https://www.faz.net/-gpf-87bgj

Amerikanischer Wahlkampf : Der Feind meiner Feinde ist mein Trump

  • -Aktualisiert am

Trumpomania in Alabama: Der volksnahe Kandidat beim Bad in der Menge Bild: AFP

Seine Zustimmungswerte lassen sich gut lesen. Viele Amerikaner sehen in dem New Yorker Aufschneider und Milliardär Donald Trump sogar einen Mann des Volkes. Was macht ihn so beliebt?

          4 Min.

          Auf dem Internetportal Reddit hat ein Nutzer kürzlich den Unterstützern Donald Trumps eine Frage gestellt: Warum wollen Sie den Immobilienunternehmer zum Präsidenten wählen? Er bekam binnen weniger Stunden fast 8000 Antworten, die wiederum von Tausenden Nutzern bewertet wurden. Am meisten Zustimmung erhielt dieser Kommentar: „Ich mag Trump, weil er bloßlegt, was für ein großer, beschissener Witz die ganze Politik ist, und weil ihn alle dafür hassen.“

          Andreas Ross
          Verantwortlicher Redakteur für Nachrichten und Politik Online.

          Mit Zustimmungswerten von 17 bis 28 Prozent steht Trump in den Umfragen doppelt bis dreimal so gut da wie Jeb Bush, der zweitplazierte der 17 republikanischen Kandidaten. Eine wissenschaftliche Erklärung dafür liefert das Internetportal Reddit natürlich nicht. Doch auch Befragungen von Trump-Anhängern in Fokusgruppen weisen in dieselbe Richtung: Viel mehr noch als mit seinem Plan, die Vereinigten Staaten durch eine Mauer von Lateinamerika abzuschotten, zieht Trump die Amerikaner mit seiner scheinbar grenzenlosen Streitlust in ihren Bann.

          Beinahe unisono bezeichnen seine Anhänger Trump als „einen von uns“. Dabei haben diese Leute in aller Regel weder eine Boeing 757 als Privatjet in der Garage, noch liefern sie sich auf Twitter Fehden mit anderen Fernsehstars. Auch dürften die wenigsten von Trumps Fans einen ähnlich hohen Frauenverschleiß wie der zum dritten Mal verheiratete New Yorker aufweisen. Nach hundert Minuten Diskussion mit zwölf repräsentativ ausgesuchten Anhängern und Anhängerinnen Trumps glaubt der Journalist John Heilemann begriffen zu haben, wie dem Milliardär diese Verbrüderung mit dem Volk gelingt: „Trump mag Milliardär sein“, schrieb Heilemann bei Bloomberg.com, „aber er ist ‚einer von uns‘, weil er nicht ,einer von denen‘ ist“ – also nicht zur politischen Klasse gehört, die nach den Worten eines Trump-Anhängers in der Fokusgruppe kollektiv an „Washingtonitis“ leide.

          Deshalb lagen alle Beobachter falsch, die Trump vor sechs Wochen einen raschen Absturz vorhersagten, kaum dass er begonnen hatte, Größen der Republikanischen Partei mit Schmutz zu bewerfen. John McCain? Ist für Trump kein Kriegsheld, Vietnam hin, Folter her. Lindsey Graham? Ist ein armseliger Bettler und totales Leichtgewicht. Rick Perry? Hat sich eine dickrandige Brille gekauft, um Klugheit vorzutäuschen. George W. Bush? Hatte nicht den IQ, den man als Präsident braucht. Die Republikaner-Parteiführung? Dümmlich. Jeb Bush? Hat so wenig Energie, dass man einschläft, wenn er spricht. Fox-News-Moderatorin Megyn Kelly? Eine Tussi, der das Blut „sonst woher“ trieft. Täglich wird die Liste der Trump-Zoten länger. Jede Beleidigung scheint seine Anhänger in ihrer Verehrung zu bestärken: Einer, der mit solchen Sätzen das ganze „Establishment“ gegen sich aufbringe, so die Lesart, der tue das nur der Wahrheit zuliebe.

          Thema Einwanderung unter Anhängern überdurchschnittlich wichtig

          Es ist gut möglich, dass Trump sein Potential ausgeschöpft hat. Im Feld der 17 republikanischen Kandidaten mögen rund zwanzig Prozent Zustimmung derzeit zwar für eine klare Spitzenposition genügen. Trump führt in einigen Umfragen aber zugleich die Liste der Kandidaten an, die für völlig ungeeignet gehalten werden, das Land zu führen. Mit seiner Extremposition im Einwanderungsstreit mag sich Trump am rechten Rand des Spektrums positioniert haben; das Thema ist seinen Anhängern überdurchschnittlich wichtig. Die Abtreibungsfrage dagegen, Amerikas Lackmustest für Konservatismus, liegt Trumps Bewunderern weniger am Herzen als dem Republikaner-Durchschnitt. Es sind nach ersten Untersuchungen offenbar weniger regelmäßige Kirchgänger unter Trumps Anhängern.

          Weitere Themen

          Wie Trump – aber nicht Trump

          Ron DeSantis : Wie Trump – aber nicht Trump

          Ron DeSantis weigert sich, eine Präsidentschaftskandidatur 2024 auszuschließen. Dafür müsste er aber wohl erst an Donald Trump vorbei. Der fühlt sich von Floridas republikanischem Gouverneur verraten.

          Lauterbach will über Öffnungsperspektiven reden Video-Seite öffnen

          Bund-Länder-Konferenz : Lauterbach will über Öffnungsperspektiven reden

          Die Beratungen haben am Montag begonnen. Mit großen Veränderungen im Vergleich zu den bereits bestehenden Corona-Regeln wird nicht gerechnet. Bundeskanzler Olaf Scholz ist trotz der steigenden Infektionszahlen mit den bestehenden Regelungen zufrieden.

          Topmeldungen

          NATO-Kriegsschiffe fahren in Gefechtsformation im Rahmen der Militärübung „Sea Breeze 2021“

          Reaktion auf Russland : NATO verlegt mehr Militär nach Osteuropa

          Die Allianz schickt Kriegsschiffe und Kampfflugzeuge an die Ostflanke. Auch die Bundeswehr beteiligt sich. Amerikas Präsident erwägt, bis zu 50.000 Soldaten nach Europa zu verlegen, falls sich die Sicherheitslage weiter verschlechtert.
          Montage im VW-Stammwerk: Ein Wegfall von Nachtschichten und andere Eingriffe werden heiß diskutiert.

          Zukunft der Autoindustrie : In Wolfsburg wird es ernst für Volkswagen

          Im Stammwerk von Volkswagen sorgt der Chipmangel weiter für Kopfzerbrechen. Management und Betriebsrat ringen um eine grundlegende Neuordnung der Arbeitsweise. Fallen bald die Nachtschichten mit ihren gut dotierten Zuschlägen weg?