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Im Ausland lebende Amerikaner : Zurück in die Fremde

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„Das habe ich während dieses Wahlkampfes zum ersten Mal in meiner eigenen Familie erlebt“, sagt Lorelei French. Sie stammt aus einem Vorort von New York. Dort wählen viele Bürger die Demokraten. Heute wohnt French in Den Haag. Sie arbeitet für eine Nichtregierungsorganisation. Sie wohnt in einem gepflegten Apartment. Hohe Decken, tiefe Fenster. Ihre Familie ist in Amerika. Seit sich einige Verwandte zu Trump bekannten, ist die Stimmung angespannt. Manche Familientreffen mussten sogar abgebrochen werden. Es sei einfach zu hoch hergegangen.

„Vor Thanksgiving gab es dann per E-Mail eine Absprache: keine Politik zu Tisch“, sagt French. Für sich selbst zieht sie daraus einen klaren Auftrag: „Ich möchte lernen, mit Leuten sprechen zu können, die Trump gewählt haben - es trainieren, sozusagen“. Am besten zu Hause. Ihr Gefühl, Amerika sei bedroht, hat sie in den vergangenen Wochen nicht verlassen. Das sei zwar schlimm, stimme sie aber auch irgendwie hoffnungsfroh. „Die anderen haben sich schon vorher bedroht gefühlt. Jetzt wissen wir, wie sich das anfühlt. Offensichtlich liegt uns allen das Land am Herzen - das muss doch der Silberstreif am Horizont sein.“ So zieht es auch French in die Heimat zurück.

„Wir sind am Tiefpunkt. Schlimmer wird es nicht. Die Wahl hat die Leute aufgeschreckt und politisiert.“

Nach der Wahlnacht begannen sehr emotionale Tage für sie: "Kollegen kamen in mein Büro, um mir ihr Beileid auszusprechen. Es war wie ein Schlag in die Magengrube, so ein Gefühl wie nach einem Terroranschlag." Vor der Wahl konnte sie sich eine Rückkehr in die Heimat nicht vorstellen; nach der Wahl gewöhnt sie sich an den Gedanken. Nun lebt sie wie auf gepackten Koffern. "Ich habe mich nie amerikanischer gefühlt als heute. Was gerade vor sich geht, ist nämlich nicht mein Land. Es klingt wie ein Klischee, aber ich muss für das einstehen, woran ich glaube. Für amerikanische Werte." French sagt: "Hätte mir noch vor ein paar Monaten jemand gesagt, ich würde irgendwann einmal über amerikanische Werte daherreden, ich hätte ihn ausgelacht!" Nun lacht sie nicht mehr.

Es müssen nicht immer Angst und Bestürzung sein, die Auslandsamerikaner wieder in die Heimat gehen lassen. Im Gegenteil: "Schon kurz nach der Wahl empfand ich ein bizarres Gefühl von Hoffnung und Optimismus", sagt Elyssa Shea. Obwohl ihre Familie Clinton unterstützt hatte, könne man fast schon froh sein, dass Hillary die Wahl verloren habe, dass es anders gekommen sei als erwartet. "Hätte sie gewonnen, wäre diese Wut ja nicht weg gewesen. Nun sind wir wenigstens gezwungen, mit dieser Wut auch umzugehen." Das könnte ja auch ganz heilsam sein - für alle.

Shea lebt heute in Berlin. Eine WG mit Discokugel über dem Fernseher und Rennrädern auf dem Flur. Über Amerika sagt sie: "Wir sind am Tiefpunkt. Schlimmer wird es nicht. Die Wahl hat die Leute aufgeschreckt und politisiert - ich glaube, sie kann zum Katalysator für einen echten Wandel werden." Nach einem Auslandssemester in Deutschland wollte Shea eigentlich nicht mehr in Amerika leben. "Die Erfahrung hat mich in Bezug auf meine Heimat ernüchtert. So vieles wird anderswo einfach viel besser gehandhabt als bei uns."

Nach einigen Jahren in Europa hatte sie ihre Zukunft eigentlich in Berlin oder in Brüssel gesehen. Seit der Wahl im November jedoch sei das anders geworden. Vor der Wahl seien viele ihrer Freunde nicht sehr an Politik interessiert gewesen; nun sind sie es. Sie engagieren sich, sie mischen sich ein, sie schreiben leidenschaftliche politische Posts auf Facebook und auf Twitter. Das habe Shea emotional enger an ihre Heimat rücken lassen. "Zum ersten Mal seit langer Zeit sehe ich wieder Raum für eine politische Debatte, die Chance einer Bewegung für tiefgreifende Veränderungen - da möchte ich dabei sein."

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