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F.A.Z.-Newsletter Amerika wählt : Bidens Angst vor Trumps Angstmacherei

Im Großraum Portland: Unterstützer der Polizei und des Präsidenten Bild: Reuters

Unter Demokraten ist die Furcht mit Händen zu greifen: Schafft es Donald Trump mit seinen düsteren Warnungen vor Antifa und Anarchie, das Blatt zu wenden? Oder geht Joe Bidens Taktik auf, fast nur über Corona zu reden?

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          Es kommt nicht alle Tage vor, dass der Sprecher des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Joe Biden eine Botschaft an alle „Bettnässer“ adressiert. TJ Ducklo zitierte in seinem Tweet am Dienstag eine Umfrage, wonach sich die Hälfte aller wahrscheinlichen Wähler weniger sicher fühlen würden, wenn Trump Präsident bleibt; nur 35 Prozent würden sich sicherer fühlen. Umgekehrt gefragt, sieht es für Biden zwar nicht so toll aus: 42 Prozent würden sich mit Biden sicherer fühlen, 40 Prozent weniger sicher. Dennoch war Ducklos Ermahnung, man solle sich jetzt mal nicht einnässen, an die vielen Leute im eigenen Lager gerichtet, die in den vergangenen Tagen erkennbar Angst bekommen haben: Angst vor der Angst, die Donald Trump in der amerikanischen Gesellschaft schürt.

          Denn der Präsident sucht sein Heil darin, Ausschreitungen und Gewaltexzesse an einzelnen Orten wie Kenosha oder Portland als Vorboten einer Welle der Anarchie darzustellen. Die würde nach Trumps Schilderungen ganz Amerika überrollen, wenn sein Gegner gewinnen sollte. Denn Biden sei bloß eine Marionette obskurer Mächte aus den „dunklen Schatten“.

          Vernünftigen Beobachtern fällt es leicht, Trumps verschwörungstheoretisch aufgeladene Warnungen als großes Corona-Ablenkungsmanöver zu erkennen. Schließlich ist Trump (und nicht Biden) der Präsident, in dessen Amtszeit Proteste gegen Rassismus schlimmer eskalieren als zuvor. Schließlich ist Trump derjenige, der lieber Öl ins Feuer gießt als Versöhnliches zu sagen. Schließlich hat Trump die Schüsse aus einem Sturmgewehr, mit denen ein weißer, 17 Jahre alter Möchtegern-Milizionär in Kenosha zwei Black-Lives-Matter-Sympathisanten tötete, ohne Umstände als Akt der Notwehr verharmlost – und die fatale Entscheidung des weißen Polizisten, der dem Afroamerikaner Jacob Blake siebenmal in den Rücken schoss, mit dem Patzer eines Golfspielers beim Putten verglichen. Auch wenn in Portland an der Westküste offenbar ein Sympathisant von „Black Lives Matter“ einen rechtsradikalen Trump-Anhänger erschossen hat: Die nach Schilderung des Präsidenten schier übermächtige „Terrorgruppe“ namens Antifa, die gibt es so nicht.

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          Ist Angst stärker als Vernunft? Die meisten Wahlkampfmanager werden sagen: Allerdings! Bloß bringt es wenig, die Antwort darauf in Portland oder in Kenosha zu suchen, wo die Stimmung seit Tagen oder Wochen aufgeheizt ist. Die vermutlich wahlentscheidende Antwort geben die Bewohner und vor allem Bewohnerinnen der „Suburbs“, zum Beispiel die sprichwörtlichen „Soccer Moms“. Denn da, wo Familien ohne allzu große Geldsorgen in adretten Häusern zwischen Doppelgaragen wohnen, verorten Demoskopen das größte Potential für Biden.

          Insbesondere Wählerinnen, die 2016 aus Abneigung gegen beide Kandidaten zu Hause blieben oder als moderate Republikaner „mit zugehaltener Nase“ ihr Kreuz bei Trump setzten, wollen demnach eine zweite Amtszeit des ungehobelten Präsidenten verhindern. Trumps Spiel mit der Angst geht deshalb nur auf, wenn sie in den Vororten verfängt; wenn Mütter glauben, „der Mob“ könnte ihnen bald auch in ihrer Straße auflauern. Ausdrücklich wendet sich der Präsident mit seinen Untergangsszenarien deshalb immer wieder an die „suburban housewives“. Trumps Problem aber ist, dass viele aus dieser Wählergruppe jetzt wieder viel konkretere Sorgen haben: Nach dem Ende der Sommerferien beginnt nächste Woche vielerorts wieder das Homeschooling, weil Schulen pandemiebedingt geschlossen bleiben. Anderswo sind die Schulen offen, aber gerade die „Helikoptereltern“, von denen es in Amerika sehr viele gibt, zweifeln an den Hygienekonzepten.

          So steht den Familien diese Woche wieder deutlich vor Augen, wie gefährlich die Pandemie nach wie vor ist. Genau das ist die Angst, die Biden und die Demokraten schüren: dass Trump mit erratischem Krisenmanagement fortfahren könnte, die Corona-Krise anzufachen, anstatt sie zu entschärfen. Ganz darauf verlassen will sich Biden aber nicht mehr. Erstmals zeigt seine Kampagne diese Woche Werbespots, in denen der frühere Vizepräsident fordert, Randalierer und Plünderer strafrechtlich zu verfolgen. Die dazu passenden Bilder von brennenden Gebäuden dagegen, die gibt es weiterhin nur in der Trump-Reklame zu sehen.

          Und was sagen die Umfragen? Die nationalen Erhebungen bleiben öde: Biden führt mit einem soliden, aber nicht überwältigenden Vorsprung vor Trump. Noch nicht einmal die beiden Nominierungsparteitage, immerhin viertägige Dauerwerbesendungen mit hoher Einschaltquote, haben zu nennenswerten Ausschlägen der Kurven geführt. Alles deutet darauf hin, dass die Zahl der unentschiedenen Wähler sehr klein ist – ihre Meinung über Trump haben die allermeisten Amerikaner längst gefasst.

          Kein Biden-Anhänger sollte sich allerdings als „Bettnässer“ beschimpfen lassen, wenn er sich Sorgen über eine neue Umfrage aus dem wichtigen Staat Pennsylvania macht, wo Biden vor bald 78 Jahren geboren wurde und Trump 2016 einen entscheidenden Sieg über Hillary Clinton errang. Dort haben die Meinungsforscher der Monmouth University festgestellt, dass ein im Juli gemessener 10-Punkte-Vorsprung Bidens auf weniger als ein Drittel geschrumpft ist. Sie führen das darauf zurück, dass Trumps Angstkampagne funktioniere – gerade auch in „Suburbia“.

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