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Parteitag der Demokraten : Obamas Brandrede

  • -Aktualisiert am

In einem Hotel in Hollywood verfolgen Amerikaner am Mittwoch die Rede von Barack Obama Bild: AFP

Eigentlich sollte es der Abend der Kamala Harris werden. Doch Barack Obama überstrahlt mit seiner Videobotschaft auf dem Parteitag der Demokraten alles – und attackiert Donald Trump offen wie nie zuvor.

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          Barack Obama hat schon einmal so besorgt ausgesehen. Am Tage nach der Wahl Donald Trumps war das, im November 2016. Nach einer kurzen Nacht, in der er dem gewählten Präsidenten telefonisch gratuliert hatte, trat er – gemeinsam mit Vizepräsident Joe Biden – vor die Presse im Rosengarten des Weißen Hauses: Er sprach über die Machtübergabe zwischen beiden Präsidenten, die man nun zu organisieren habe, und darüber, dass er seinem Nachfolger trotz gravierender Differenzen Erfolg wünsche – um des Landes wegen.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Der staatsmännische Auftritt konnte nicht überdecken, dass der scheidende Präsident höchst beunruhigt war. Im ganzen Land kam es zu Großdemonstrationen mit der Botschaft: „Not my President.“ Obama wandte sich direkt an die jungen Leute: „Behaltet euren Mut. Werdet nicht zynisch.“ Trauer über eine verlorene Wahl sei verständlich. Man sei aber nicht in erster Linie Demokrat oder Republikaner, sondern Amerikaner. Alle wollten das Beste für das Land. Das habe er auch den Worten Trumps entnommen. Obamas kurze Ansprache klang bereits wie das Pfeifen im Walde.

          Am Mittwochabend sah Obama wieder sehr besorgt aus. Von Philadelphia aus, wo einst die amerikanische Verfassung verabschiedet worden war, ließ er sich beim virtuellen Parteitag der Demokraten zuschalten. Das hatte seinen Grund. Seit dem Bürgerkrieg hat kein ehemaliger Präsident mehr so über seinen Nachfolger gesprochen. Schon vorher hatte es geheißen, er werde Trump scharf attackieren. Tatsächlich tat Obama mehr als das. Er sagte: Die Demokratie in Amerika stehe auf dem Spiel.

          Fast bricht Obama die Stimme

          Obama rief zunächst zur Wahl seines Freundes Joe Biden auf, weil dieser – genau wie Kamala Harris, die Kandidatin für das Amt des Vizepräsidenten – die Fähigkeit besitze, das Land durch diese düsteren Zeiten zu führen. Über Trump sagte er: Er habe nie erwartet, dass dieser seine Vision für das Land teile oder gar seine Politik fortsetzen werde. Wohl aber habe er gehofft, dass Trump Interesse entwickle, seine Aufgabe ernst zu nehmen, das Gewicht seines Amtes spüre und Ehrfurcht für die Demokratie entdecke, deren Schutz ihm zugewiesen worden sei. „Das hat er aber nicht“,  befand Obama. Vielmehr habe er nur Interesse daran gehabt, seine Kompetenzen zu gebrauchen, um sich und seinen Freunden zu helfen. Er habe das Präsidentenamt für eine Reality-Show benutzt, um die Aufmerksamkeit zu erhalten, nach der er giere. „Donald Trump ist nicht in sein Amt gewachsen, weil er es nicht kann“, sagte der Vorgänger. Die Folgen seien ernst: 170.000 Amerikaner seien gestorben.

          Das war noch nicht alles. Obama, dem an einigen Stellen beinahe die Stimme brach, sagte, mit der Wahl Bidens sei es nicht getan. Kein einzelner Amerikaner könne das Land alleine reparieren. Noch nicht einmal der Präsident. Die Demokratie benötige eine aktive und informierte Bürgerschaft. „Ich appelliere an euch, an eure eigene Fähigkeit zu glauben, eure Verantwortung als Bürger anzunehmen, um sicherzustellen, dass die Grundsätze unserer Demokratie Bestand haben.“

          Und wieder warnte Obama vor Zynismus: Zwar verstehe er, woher die Politikverdrossenheit komme, warum viele Leute sich seinerzeit vergessen fühlten oder sie gegenwärtig der politische Zirkus abstoße. Genau das sei aber der Punkt: Trump zähle auf den Zynismus. Er wisse, dass er mit seinen politischen Ergebnissen nicht überzeugen könne. Deshalb wolle er das Wählen so schwer wie möglich machen und die Leute überzeugen, dass es auf sie nicht ankomme. „Das dürfen wir nicht zulassen: Lasst sie euch nicht eure Demokratie nehmen“, mahnte er. Und: „Engagiert euch und geht wählen.“ Schließlich: „Diese Regierung hat gezeigt: Sie wird unsere Demokratie niederreißen, wenn sie nur so gewinnen können.“

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          Das war keine normale Parteitagsrede, keine Lobrede auf seinen einstigen Vizepräsidenten. Es war eine Brandrede. Obama wird gewusst haben, dass ein solcher Auftritt einen Preis hat. Er überstrahlt alles. Nicht nur die Rede von Bidens „running mate“, sondern auch die Rede des Präsidentschaftskandidaten selbst, die am Donnerstag folgen wird. Doch muss der ehemalige Präsident zu dem Ergebnis gekommen sein, dass dies in der gegenwärtigen Lage hinzunehmen sei.    

          Kamala Harris preist Bidens Krisenmanagement

          Harris hielt eine durchaus bewegende Rede, in der sie die Nominierung für das zweithöchste Staatsamt förmlich annahm. Sie sprach über ihr Aufwachsen als Kind von Einwanderern, über ihre „starke“ Mutter, über ihren Mann und die Stiefkinder, die sie „Momala“ nennten. Sie bediente alle Gruppen, die Frauenbewegung ebenso wie „Black lives matter“. Sie pries Bidens Fähigkeiten, Krisen zu bewältigen. Und sie achtete darauf, sich ins Glied zu begeben und nicht bereits als übernächste Präsidentin aufzutreten.

          Eher schon war es Hillary Clinton, die stets vom Biden-Harris-Team sprach, so als sehe sie die Kandidatin für das Amt des Vizepräsidenten als würdige Begünstigte ihres politischen Erbes. Auch Clinton erwähnte die Wahlnacht vom November 2016: Man könne in absoluten Stimmen vorne liegen und trotzdem verlieren: „Fragt mich“, sagte sie. Das war nicht wehleidig gemeint, sondern als warnendes Beispiel. „Geht wählen“, sagte sie. „Stellt sicher, dass wir und nicht ein ausländischer Gegner entscheidet, wer Präsident wird.“

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