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Ukip-Chef vor Rauswurf : Ohne den romantischen Teil

Wegen Rassismus in der Kritik: Ukip-Chef Henry Bolton Bild: dpa

Die britische Unabhängigkeitspartei Ukip steht vor einer neuen Krise. Seit dem Brexit fehlt es an relevanten Inhalten. Mit den rassistischen Aussagen von Henry Boltons (Ex-)Freundin müsste auch bald ein neuer Vorstand her.

          Als die Mitglieder der Britischen Unabhängigkeitspartei (Ukip) im vergangenen September Henry Bolton zum neuen Vorsitzenden wählten, ging ein Aufatmen durch die Reihen. Bolton war, je nach Rechnung, der dritte oder sogar fünfte Parteichef innerhalb eines Jahres, und endlich schien mit ihm ein Chef mit Prinzipien am Ruder: Bolton hatte als Soldat und Polizist gedient und war sogar mit einem OBE (Officer of the Order of the British Empire) für seine Verdienste um die „internationale Sicherheit und Stabilisierung“ ausgezeichnet worden. Er präsentierte sich der krisengeschüttelten Partei als Mann der seriösen Mitte, der seine damalige Mitbewerberin, die ausländerfeindliche Anne Marie Waters, furios attackierte. Mit Waters an der Spitze drohe die Ukip zur „UK Nazi Partei“ zu werden, sagte er. Nach der Wahl wurde es ruhig um Bolton, bis eine andere Frau in sein Leben trat: Jo Marney, 25 Jahre jung und ein Model. Sie ruinierte den Neustart.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Schon als bekannt wurde, dass Bolton für die junge Parteiaktivistin seine Ehefrau verlassen hatte, kamen an der kulturkonservativen Basis erste Rücktrittsforderungen auf. Sie wurden lauter, als die „Daily Mail“ Handy-Texte veröffentlichte, in denen sich Marney abfällig über die dunkelhäutige Verlobte von Prinz Harry geäußert hatte. Marneys Kommentare waren so unbestreitbar rassistisch, dass sich Bolton distanzieren musste, die Parteimitgliedschaft seiner Geliebten suspendieren ließ und den „romantischen Teil“ seiner Partnerschaft für beendet erklärte. Als er kurz darauf in einem Londoner Club händchenhaltend mit Marney gesehen wurde, schlug das „Nationale Exekutivkommitee“ (NEC) der Partei zu. Das höchste Parteigremium entzog Bolton das Vertrauen und forderte ihn zum Rücktritt auf. Bolton zeigte sich unbeeindruckt und hielt auch an seiner Haltung fest, als die meisten seiner Mitstreiter aus Protest ihre Parteiämter niederlegten.

          Nächste Krise für Ukip

          Nun steckt die Ukip in der nächsten Krise. Seit dem Triumph vom 23. Juni 2016, als die Briten dem Gründungsziel der Partei – dem Brexit – zustimmten, rast die Ukip in den Abgrund der Bedeutungslosigkeit. Der Abschied ihrer Galionsfigur Nigel Farage legte offen, wie dünn die Schicht fähiger Nachfolger ist. Diane James trat nach weniger als drei Wochen zurück, worauf Farage noch einmal geschäftsführend einspringen musste. Der nächste Parteichef, Paul Nuttal, hielt sieben Monate durch; dann zog er aus dem desaströsen Ergebnis bei den Unterhauswahlen die Konsequenz. Wieder sprang ein Interimsvorsitzender ein, bis schließlich Bolton aus einer weiteren Urwahl hervorging. Nun müssen sich die Mitglieder, vermutlich im Februar, zu einem außerordentlichen Parteitag treffen, um über ihren amtierenden Vorsitzenden abzustimmen.

          Fast alle halbwegs bekannten Funktionäre haben sich gegen Bolton ausgesprochen – bis auf Farage. Der stärkte Bolton zwar auch nicht gerade den Rücken, als er ihm am Dienstag ein „sehr schwaches Urteilsvermögen“ vorhielt, aber er unterstützt seinen Kampf gegen das „gescheiterte“ NEC, ein Parteigremium „voller hoffnungsloser Amateure“, das allen Vorsitzenden das Führen schwer gemacht habe. „Wenn er imstande ist, binnen eines Monats eine neue Parteiverfassung und Managementstruktur zusammenzustellen, kann er das gewinnen“, sagte Farage am Dienstag in der BBC. Er verglich die Lage seines Nachfolgers mit der des Labour-Chefs Jeremy Corbyn, der sich ebenfalls gegen gewaltigen Widerstand in seiner Partei durchsetzen musste.

          Rätsel um politische Botschaft der Partei

          Ob die Probleme der Ukip mit einer Reorganisation der Strukturen zu lösen sind, erscheint fraglich. Viele rätseln über die politische Botschaft der Partei, nachdem der Ausstieg aus der EU und die Begrenzung der Masseneinwanderung offizielle Regierungspolitik geworden sind. Farage behilft sich mit dem Argument, dass die Ukip weiterhin für einen „ordentlichen Brexit“ gebraucht werde. Er fürchtet, die Regierung von Premierministerin Theresa May werde den Ausstieg aus der EU entweder verwässern oder in Form eines weiteren Referendums in Frage stellen. Eine langfristige Zukunft habe die Ukip aber nur, wenn sie zugleich ihre Kampagnetechniken modernisiere und sich als „politische online-Bewegung“ neu erfindet.

          Wie bei jeder Führungskrise der Ukip wird debattiert, ob nicht Farage selbst an die Parteispitze zurückkehren soll. Aber der „nach Thatcher wichtigste britische Politiker seit Churchill“ – so die „Daily Mail“ am Dienstag – will davon (bisher?) nichts wissen. Gerüchten zufolge plant Farage die Gründung einer neuen Bewegung, sollte die Ukip weiter ins Abseits trudeln. Angeblich verhandelt er darüber seit längerem mit Arron Banks, einem umstrittenen Geschäftsmann, der die Ukip und deren „Leave“-Kampagne mit vielen Millionen Pfund unterstützte, sich dann aber von Farages Nachfolgern abwendete. Derartige Überlegungen will Farage nicht bestätigen. Die Gründung einer neuen Partei sei sehr schwierig, sagte er am Dienstag, und bezeichnete die Ukip als „etablierte Marke“.

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