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Vormarsch der Islamisten : In Riad läuten die Alarmglocken

  • -Aktualisiert am

Saudi-Arabien und der Irak haben eine etwa 800 Kilometer lange Grenze Bild: REUTERS

Saudi-Arabien fürchtet einen Vormarsch der Dschihadisten auf eigenes Gebiet. Im wahhabitischen Königreich gibt es viele Sympathisanten des „Islamischen Staats“.

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          Mit breitem Lächeln hockt der bärtige Mann vor der schwarzen Fahne des „Islamischen Staats“. Auf seinem Schoß sitzen seine beiden Söhne, Abdullah und Ahmad, in ihren Händen halten sie Gewehre. Zehn und elf Jahre alt sind die Jungen, wenn man den Angaben von Freunden Nasser al Shayeqs Glauben schenken darf. Die berichten, dass der Mann aus dem Osten Saudi-Arabiens sich vor einem Monat über die Türkei in den Irak abgesetzt habe. Seine Mission: im Auftrag der sunnitischen Terrorgruppe einen Selbstmordanschlag auszuüben. Um die Söhne zu retten, habe die Botschaft des Königreichs in Ankara nun alle Hebel in Bewegung gesetzt, melden saudi-arabische Medien.

          Der Fall des Vaters von Abdullah und Ahmad ist nur einer von vielen, der bei der Führung in Riad alle Alarmglocken läuten lässt. Spätestens seit der Ausrufung eines „Kalifats“ durch den Führer des „Islamischen Staats“, Abu Bakr al Bagdadi, im Juli fürchtet das Königshaus einen Vormarsch der Gruppe aus den sunnitischen Stammesgebieten Iraks, die an den Norden Saudi-Arabiens angrenzen. Zudem fürchtet Riad Zellen im eigenen Land, die Rekruten für den Kampf gegen Kurden und Schiiten werben. Tausende Spezialkräfte der saudischen Armee und des Innenministeriums marschierten deshalb zu Beginn des Fastenmonats Ramadan an der Grenze zum Irak auf. Mögliche Überläufer aus den Reihen des Militärs und mit den Dschihadisten sympathisierende Stammesangehörige sollten so gestoppt werden.

          Von einer breit angelegten staatlichen Kampagne, die terroristische Gefahr einzudämmen, sprach diese Woche der Sprecher des Innenministeriums: 88 Männer, gab Mansur al Turki bekannt, seien seit Ende August unter Terrorverdacht gefangenen genommen werden. Insgesamt zehn Zellen, die im Westen des Landes rund um Mekka und Dschidda operierten, aber auch im schiitisch geprägten Osten und in der Hauptstadt, wurden demnach ausgehoben, nachdem die Behörden sie über Monate beobachtet hatten. Bis auf acht Verdächtige aus dem Jemen seien alle Saudis. Der Vorwurf: „Diese Männer haben saudi-arabische Jugendliche rekrutiert, um sie für den Kampf in Konfliktzonen im Ausland zu gewinnen“, sagte al Turki.

          Wohlwollen für die Terrorgruppe

          Dass die Sympathien für die Terrorgruppe groß sind in Saudi-Arabien, ist kein Geheimnis. Frustriert von mangelnden individuellen Entfaltungsmöglichkeiten im Land Abertausender Shopping Malls und Moscheen, wirken die Videoclips siegestrunkener Dschihadisten offenbar vor allem auf Heranwachsende inspirierend – nicht zuletzt, weil religiöse Sprachrohre des Regimes wie der Großmufti viel ihrer moralischen Autorität verloren haben. War es vor dreißig Jahren der Kampf der afghanischen Mudschahedin, der Usama bin Ladin und Hunderte seiner saudischen Landsleute anzog, scheint hier nun der Heilige Krieg in Syrien und im Irak schick geworden zu sein.

          Während die Willkür der Religionspolizei Haia immer offener kritisiert wird, zieht die Ideologie des „Islamischen Staats“ viele an – allen Verbrechen der Terroristen zum Trotz: Jüngsten Meinungsumfragen zufolge sollen drei von vier Befragten froh darüber sein, dass weite Teile Iraks unter Kontrolle des „Islamischen Staats“ stehen; 92 Prozent halten sie für eine „echte islamische Organisation“. Amtliche Stellen bezweifeln diese Zahlen, geben aber zu, dass die Terrorgruppe in vielen Kreisen wohlwollend betrachtet werde. Beispiele dafür gibt es viele. Ein Prediger etwa, der in seiner Moschee in Riad zur Unterstützung des „Islamischen Staats“ aufgerufen hatte, wurde am Sonntag zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Anfang des Jahres hatte König Abdullah ein Dekret erlassen, das bis zu zwanzig Jahre Haft vorsieht für zurückgekehrte Extremisten aus Irak und Syrien. Hohe Gefängnisstrafen drohen jenen, die für Terrororganisationen werben oder sie finanzieren. Kritiker des Königshauses bezweifeln aber, dass der Repressionskurs allein den wachsenden Zuspruch für den „Islamischen Staat“ stoppen kann: Auch diese Woche tauchten an mehreren Schulen wieder Schmierereien mit dem Slogan auf, „‚Islamischer Staat’ – hier, um zu bleiben, hier, um größer zu werden“.

          Der Gefahren, die der jugendliche Zuspruch für die eigene Herrschaft bedeutet, ist sich der neunzig Jahre alte Abdullah bewusst. Jeder zweite der dreißig Millionen Einwohner ist jünger als 25 Jahre alt. Auch, dass Saudi-Arabien dem Problem allein nicht Herr werden wird, scheint dem Herrscher klar zu sein. Hundert Millionen Dollar hatte er den UN bereits im August für den Kampf gegen den Terrorismus zugesagt. Am Wochenende schickte er seinen nationalen Sicherheitsberater und den Innenminister nach Doha, um die Differenzen mit dem widerspenstigen Nachbarn beizulegen: Im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ werden alle Kräfte gebraucht. Und selbst mit dem regionalen Rivalen um die Hegemonie in Nah- und Mittelost sucht Riad nun den Schulterschluss: Bereits in diesem Monat wollen sich die Außenminister Irans und Saudi-Arabiens am Rande der UN-Vollversammlung in New York treffen.

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