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Besuch im Weißen Haus : Der französische Freund und die kühle Deutsche

  • -Aktualisiert am

Zweiter Besuch: Merkel am Freitag bei Trump Bild: dpa

Für Amerikas Medien war der bilderreiche Besuch von Emmanuel Macron bei Donald Trump ein Geschenk. Und mit großem Vergnügen wurde Angela Merkels abgebrühte Mimik analysiert. Eine Presseschau.

          3 Min.

          Angela Merkels gepanzerte Limousine kurvte am Freitag auf dem Weg zum Weißen Haus noch durch den Washingtoner Morgenverkehr, als der Fernsehsender CNN eine frische Schlagzeile auf die prominenteste Stelle seiner Website setze: „Mamma mia! Sie sind wieder zurück.“ Die Meldung, dass ABBA nach 35 Jahren neue Songs aufnehmen würde, hatte für die amerikanischen Kollegen ganz offensichtlich einen höheren Stellenwert als der zweite Besuch der Bundeskanzlerin bei Donald Trump. Auf der Homepage von CNN fand sich kein einziger Hinweis auf Merkels Stippvisite im Weißen Haus.

          Zugegeben: Auch der Besuch von Emmanuel Macron hatte zunächst keine Flut an Vorberichten ausgelöst, aufgrund der Bedeutung – Trump gewährte dem französischen Präsidenten das erste Staatsbankett seiner Präsidentschaft – jedoch ein größeres mediales Echo generiert als Merkels unauffälliges Arbeitsmittagessen. Die Nachberichterstattung unterschied sich deutlich.

          Handschlag und Bruderkuss

          Macrons dreitätiger Aufenthalt in Washington zog eine endlose Schleife von Artikeln nach sich, zunächst einmal, als der Besuch andauerte: viel Oberflächliches, auch weil die Sachthemen meist den wunderbar absurden Szenen amerikanisch-französischer Zuneigungsbekundungen weichen mussten. Da waren vor allem der umständliche Handschlag und der angedeutete Bruderkuss zwischen den beiden Staatsmännern, Trumps zärtliches Schuppenbürsten sowie die filmreife Inszenierung einer Baumpflanzung. Selbst Melania Trumps weißen Hut, den sie am zweiten Tag von Macrons Besuch trug, lud die „New York Times“ in einem Artikel mit ein bisschen diplomatischer Bedeutung auf.

          „Le Bromance“: Macron und Trump in Washington
          „Le Bromance“: Macron und Trump in Washington : Bild: AP

          Als sich das Blitzlichtgewitter gelegt hatte, wies der „New Yorker“ darauf hin, dass „le Bromance“, wie die amerikanische Presse Trumps und Macrons Männerfreundschaft getauft hatte, politisch wohl nur von kurzer Halbwertszeit sein würde: Macron habe es zwar vollbracht, in seiner abschließenden Rede vorm Kongress „Trump zu loben und den allgegenwärtigen Trumpismus zu verurteilen“, kommentierte das Magazin und befand gleichzeitig, dass die Republikaner, die Macrons Ausführungen im Abgeordnetenhaus beklatschten, mit genau dieser Strategie als Trump-Bändiger versagt hätten. „Macron hat ein enges Verhältnis zu Trump aufgebaut in einer Zeit, in der viele europäische Staatsoberhäupter sich vom amerikanischen Präsidenten distanzieren“, resümierten zwei Washington-Korrespondentinnen der Nachrichtenagentur Reuters direkt im Anschluss an den Staatsbesuch des Franzosen.

          Wenige Tage später, am Morgen des Besuches der Bundeskanzlerin, fragte der Radiosender NPR (sozusagen der Deutschlandfunk Amerikas), ob Frankreich mit Macrons Reise Deutschland womöglich auf dem Parkett der transatlantischen Beziehungen durch ein geschicktes diplomatisches Manöver überlistet hätte – um zu dem Schluss zu kommen, dass Europa in Washington nicht konkurrierend, sondern komplementär auftrete.

          Dass die zwei Politiker (mehr noch die Wahl ihrer Auftritte) dann doch unter einem gewissen Konkurrenzdruck standen, bemerkte die Online-Ausgabe des altehrwürdigen Magazins „Vanity Fair“, die im Übrigen großes Vergnügen daran fand, Merkels abgebrühte Mimik zu analysieren, die sie aufsetzte, während sie Trumps Ausführungen folgte.

          Auffallend kurz fiel nach Merkels Besuch die Analyse der eigentlich wichtigen Themen aus. Was mitunter daran gelegen haben mag, dass die Kanzlerin mit wenig klaren Antworten im Gepäck wieder nach Deutschland aufbrach. Die Fortführung des von Trump so verabscheuten Iran-Abkommens? Der Präsident ließ sich nicht in die Karten blicken. Auch hierzu bemerkten die amerikanischen Medien, dass Macron – trotz der guten Chemie zwischen den beiden – Trump ebenfalls kein Zugeständnis abringen konnte. Deutschlands zögerliche Herangehensweise in dieser und anderen Fragen, hieß es in einem Gastkommentar in der „Washington Post“, mache das Land „zu Europas schwächstem Glied“.

          Trump selbst begann den Morgen von Merkels Besuch mit 156 Zeichen, als er twitterte: „Freue mich heute, Bundeskanzlerin Angela Merkel aus Deutschland zu treffen. So viel zu diskutieren, so wenig Zeit! Es wird gut für unsere beiden großartigen Länder!“

          Die „New York Times“ ließ sich in ihrer abschließenden Analyse von diesem Tweet nicht täuschen: „Präsident Trump und Kanzlerin Merkel versuchten am Freitag nicht, ihre Differenzen über die Zukunft des Iran-Abkommens und über die Handelsbilanz zwischen den Vereinigten Staaten und Europa zu verbergen, nach einem Tag von Treffen im Weißen Haus, die augenscheinlich keinen Durchbruch in großen Streitpunkten erzielt haben.“ Die „Washington Post“ merkte an, dass es die beiden europäischen Politiker gegen Ende ihrer Reisen „größtenteils aufgegeben hatten, Trump davon überzeugen zu wollen, dass er [in seinen Ansichten] falsch lag“. Stattdessen hätten Macron und Merkel versucht, „sich darauf zu konzentrieren, wie man diese Konflikte umschiffen könnte“.

          Merkel als „strenge Vollstreckerin“

          Und natürlich spielte dabei auch der unterschiedliche Stil in der amerikanischen Presse eine Rolle: „Falls Macron sich als die freundliche, wenn auch selbstsichere Stimme in europäischen Anliegen gab, reise Merkel im Weißen Haus als strenge Vollstreckerin an“, hieß es bei CNN. Aber: „Die zwei Führer schienen sich zu freuen, einander zu treffen, als Merkel nach ihrer Ankunft aus ihrer Limousine stieg. Trump küsste sie zweimal auf die Wange und begann die Pressekonferenz mit einem [nachträglichen] Glückwunsch zu ihrer knappen Wiederwahl. Gleich zweimal schüttelten sie die Hände im Oval Office, nur um eine ähnliche Situation zu vermeiden wie bei Merkels vergangenem Besuch, als Trump den Handschlag mit ihr verwehrte.“

          Den Rest des Freitags dominierten die Nachrichten um das Treffen zwischen Nord- und Südkorea, Bill Cosbys Verurteilung wegen sexueller Nötigung – und die neuen Songs der schwedischen Hitmusiker.

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