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Antisemitismus in den 1920ern : Badespaß für Nazis

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Sommerferien auf der Nordseeinsel Juist, Deutsches Reich 1930er Jahre. Bild: ddp Images

An Nord- und Ostsee wurden jüdische Gäste schon in den 1920er Jahren zu Bürgern zweiter Klasse gemacht. Die Mittelschicht lebte ihren Neid aus. Historiker untersuchen, wer den Hass in die Urlaubsorte brachte.

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          „Deutschland soll werden, wie es einst war / Und wie es von jeher gewesen!“, heißt es im Lied „In Zinnowitz, am Ostseestrand“ aus dem Jahr 1925. Vor allem judenfrei sollte Deutschland werden. Das war die wichtigste Botschaft dieses Liedes: „Kein Jude darf den Ort entweih’n“. Es endet mit der Verheißung: „Und bist du dereinst mal ein altes Haus – / Erfüllt ist dein Hoffen und Sehnen“. Für Deutschland sein hieß in dieser Logik, Juden zu hassen. Die Verheißung erfüllte sich ein paar Jahre später.

          In Bädern an Nord- und Ostsee wurden solche Lieder seit der Kaiserzeit alljährlich gesungen oder gebrüllt. Zum Badespaß kam das gesellschaftliche Vergnügen, alles, was jüdisch anmutete, zu beschimpfen, zu bedrohen, zu verjagen und schließlich noch auf übelsten Postkarten an die liebe Verwandtschaft daheim zu verspotten. „Judenulk“ nannten das die Täter. Wer sich darüber beschwerte, wurde auf der Insel Borkum verprügelt – unter anderem von den Damen, die mit ihren Strandschirmen auf einen nichtjüdischen Baurat einschlugen, der um 1900 ein Spottlied auf die Antisemiten gedichtet hatte. Doch immer mehr von ihnen kamen in die Bäder. Immer krasser wurden die Lieder.

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