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Wadan-Werften : Gewöhnt an das Prinzip Hoffnung

Angst um den Arbeitsplatz: Proteste vor der Wadan-Werft in Wismar Bild: dpa

Für die Wadan-Werften in Mecklenburg-Vorpommern ist das Insolvenzverfahren eröffnet worden. In den Schiffsfabriken in Rostock und Wismar kehrt von Montag an Stille ein. Für beide Standorte wurden bereits Auffanggesellschaften vorbereitet. Doch nicht zum ersten Mal droht dem Schiffbau das Aus.

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          Das Land Mecklenburg-Vorpommern droht das Wenige an industriellem Rückgrat zu verlieren, was es dort noch gibt. Von Montag an ruhen die Arbeiten auf den Wadan-Werften in Rostock-Warnemünde und Wismar endgültig. Das Amtsgericht Schwerin hat das Insolvenzverfahren am Samstag förmlich eröffnet und damit die Voraussetzung für den vorläufigen Erhalt der rund 2.500 Arbeitsplätze in Transfergesellschaften geschaffen. Der Insolvenzverwalter hat nun fast drei Monate Zeit, neue Investoren für die beiden Werften zu finden, wie Gerichtsdirektor Peter Winterstein am Samstag sagte.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Vor einem halben Jahr war das alles noch undenkbar. Zu tun gab es aber schon seit Wochen nicht mehr viel. Die einst in Auftrag gegebenen Schiffe, vor allem zwei große Fähren für die schwedische Reederei Stena Line, wollen die Auftraggeber nicht mehr haben. Weil die Werften in Insolvenz gingen, können die Auftraggeber auch aus den Aufträgen aussteigen. Neue Aufträge sind nicht in Sicht, nicht einmal in den nächsten zwei Jahren.

          Die Werften hatten es schon immer schwer

          Immer schon hatten es die Werften in Mecklenburg-Vorpommern schwer und standen mehrfach vor dem Aus. Eine gute Zeit allerdings erlebten die Standorte Wismar und Rostock, als sie zum norwegischen Konzern Aker gehörten und als überall in der Welt Schiffe gebraucht wurden. Beide Betriebe sind hochmodern und auf Spezialschiffbau ausgerichtet. 2008 übernahm eine russische Investmentfirma FLC West die Werften von Aker. Die Russen hielten seitdem 70 Prozent der Anteile, der Rest entfiel auf eine koreanisch-norwegische Gruppe. Die Krise im Schiffbau dräute schon am Horizont. Land und Bund wollten den russischen Eignern mit 220 Millionen Euro an Krediten und Bürgschaften helfen. Doch die Gesellschafter weigerten sich, die dafür notwendigen Eigenleistungen zu erbringen.

          Zur Verblüffung der Politik stellten die Russen am 4. Juni schließlich einen Insolvenzantrag. Seitdem lief das vorläufige Insolvenzverfahren, der Hamburger Rechtsanwalt Marc Odebrecht wurde als Insolvenzverwalter eingesetzt. Er gab mehrere Gutachten in Auftrag über die Zukunft der Standorte. Das Ergebnis ist ernüchternd. Und so kam auch Odebrecht zu dem Schluss, nun auch das offizielle Insolvenzverfahren einleiten zu müssen. Am Freitag leistete er nun die entsprechenden Unterschriften beim Schweriner Amtsgericht. Damit hat die Schweriner Politik nun wieder direkt mit den Werften zu tun.

          Auffanggesellschaften in den vergangenen Wochen vorbereitet

          Für beide Standorte wurden in den vergangenen Wochen schon Auffanggesellschaften vorbereitet. Finanziert werden sie zunächst vom Land, die Bundesagentur für Arbeit tritt hinzu. Diese Gesellschaften können aber nur entstehen, wenn der überwiegende Teil der Belegschaft dem auch zustimmt - die Unterschriftenaktion läuft noch. Es geht um etwa 2400 Arbeitsplätze. Beschäftigungsgesellschaft bedeutet weniger Lohn und Gehalt. Die Mitarbeiter bekommen ein sogenanntes Transferkurzarbeitergeld, gesichert für die nächsten fünf Monate. „Die andere Möglichkeit wäre die sofortige Kündigung“, sagt der Insolvenzverwalter. Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) hatte schon vor Wochen als Ziel ausgegeben, die Belegschaft so lange wie möglich zusammenzuhalten, um überhaupt noch einen Neustart zu ermöglichen.

          Den Werftstandorten geht es wirtschaftlich so schlecht, dass der Insolvenzverwalter nicht einmal ein konjunkturelles Kurzarbeitergeld beantragen konnte. Die Bundesagentur für Arbeit hätte abgelehnt. Zu trübe sind die Aussichten auf normale Weiterbeschäftigung. Für die Auszubildenden, die aus rechtlichen Gründen nicht in die Beschäftigungsgesellschaften aufgenommen werden können, wurde nach Aussage Odebrechts eine Übergangsregelung für zwei Monate gefunden. Aber auch danach sollen sie an den Standorten gehalten werden. Dafür sollen Bundesmittel bereitstehen.

          Der Insolvenzverwalter gibt sich „vorsichtig optimistisch“

          Immer noch scheint es Hoffnung zu geben, schon in den nächsten zwei Monaten zu wissen, ob die Werften noch eine Zukunft haben oder nicht. Trotz Insolvenz laufen alle Verhandlungen weiter. Sowohl mit den Kunden, den drei Reedereien, deren Schiffe halbfertig in der Werft stehen und die nun versuchen, den Preis zu drücken, wenn sie überhaupt noch an den Schiffen interessiert sind. Als auch mit möglichen Investoren. Staatskanzlei und Wirtschaftsministerium helfen dabei. Über all diese Gespräche ist Stillschweigen vereinbart. Aber es war doch ein Schweriner Ereignis, als jüngst vor der Staatskanzlei in Sachen Werften ein Maybach parkte. Wirtschaftsminister Jürgen Seidel (CDU) sagt: „Das Leitmotiv bei der Beurteilung des Konzeptes eines neuen Investors wird sein, dass eine nachhaltige Entwicklungsperspektive entwickelt wird.“

          Die Zeiten des bloßen Masseschiffbaus seien ohnehin vorbei. Aber gerade deshalb sehe er noch eine Chance für die beiden mecklenburgischen Werftstandorte. Insolvenzverwalter Odebrecht sagt, er sei „vorsichtig optimistisch“, dass in den nächsten zwei Monaten eine Entscheidung falle. Die Rettung der Arbeitsplätze in den beiden Werftbetrieben ist das eine. Der rot-schwarzen Landesregierung bereiten andererseits die Zulieferbetriebe mit mindestens einer ähnlichen Zahl von Arbeitsplätzen noch größere Nöte. Die Zulieferer können nicht auf den Staat hoffen. Sie müssen sehen, was das Insolvenzverfahren für sie noch bringt.

          Insolvenzverwalter Odebrecht räumt den beiden Standorten unterschiedliche Chancen ein. „In Wismar können wir nur eine Werft verkaufen, in Warnemünde aber einen Standort, der auch für andere Zwecke interessant sein könnte, etwa für Offshore-Projekte.“

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