgetreten ist, wollte mit diesem Standpunkt nicht mehr in Verbindung gebracht werden. Die Volksinitiative zum begrifflichen Embryonenschutz scheiterte im dritten Versuch zum dritten Mal.

          Es gibt Siege, über die man nicht froh werden kann: Die demokratische Mobilisierung der weiblichen Wählerschaft stößt in Staaten wie Colorado offenbar gerade deshalb an Grenzen, weil die demokratische Haltung zum Abtreibungsrecht mit den Intuitionen einer großen Mehrheit der Bevölkerung harmoniert. Der kulturelle Konsens macht die politische Polarisierung schwierig; die Gefahr für die Abtreibungsfreiheit bleibt abstrakt.

          Joni Ernst ist am Dienstag zur Senatorin für Iowa gewählt worden, obwohl sie den Embryo als Person anerkannt sehen möchte. Als Mitglied der zweiten Parlamentskammer ihres Staates setzte sie ihren Namen unter einen entsprechenden Gesetzesentwurf, und während der Vorwahlen im Frühjahr erklärte sie, ein solches Gesetz solle Handhabe für die Bestrafung der Betreiber von Abtreibungskliniken bieten. Das ländlich geprägte Iowa gehört wie Colorado zu den Staaten, die zwischen rot und blau changieren. Da hier im Kampf um die Präsidentschaftskandidaturen traditionell die ersten Delegiertenversammlungen („caucuses“) stattfinden, richten sich die Augen der Nation alle vier Jahre auf Iowa. Joni Ernst empfahl sich ihren Wählern mit einem Fernsehwerbespot, in dem sie sich ihrer Erfahrung im Schweineschlachten rühmte.

          Ihrer entschiedenen Meinung zum Lebensschutz entsprechen andere Standpunkte aus dem Handbuch des kämpferischen Konservatismus. So liest sie dem Recht auf individuellen Waffenbesitz eine politische Bedeutung ab: Im Notfall wäre die Schusswaffe in Privatbesitz zur Verteidigung des Volkes gegen eine tyrannische Regierung geeignet. Von liberaler Seite wird auch diese Meinung als extremistisch denunziert, obwohl dahinter die revolutionären Erinnerungen an die Gründung der Vereinigten Staaten stehen. Die „New Republic“ beklagte, dass im Wahlkampf zu wenig von Joni Ernsts Programmpunkten die Rede gewesen sei, und machte dafür das Sterben der Lokalzeitungen verantwortlich. Erst kurz vor Ende der Kampagne wurde in Iowa die feministische Moralkarte ausgespielt - von Joni Ernst. Tom Harkin, der 74 Jahre alte Senator, dessen Sitz sie nun übernehmen wird, hatte sich im Altherrentonfall über ihr Aussehen geäußert und sie mit der Countrysängerin Taylor Swift verglichen.

          Die Geschichte der demokratischen Gouverneurin Wendy Davis war zu schön, um wahr werden zu können. Als die Demokraten zuletzt die Macht in Texas besaßen, führte eine Frau die Staatsgeschäfte: Ann Richards, 2006 verstorben, die in geflügelten Worten und sogar als Heldin eines in New York aufgeführten Theaterstücks fortlebt. Vergeblich bewarb sie sich 1994 um die Wiederwahl. Der Sieger hieß damals George W. Bush. So hängt für die Demokraten am Verlust von Texas das Trauma der in ihren Augen illegitimen Bush-Präsidentschaft.

          Diese Schlacht musste nicht gewonnen werden

          Die Kandidatur von Wendy Davis war von Anfang an eine wenig aussichtsreiche Wette auf das Wählerglück. Aber sie schien den Einsatz wert, die erhebliche moralische und finanzielle Unterstützung der Bundespartei - wegen der singulären symbolischen Bedeutung des Bundesstaates mit dem einsamen Stern in der Flagge.

          Der republikanische Vormarsch in den Südstaaten ist seit Richard Nixon in Gang; er wurde in diesem Jahr auch in Arkansas und Georgia nicht aufgehalten, obwohl in Arkansas Altpräsident Clinton so viele Wahlkampfauftritte absolvierte, als wollte er selbst wieder Gouverneur in Little Rock werden, und in Georgia der Enkel des Altpräsidenten und Altgouverneurs Jimmy Carter als Gouverneurskandidat antrat. In Texas lässt sich die Hinwendung des Südens zur Partei Abraham Lincolns nicht mit dem Ressentiment von Modernisierungsverlierern erklären. Texas ist reich und vital. Obwohl die Texaner immer wieder einmal ernsthaft mit dem Gedanken spielen, sich von der Union loszusagen, dürfte kaum ein Amerikaner leugnen, das Texas etwas Uramerikanisches zur Darstellung bringt. Die großen Sprüche von Ted Cruz, dem Idol der Tea Party: nicht unglaubwürdig, da man in Texas auf Schritt und Tritt Burschen antrifft, die vor lauter Einbildung ganz geschwollene Schädel haben. Umgekehrt hat Rick Perry mit seinen Auftritten an der Grenze zur Artikulationsunfähigkeit im Vorwahlkampf 2012 seine Chancen auf die Präsidentschaftskandidatur nicht ein für allemal ruiniert, weil er nun einmal der Gouverneur von Texas ist.

          Mit den eigenen Waffen geschlagen

          Texas nicht kampflos verloren zu geben - das ist für die Demokraten eine Sache des Prestiges, drastisch gesagt: eine Probe auf ihre Männlichkeit. Es hatte nicht nur sachliche oder ideologische Gründe, dass der Kampf um das Gouverneursamt als Geschlechterkrieg inszeniert wurde. Im Senat in Washington ist der Filibuster durch eine von dem scheidenden Mehrheitsführer Harry Reid betriebene Geschäftsordnungsreform weitgehend eingeschränkt worden. Die Dauerrede ist als Blockadeinstrument verrufen. Indem Wendy Davis für elf Stunden das Wort nahm und nicht wieder hergab, hat sie die republikanischen Männer mit deren eigenen Waffen geschlagen. Sie siegte durch physische Ausdauer, die sonst der natürliche, also ungerechte Vorteil des Mannes ist. Die Vertreter der Mehrheitsfraktion, die ihr das Wort abzuschneiden versuchten, standen als Grobiane dar.

          Veteranen der Obama-Wahlkämpfe gründeten zur Unterstützung von Wendy Davis eine Organisation namens Battleground Texas. Diese Schlacht musste nicht gewonnen werden. Es ging hier auch um Aufmerksamkeit, um die Mobilisierung um der Mobilisierung willen, um die Rüstung für die nächste Schlacht. Aber damit vom Kreuzzug der Wendy Davis eine solche moralische Wirkung hätte ausgehen können, hätte die Niederlage knapper ausfallen müssen. In der Sekunde, da die Wahllokale schlossen, rief der konservative Nachrichtensender Fox News Greg Abbott zum Sieger aus, den Mann, der als Justizminister dafür gesorgt hatte, dass das Gesetz über die neuen Hürden für abtreibungswillige Frauen, das Wendy Davis verhindern wollte, doch noch plangemäß in Kraft trat. 52 Prozent der texanischen Wählerinnen haben für Abbott gestimmt.

          Mit ihrer Biographie hatte Wendy Davis für sich geworben, mit der Geschichte einer Frau, die sich in der Männerwelt ihren Weg bahnt. Ihre Niederlage enthält auch Lektionen für mögliche Kandidatinnen in der Bundespolitik wie Hillary Clinton und Senatorin Elizabeth Warren. Weibliche Solidarität ist keine Ressource, die sich anzapfen lässt wie eine Ölquelle.

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