https://www.faz.net/-gpf-8ejb6

Umfragen bei der Landtagswahl : Wer wählt eigentlich die AfD?

Die AfD hat bei vielen Wählergruppen eine hohe Anziehungskraft. Bild: dpa

18, 12 oder 9 Prozent: Auch wenn Umfrageprognosen mit Vorsicht zu genießen sind, sieht es für die AfD bei allen Landtagswahlen gut aus. Frühere Analysen zum Wahlverhalten zeigen warum.

          4 Min.

          Seit Wochen vergeht kaum ein Tag, an dem gedruckte und elektronische Medien nicht mit neuen Prognosen über den Ausgang der bevorstehenden Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt auf sich aufmerksam machen. Mit welchen Methoden gearbeitet wird und wie aussagekräftig die Umfragen sind, ist indes nicht immer klar. Schon der statistische Fehlerbereich von bis zu drei Prozentpunkten, der etwa bei den einschlägigen Grafiken des INSA-Instituts in der „Bild“-Zeitung am vergangenen Montag nicht ausgewiesen wurde, sollte davor zurückschrecken lassen, in einen „Meinungstrend“ mehr hineinzulesen als das, was er ist.

          Daniel Deckers
          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          So decken etwa die sechs Prozent, die den Grünen in Sachsen-Anhalt zugeschrieben werden, eine Spanne von acht bis gerade einmal vier Prozent ab. Wie im Fall der fünf Prozent für die FDP in Rheinland-Pfalz, die in einem Zeitraum von acht bis zwölf Tagen vor der Wahl erhoben wurden, lautet das Signal: Noch ist nichts verloren.

          Nicht nur wegen des Abschneidens der „kleinen“ Parteien ist die Spannung vor diesem „Super-Sonntag“ groß wie selten. Auch die Aussicht auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen von Grünen und CDU in Baden-Württemberg und von SPD und CDU in Rheinland-Pfalz lässt den politischen Puls schneller schlagen. Ob sich die Spannung auch in einer höheren Wahlbeteiligung niederschlägt, sollte jedoch nicht als ausgemacht gelten. In Thüringen etwa machten im September 2014 trotz der Aussicht auf einen „historischen“ Machtwechsel zu Rot-Rot-Grün und des erstmaligen Antretens der Alternative für Deutschland (AfD) weniger Bürger von ihrem Wahlrecht Gebrauch als bei der vergleichsweise spannungsarmen Wahl fünf Jahre zuvor.

          Was macht eine gute Umfrage aus?

          Auf lange Sicht geradestehen für die Ergebnisse wie auch die möglichen Folgen ihrer „Meinungsforschung“ müssen indes nur zwei Institute: die Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen sowie das in Berlin ansässige Unternehmen infratest-dimap. Beide veröffentlichen nämlich nicht nur Meinungstrends. Am Wahltag selbst liefern sie ihren Auftraggebern ARD (infratest) und ZDF (Forschungsgruppe) die Daten für die Prognose des Wahlausgangs, die nach der Schließung der Wahllokale um 18 Uhr ausgestrahlt wird.

          Die Daten und die aus ihnen abgeleitete Prognose dienen noch am Abend selbst als Maßstab für die Qualität der demoskopischen Arbeit: Je geringer die kumulierte Abweichung der Prognose von dem vorläufigen amtlichen Endergebnis, desto besser die Stichprobe der Wahlbezirke und desto präziser die Interpretation der Daten. Dieser Qualitätsmaßstab gilt nicht nur intern. Er ist auch ein Element des Wettbewerbs um Reputation und Ressourcen.

          Überdies beschränken sich infratest-dimap und die Forschungsgruppe am Wahltag nicht auf Prognose, Hochrechnungen und Sitzverteilung. Die Befragung von oft mehreren zehntausend Bürgern nach der Stimmabgabe dient auch dazu, das tatsächliche Wahlverhalten zu analysieren, und das weit gründlicher, als es den staatlichen Statistikern mit ihrer „repräsentativen Wahlstatistik“ möglich wäre. Für die repräsentative Wahlstatistik werden Stimmzettel nach Maßgabe strenger gesetzlicher Regelungen zum Schutz des Wahlgeheimnisses markiert, um das Wahlverhalten nach Geschlecht und Altersgruppen zu rekonstruieren. Die Nachwahlbefragungen hingegen lassen schon am Wahltag selbst erkennen, welche Faktoren den Wahlausgang wie beeinflusst haben, etwa die Sympathiewerte der Spitzenkandidaten oder die Kompetenzen, die den Parteien zugeschrieben wurden. In den Wochen nach der Wahl werden die Daten aufbereitet und in schriftlichen Wahlanalysen interpretiert.

          AfD gelingt Mobilisierung der Wählermassen

          Kernstück dieser Analysen sind die Kapitel unter Überschriften wie „Wer wählte wen warum“. Korreliert werden dazu neben Alter und Geschlecht auch sozialstrukturelle Merkmale wie die Zugehörigkeit zu Berufsgruppen und der Erwerbsstatus, aber auch Bildungsabschluss und Konfessionszugehörigkeit. So lieferten etwa die Analysen nach den drei Landtagswahlen des Jahres 2014 in Sachsen, Brandenburg und Thüringen interessante Einblicke in die Wählerschaft der sich damals noch als eurokritisch gebärdenden AfD.

          Bei der Bundestagswahl 2013 war die Partei an der Fünfprozenthürde gescheitert, weil es über alle Altersgruppen hinweg einen erheblichen „Gender Gap“ gab. Hätten Frauen ebenso oft die AfD gewählt, wäre die Partei vor drei Jahren in den Deutschen Bundestag eingezogen. Im Jahr darauf zog die AfD auf Anhieb in gleich drei Landtage ein. Das Gender Gap hatte sich nicht geschlossen, aber der Mobilisierungseffekt war so stark, dass es in Brandenburg und Thüringen auf ein zweistelliges Wahlergebnis hinauslief. In der ersten Jahreshälfte 2015 reichte es in Bremen wie in Hamburg nur knapp für den Einzug in die jeweilige Bürgerschaft. Wäre es nach den Frauen gegangen, hätte die AfD in den beiden Stadtparlamenten nichts zu melden.

          Als deutlich verschieden nach Ost und West erwies sich der Aufbau der Wählerschaft der AfD. Im Osten war die AfD umso erfolgreicher, je jünger die Wähler waren, bis dahin, dass die AfD und Sonstige zusammengenommen in Brandenburg und Sachsen bei den 18 bis 29 Jahre alten Wählern fast oder gleich stark wurden wie die jeweils stärkste „Volkspartei“. In Sachsen war die AfD für junge Männer ebenso attraktiv wie die Linkspartei. In den Stadtstaaten Bremen und Hamburg hingegen konnte die AfD in allen Altersgruppen gleichmäßig reüssieren, auch bei den Rentnern, die im Osten von dem Werben der AfD weitgehend unbeeindruckt geblieben waren.

          Angestellte und Beamte halten sich von Protestpartei fern

          In Ost wie West weitgehend identisch war die Zusammensetzung der AfD-Wählerschaft hinsichtlich der Erwerbstätigkeit und der formalen Bildung. Besser als im Durchschnitt schnitt die AfD überall bei Arbeitern und Arbeitslosen, aber auch bei Selbständigen ab. Angestellte und Beamte hielten sich von der neuen Partei eher fern. Zu diesem Befund passt, dass die AfD am ehesten von Bürgern mit mittlerem oder niedrigem Bildungsabschluss gewählt wurde – und das, ehe die Migrationskrise die Bundesrepublik in der zweiten Jahreshälfte mit voller Wucht erfasste. Die Angst vor einem Verlust sozialer Sicherheiten und die Konkurrenz um knappe Güter wie Wohnraum dürfte das Wählerpotential der AfD mittlerweile erheblich vergrößert haben.

          Der eher niedrige Bildungsgrad zusammen mit der Verortung in einfachen beziehungsweise (bei vielen Selbständigen) eher prekären Erwerbsverhältnissen erklärt auch die Anziehungskraft der AfD auf Bürger, die zuvor andere Parteien gewählt haben. Wie infratest-dimap bei der Berechnung der sogenannten Wählerwanderungen ermittelt hat (die Forschungsgruppe Wahlen stellt diese Berechnungen nicht an), hat die AfD stets nur wenige Stimmen ehemaliger oder potentieller Grün-Wähler erhalten. Als fast gleich stark verwundbar erwiesen sich im Osten wie im Westen CDU und SPD. Im Osten trugen auch vormalige Wähler der Linkspartei erheblich zu dem Erstarken der AfD bei. Hinzu kamen überall in großer Zahl vormalige Nichtwähler, was die AfD als Sammelbecken von Protestwählern und Wutbürgern jeder Couleur erscheinen ließ.

          Weitere Themen

          AfD nominiert CDU-Mitglied Otte als Kandidaten Video-Seite öffnen

          Wahl zum Bundespräsidenten : AfD nominiert CDU-Mitglied Otte als Kandidaten

          Die AfD hat am Dienstag in Berlin das CDU-Mitglied Max Otte als ihren Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten vorgestellt. Otte ist zugleich Vorsitzender der konservativen Gruppierung Werteunion. Er ist seit mehr als 30 Jahren Mitglied der CDU.

          Biden droht Putin mit direkten Sanktionen

          Ukraine-Konflikt : Biden droht Putin mit direkten Sanktionen

          Die Liste der Sanktionen, die Washington im Falle einer russischen Invasion der Ukraine verhängen will, wird länger. Der US-Präsident hält nun auch direkt gegen Russlands Präsidenten Putin gerichtete Sanktionen für möglich.

          Topmeldungen

          Der amerikanische Präsident Joe Biden am 24. Januar im Weißen Haus

          Ukraine-Konflikt : Biden droht Putin mit direkten Sanktionen

          Die Liste der Sanktionen, die Washington im Falle einer russischen Invasion der Ukraine verhängen will, wird länger. Der US-Präsident hält nun auch direkt gegen Russlands Präsidenten Putin gerichtete Sanktionen für möglich.