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F.A.Z.-Newsletter Amerika wählt : Biden, Trump und die Schlacht der Narrative

Wie gruselig wird es nächste Woche? Halloween-Dekoration und Trump-Fahnen an einem Haus in Ohio. Bild: Reuters

Süßes oder Saures? Wenn es tatsächlich knapp wird bei der Wahl, schlägt die Stunde der Fake News. Die Propagandisten müssten nicht bei Null anfangen. Die rechte Blase ist präpariert.

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          Am Samstag ist Halloween. In dem Viertel von Washington, in dem ich jahrelang gelebt habe, ist das immer eine Riesensache. Die Leute hüllen ihre Häuser in Spinnennetze, Vordergärten werden zu Friedhöfen, an den Feuerstellen grillen Skelettfamilien Hunde, in den Bäumen baumeln Gespenster oder Gelynchte und aus geparkten Autos ragen blutige Arme. Dieses Jahr aber gesellen sich zur inszenierten Horrorshow zwei sehr reale Ängste: Kann man trotz Corona seine Kinder zum „trick or treating“ von Haus zu Haus schicken, oder werden Körbe voller Süßigkeiten zu Virenschleudern? Und: Was passiert nächste Woche, wenn am Dienstagabend die Präsidentenwahl vorbei sein wird – trick or treat, Süßes oder Saures?

          Unsere frühere Nachbarin schickte uns gestern ein Foto von zwei Skeletten (drei, wenn man den Hund mitzählt) vor einer Wahlurne. Mein erster Gedanke: Donald Trump würde das als Beweisfoto für seine Behauptung werten, dass demokratische Wahlerfolge nur möglich sind, weil so viele Tote abstimmen. (Auf vielen Wählerlisten sind noch die Namen von Verstorbenen verzeichnet, aber es sind aus den vergangenen Jahrzehnten nur extrem wenige Fälle bekannt geworden, dass jemand versucht hätte, im Namen eines Toten eine Stimme abzugeben.) Zugegeben: Dass das mein erster Gedanke war, spricht für eine etwas ungesunde Obsession mit Trump und der Wahl. Aber die teile ich mit Abermillionen Amerikanern.

          Und das wiederum könnte politische Folgen haben. Denn sollte es wirklich wieder sehr knapp werden und der Ausgang der Präsidentenwahl von einer mehrere Tage dauernden Auszählung von Briefwahlstimmen in Pennsylvania und anderswo abhängen, dann wird das Land eine beispiellose Schlacht der Narrative erleben: Wenn Trump tatsächlich sein Amt verteidigen will, indem er Zehntausende Briefwahlstimmen für illegitim erklärt, dann wird das nur funktionieren, wenn ihm ein großer Teil der Bürger die Betrugsgeschichte abnimmt. Das Fundament dafür haben der Präsident und die ihn unterstützenden Medien gelegt.

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          Wie die Auseinandersetzung mit der Wahl in der rechten Blase aussieht, ahne ich, wenn ich jeden Morgen in mein E-Mail-Postfach schaue. Denn seit ich mich vor Jahren bei irgendeinem republikanischen Kandidaten mit meiner Mailadresse für Updates angemeldet habe, wird meine Adresse wie Abermillionen weitere in konservativen Kreisen herumgereicht. Ich bekomme Dutzende sogenannte Newsletter, die ich nie verlangt habe und die nach jedem Abbestellungsversuch unter anderem Namen weiterkommen. Wer genauer hinsieht, erkennt am Layout schnell, dass „Red Right Daily“, „Steadfast Daily“, „The Patriot Nation”, „American Freedom Fighters“, „Trending Right Wing“ und so weiter alle aus derselben Quelle kommen dürften, doch sie alle geben unterschiedliche Adressen in unterschiedlichen Staaten an – und verschiedene Fake-News-Schlagzeilen.

          „Linke attackieren MAGA-Nonnen“

          Hier eine Kostprobe nur aus den vergangenen 24 Stunden: „Linke attackieren Nonnen mit MAGA-Kappen auf Trump-Kundgebung!“ – „Grundschule tauscht Fahneneid gegen widerlichen Sprechchor ein…“ – „Dr. Anthony Fauci macht eine lachhafte Vorhersage über die nächsten beiden Jahre mit Covid“ – „Black Lives Matter beantragt Partei-Status“ – „Rassistische Biden-Anhänger attackieren ,Juden für Trump‘“ – „Polizei bittet Muslime um Hilfe, aber die machen statt dessen eine KRANKE Sache im Internet“ – „Während Biden in seinem Keller schläft, übernimmt Trump die Führung“. Und, nicht zu unterschlagen: „Wow: Das sexgetriebene Kokain-Gelage von Michelle Obamas Goldkind mit Hunter Biden auf Video gebannt.“ In der Tat: Wow!

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