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Siegesrede in Wilmington : Biden streckt politischen Gegnern die Hand entgegen

  • Aktualisiert am

Joe Biden hält seine Siegesrede in Wilmington vor jubelnden Anhängern. Bild: Jim Lo Scalzo/EPA

Joe Biden nennt als Ziel, Amerika solle in der Welt wieder respektiert werden. An Trumps Anhänger gerichtet sagt er, er verstehe ihre Enttäuschung. Er habe selbst manche Niederlagen einstecken müssen.

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          Wahlsieger Joe Biden hat versprochen, Präsident aller Menschen in den Vereinigten Staaten zu sein. „Ich verspreche, ein Amerikaner zu sein, der nicht danach strebt zu spalten, sondern zu einen“, sagte der Demokrat bei seiner ersten Rede nach Bekanntgabe seines Sieges in seiner Heimatstadt Wilmington (Delaware) in der Nacht zum Sonntag. Die Menschen im Land hätten gesprochen, 74 Millionen hätten ihn gewählt. Er sehe einen klaren und überzeugenden Wahlsieg. „Ich verspreche, ein Präsident zu sein, der nicht rote oder blaue Staaten sieht, sondern die Vereinigten Staaten.“

          Biden sagte, die Amerikaner hätten ihm mit ihrem Votum „einen großen Sieg“ beschert. Das sei die Ehre seines Lebens. Seine Regierung werde die „Seele Amerikas“ und den Respekt für die Vereinigten Staaten in der Welt wieder herstellen. Mit Kamala Harris werde erstmals eine Tochter von Migranten Vizepräsidentin. Niemand solle ihm jetzt noch sagen, das sei nicht möglich, sagte Biden. Er wendete sich an die Minderheiten im Land und versprach ihnen, für sie einzustehen. Er erwähnte unter anderem die Afroamerikaner, aber auch LGBT-Personen.

          Alles habe seine Zeit, zitierte Biden das biblische Buch Kohelet. Jetzt sei die Zeit zu heilen. Das bezog er auf die gespaltene Nation, aber auch auf den Kampf gegen das Coronavirus. Vom Tag seiner Amtseinführung an werde ein von ihm einberufenes Expertengremium gegen die Corona-Pandemie vorgehen. Diese Gruppe werde er schon kommenden Montag vorstellen. Er werde keine Mühen scheuen, die Pandemie zu  bekämpfen.

          Gegen weitere Spaltung

          Und wieder nahm er das Motiv der Einheit auf: Hier und jetzt solle die Dämonisierung der Gegenseite enden. Das ließ sich auch als deutliche Kritik am aggressivem Stil von Amtsinhaber Donald Trump verstehen – obwohl Biden sich nicht direkt zu dem Republikaner
          äußerte.

          Joe Biden betritt die Bühne in Wilmington, Delaware für seine Siegesrede.
          Joe Biden betritt die Bühne in Wilmington, Delaware für seine Siegesrede. : Bild: Roberto Schmidt/AFP

          Amerika sei auch früher schon durch schwere Momente gegangen, die es geformt hätten. Nun stehe es wieder an einem Wendepunkt. „Lasst uns uns gegenseitig eine Chance geben“, sagte er mit Blick auf Trumps Wähler. Er könne ihre Enttäuschung nachvollziehen, sagte Biden, auch er habe einige Male verloren. Doch seien Anhänger der jeweils anderen Partei keine Gegner, sondern ebenfalls Amerikaner.

          Biden erinnerte an die Worte des früheren Präsidenten Barack Obama, unter dem er von 2009 bis 2017 als Vizepräsident gedient hatte. „Yes, we can!“, rief Biden den Menschen zu. Amerika lasse sich in einem Wort  zusammenfassen: Möglichkeiten. „Wir sind gute Leute“, sagte Biden. Auch an diesem Abend erwähnte er seinen verstorbenen Sohn Beau. Allen, die in der Pandemie Menschen verloren haben, sprach er Mut zu.

          Sein Großvater habe immer gesagt: „Joey, behalte den Glauben“. Doch seine Großmutter habe gesagt: „Nein Joey, gib ihn weiter.“ Mit diesen Worten beschloss er seine Rede, die Musik setzte ein, Feuerwerk erleuchtete die Nacht.

          Kamala Harris und Joe Biden stehen gemeinsam auf der Bühne in Wilmington im Bundesstaat Delaware.
          Kamala Harris und Joe Biden stehen gemeinsam auf der Bühne in Wilmington im Bundesstaat Delaware. : Bild: Andrew Harnik/AP

          Kamala Harris: Die Demokratie selbst stand auf dem Wahlzettel

          Unittelbar vor der Rede Bidens hatte die gewählte Vizepräsidentin Harris die Amerikaner aufgerufen, die Demokratie zu schützen. Als sie die Bühne in Wilmington betrat, jubelten die Menschen ihr zu, Autos hupten. Amerikas Demokratie sei nicht garantiert; man müsse für sie kämpfen, sagte sie. „Wir, das Volk, haben die Macht, eine bessere Zukunft zu bauen.“

          Den jubelnden Anhängern der Demokraten rief sie zu: „Als unsere Demokratie selbst auf dem Wahlzettel stand, die Seele Amerikas auf dem Spiel stand und die Welt zuschaute, habt ihr einen neuen Tag für Amerika eingeläutet.“ Es sei in dieser Wahl um die Seele Amerikas gegangen. Sie dankte allen, die ihre Stimme abgegeben haben. „Joe ist ein Heiler“, sagte Harris über den künftigen Präsidenten. Er habe ein großes Herz.

          Harris sprach auch über ihre Mutter, die mit 19 Jahren als Migrantin nach Amerika kam. Sie hätte diesen Moment wohl nicht für möglich gehalten, sagte Harris. Ihre Einwanderungsgeschichte nahm sie zum Anlass, um auf die Situation vieler schwarzer Frauen hinzuweisen. Sie würden oft übersehen und seien das Rückgrat der Gesellschaft. Zudem hob sie die Errungenschaft des Frauenwahlrechts hervor. Schließlich sagte sie: „Ich mag vielleicht die erste Frau in diesem Amt sein, aber ich bin nicht die letzte.“ Die 56 Jahre alte Harris wäre nach ihrer Vereidigung die erste Frau und schwarze Amerikanerin als Vizepräsidentin.

          Sie wolle eine loyale Vizepräsidentin für alle sei, unabhängig davon, von wem sie gewählt worden sei. Es gehe um die Einheit der Nation und darum, die Seele der Nation zu heilen. Das werde nicht leicht. Aber Amerika sei bereit dazu, ebenso wie Joe Biden und sie selbst. Dann gab sie die Bühne frei für den künftigen Präsidenten.

          Der Demokrat Biden war am Samstag von Medien – wie in den Vereinigten Staaten üblich – zum Gewinner im Rennen um das Weiße Haus gegen Amtsinhaber Donald Trump ausgerufen worden. Die Vereidigung ist für den 20. Januar geplant.

          Pennsylvania war der Schlüssel zu Bidens Wahlerfolg. Der Staat mit 12,8 Millionen Einwohnern – etwas weniger als Bayern – stellt in
          dem Wahlkollegium 20 Wahlleute. Biden kommt mit diesen aktuell auf 279 Stimmen, Trump auf 214. Nötig, um zum Präsident gewählt zu werden, sind 270 Stimmen. Aus einigen Bundesstaaten liegen noch keine endgültigen Ergebnisse vor.

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