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Johannes Paul II. : Er kämpfte wie ein Löwe gegen den Krieg

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Nach der Wiedervereinigung: Im Juni 1996 besucht Johannes Paul II. erstmals Berlin, die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland. An seiner Seite Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU). Bild: Helmut Fricke

Papst Johannes Paul II. war ein strikter Pazifist. Das erklärt sich auch aus seiner Geschichte: Als Jugendlicher in Polen half er Juden und stand auf der schwarzen Liste der Nazis.

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          Im Jahr 2000 besuchte der schwerkranke Johannes Paul II. Jerusalem. An der Klagemauer schob er mit zitternder Hand einen Zettel in eine Steinfuge, wie es fromme Pilger tun. Darauf stand eine Bitte um Vergebung, die er dann in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem wiederholte, um Vergebung für alle Ausbrüche von „Hass, Verfolgung und Vertreibung, ausgelöst durch den Antisemitismus der Christen“. Es war keine fromme Predigt, sondern ein fast schon juristisch klares Statement, schnörkellos, wie ein Schuldbekenntnis vor Gericht, ohne Beschönigen und spirituelles Verkleistern.

          Nach dieser kurzen Rede stürzte eine ältere Dame auf ihn zu und brach in Tränen aus. Edith Tzirer, so hieß die Frau, war elf Jahre alt gewesen, als die SS im Januar 1945 das KZ Auschwitz räumte. Der Theologiestudent Karol Wojtyła, 24 Jahre alt, fand die halbverhungerte, völlig entkräftete Edith am Straßenrand, organisierte Tee und ein Stück Brot. Dann trug er sie kilometerweit zu einer Bahnstation, von wo aus andere Juden Edith in Sicherheit brachten.

          In Latein schrieb er ab

          In Wadowice, einem noch heute verträumten Städtchen fünfzig Kilometer von Krakau, wuchs Karol Wojtyła als Sohn eines ehemaligen Schneiders und späteren Berufsoffiziers in einer bescheidenen Zweizimmerwohnung auf. In dem Ort gab es eine große jüdische Gemeinde - jeder fünfte Einwohner war jüdischen Glaubens - und ein Klima gegenseitiger Achtung. Die Familie Wojtyła schätzte ihren jüdischen Vermieter, der am Marktplatz ein Fahrradgeschäft besaß. Der kleine Karol interessierte sich sehr für die fremdartigen Riten der jüdischen Bekannten - und freute sich, wenn er Gemeinsamkeiten im Glauben entdeckte.

          Erst 1938 machte sich auch in Wadowice eine patriotisch verbrämte Spielart von Antisemitismus breit, fand jedoch nicht viel Anklang. Die deutschen Besatzer sprengten die schöne Synagoge in die Luft. Etliche von Karols einstigen Spielkameraden kamen in den KZs um.

          Jerzy Kluger überlebte. Wojtyłas bester Schulfreund war der Sohn des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde, ein sozial engagierter Rechtsanwalt. Jerzy, der Jurek genannt wurde, und Karol, den man Lolek rief („Karlchen“), waren unzertrennlich. Sie schwammen im Fluß Skawa, liefen Schlittschuh, lasen dieselben Bücher und diskutierten stundenlang über Gott und die Welt. Im Latein-Abitur ließ Lolek seinen Freund selbstverständlich abschreiben.

          Als Nazis und Bolschewiken Polen unter sich aufgeteilt hatten, verschleppten sowjetische Soldaten die Familie Kluger in russische Internierungslager. Jurek musste bei vierzig Grad unter null Bäume fällen, monatelang. 1941, als Hitler scheinbar aus heiterem Himmel seinen sowjetischen Partner überfiel, wurden die Klugers freigelassen, aber nur für einen Augenblick. Während die Männer zur Roten Armee eingezogen wurden, sperrte man die Frauen ins Getto. Später kämpfte Jurek wieder auf polnischer Seite in Italien - und erhielt die Nachricht, dass seine Mutter und seine Schwester in Auschwitz, nahe Krakau, umgekommen seien. Seinen Schulfreund Karol traf Jerzy erst 1965 wieder - als Erzbischof von Krakau.

          Messe im Bombenhagel

          Karol Wojtyłas Werdegang hatte nur wenig mit den typischen Kirchenkarrieren alter Prägung gemein, die vom behüteten Seminaristendasein geradlinig auf den Universitätslehrstuhl oder Bischofsthron führen. Er war Ensemblemitglied eines antifaschistischen Theaters, Steinbrucharbeiter, Student an einer Untergrund-Uni. Der Papst aus Polen hat die Auswirkungen der Politik Hitlers und Stalins am eigenen Leib erfahren. Vielleicht war das auch ein Grund für seine überraschende Wahl im Herbst 1978. Menschliche Armseligkeit, Zwangsherrschaft, Gesinnungsterror, Kriegselend kannte er aus hautnahem Erleben.

          Als die Deutschen am 1. September 1939 ihren Blitzkrieg gegen Polen begannen und an diesem ersten Kampftag sofort Krakau bombardierten, war der neunzehnjährige Karol Józef Wojtyła der einzige Ministrant, der sich in die Schlosskirche auf dem Wawel zur Messe wagte. Mitten im Bombenhagel feierte dort ein eigensinniger Vikar mit ein paar ebenso sturen Getreuen die Eucharistie.

          Wenige Tage später, während Polens Divisionen den deutschen Panzerkanonen und Jagdgeschwadern ihren letzten ohnmächtigen Widerstand leisteten, floh Karol mit seinem Vater auf der Landstraße Richtung Tarnow und Rzeszow, inmitten einer Kolonne angsterfüllter Menschen, umgeben von Bauernkarren, auf denen die Gänse schnatterten. Der Brotvorrat war bald aufgebraucht, es gab auch kein Wasser mehr.

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