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Wahl in Amerika : Vom Winde verweht

  • -Aktualisiert am

Tröster Obama: Die Katastrophe an der Ostküste beflügelte beiläufig den Wahlkampf des Präsidenten. Bild: REUTERS

Auf der Schlussgeraden des Wahlkampfs bekommt Amtsinhaber Obama durch sein beherztes Krisenmanagement nach dem Wirbelsturm „Sandy“ nochmal Rückenwind. Bis dahin prägten politische Details statt der üblichen Oberflächlichkeiten den Wahlkampf. Ein Gastbeitrag.

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          Für Obamas Lager sollte es ein Wahlkampf werden, der den amerikanischen Bürgern die Wahrheit mundgerecht und einfach präsentiert. So hatte Vize-Präsident Biden schon vor Monaten die simple Kernbotschaft des Obama-Lagers platziert. In Zeiten der desaströsen Entwicklung der amerikanischen Wirtschaft und hohen Arbeitslosenzahlen blieb nichts anderes übrig, als die wenigen großen Errungenschaften der Amtszeit Obamas in Erinnerung zu rufen.

          “General Motors is alive – Osama bin Laden is dead“ – damit war für jeden Amerikaner klar, wer wirtschaftliche und außenpolitische Kompetenz beanspruchen durfte. Das erfolgreiche „bailout“ von General Motors durch die Obama-Regierung im Jahre 2009 erweist sich heute zudem in doppelter Hinsicht als Speerspitze für Obama. Es sollte nicht nur das interventionsfeindliche und liberale Wirtschaftsdenken von Romney widerlegen und zeigen, dass der Staat doch nicht überflüssig ist. Zudem liegt die Autostadt Detroit, in der General Motors seinen Hauptsitz hat, nur rund 50 Meilen nördlich vom  „Swing State“ Ohio. Hier ist der Wahlausgang zwischen Republikanern und Demokraten ungewiss.

          Seit Wochen fokussieren die Kandidaten alle ihre Wahlkampfauftritte nur noch auf eine Handvoll Bundesstaaten – eine Eigenart des amerikanischen Mehrheitswahlrechts. Hierzulande wäre das undenkbar: Man stelle sich vor, dass Angela Merkel und Peer Steinbrück nur noch Wahlkampfauftritte in Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern haben würden, wenn SPD und CDU hier kurz vor der Wahl Kopf an Kopf liegen würden.

          In ein Fettnäpfchen trat Romney zuletzt, als er behauptete, dass die Automarke Jeep – ein Tochterunternehmen von General Motors – die Produktion nach China verlagern würde. Das sei eine Lüge, stellt der Konzern umgehend fest. Die Produktion werde nicht verlagert, sondern der steigenden Nachfrage wegen auf China ausgeweitet, wodurch im Stammwerk in Ohio über 1000 neue Arbeitsplätze entstünden. Romney war blamiert.

          Kein Wort zur Euro-Krise

          Die Beseitigung von Osama bin Laden ist das außenpolitische Aushängeschild der Obama-Regierung. In den Fernsehduellen zwischen den Kandidaten gab sich Obama deshalb selbstsicher und überheblich: Er hielt Romney dessen fehlende außenpolitische Erfahrung vor und mokierte sich über ihn, als Romney eine Verstärkung der Marine forderte – man könne, so Obama, in der heutigen Zeit mit Baretten und Pferden keine Außenpolitik betreiben. So spielt man den Amtsinhaber-Bonus aus.

          Dabei ist die Außenpolitik kein Feld, in dem große Unterschiede zwischen Romney und Obama erkennbar sind. Beide stehen uneingeschränkt zu Israel, beide wollen 2014 aus Afghanistan abziehen, beide wollen Handel mit China zu fairen Bedingungen. Und für beide spielt Europa kaum eine Rolle – obwohl die EU noch immer der größte Exportmarkt für amerikanische Produkte ist. Kein Wort zur Euro-Krise und wenn, dann nur als Negativbeispiel. Man wolle nicht enden wie Spanien oder Griechenland, so Romney während der Fernsehdebatten.

          Manchmal konnte man den Details kaum noch folgen

          Trotzdem nimmt der Wahlkampfbeobachter eine Überraschung mit aus dem aktuellen Wahlkampf. Die Klischees hierzulande über den Stil des amerikanischen Wahlkampfs wurden teilweise widerlegt. Waren doch alle davon ausgegangen, dass es in der Wählergunst um die üblichen Oberflächlichkeiten gehen würde: Wie würde die Krawatte zum Anzug passen? Wer würde Sieger der Körpersprache? Und würde sich einer der beiden einen Fauxpas leisten, wie einst George Bush Senior, der während einer Wahlkampfdebatte auf die Uhr geschaut hatte, was ihn gleich neun Prozent der Wählerstimmen gekostet hat?

          Stattdessen stand die inhaltliche Auseinandersetzung im Mittelpunkt der Aufeinandertreffen. Die Inhalte ihrer Programme konnten die Kandidaten rauf und runter deklinieren. Manchmal konnte man den Details kaum noch folgen: Die Details zu den Unterschieden in der Gesundheitsversicherung hätten selbst den prüden deutschen Wahlkampf als oberflächlich und inhaltsleer erscheinen lassen. Und auch die Kommentare der „Spin-Doktoren“, also jenen Figuren, die den Äußerungen der Kandidaten in der Öffentlichkeit den richtigen Zungenschlag geben sollen, konnten die öffentliche Wahrnehmung in diesem Wahlkampf kaum in die eine oder andere Richtung bewegen.

          So bleibt es am Ende möglicherweise doch einem unbeeinflussbaren Ereignis der Natur überlassen, die teuersten amerikanischen Wahlen aller Zeiten zu entscheiden. 1,2 Milliarden Dollar für den Wahlkampf - das entspricht ungefähr den Kosten, die seinerzeit Hurrikan «Katrina» dem Rückversicherer Swiss Re beschert hat.

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