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Internationale Beziehungen : Trump will die Weltordnung zerstören – na und?

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Die liberale Weltordnung, so schreibt Robert Kagan in der „Washington Post“, verlangt „eine ständige Pflege, vor allem seitens der Vereinigten Staaten“. Aber wie die liberale Ordnung sich nicht von selbst erhält, so kann sie auch nicht durch die Launen eines Einzelnen zerstört werden, selbst wenn es sich dabei um den amerikanischen Präsidenten handelt. Die liberale Weltordnung ist insofern „zäh“, als sie fundamentale Elemente umfasst (Beziehungen zwischen den Streitkräften verschiedener Länder, gemeinsame politische und kulturelle Werte, massive ökonomische Bande), die die Amtszeit jedes Präsidenten überdauern. Zwar ist es durchaus möglich, dass Trump diesen Elementen ernsthaften oder sogar dauerhaften Schaden zufügen könnte, aber im Augenblick ist es noch zu früh, um definitiv zu sagen, dass dies bereits geschehen wäre.

Auch wenn Trumps Fähigkeit zur Zerstörung der liberalen Weltordnung überschätzt wird, haben seine Rhetorik und sein Verhalten doch in einer Hinsicht schon jetzt einen unermesslichen Schaden angerichtet und könnten sich in der Zukunft sogar als katastrophal erweisen, nämlich im Blick auf die in Artikel 5 des im Nordatlantikvertrags niederlegte kollektive Sicherheitsgarantie für alle Nato-Mitgliedsstaaten. Dass Trump diese vertragliche Verpflichtung ständig in Frage stellt und die amerikanischen Bündnispflichten explizit von den Verteidigungsausgaben der Nato-Partner abhängig macht, schwächt das Abschreckungsvermögen des Bündnisses und lädt Russland zu aggressivem Verhalten ein.

Als Tucker Carlson von Fox News Trump kürzlich fragte, warum sein Sohn das 2017 in das Bündnis aufgenommen Nato-Mitglied Montenegro mit seinem Leben verteidigen sollte (eine ermüdend isolationistische Leier, die Carlson liebt, auch wenn sein Sohn nicht in den ausschließlich aus Freiwilligen bestehenden amerikanischen Streitkräften dient), hätte Trump eigentlich antworten sollen: „Weil unsere Nato-Verbündeten für uns gestorben sind.“

Trumps mangelnde Eindeutigkeit

Stattdessen antwortete er, das frage auch er sich, und fügte völlig unnötig eine Bemerkung hinzu, wonach Montenegro „sehr aggressiv“ sei und die Vereinigten Staaten möglicherweise in einen Dritten Weltkrieg hineinziehen könne – eine alte sowjetische Leier. Trumps mangelnde Eindeutigkeit auf diesem Gebiet ist weitaus schädlicher für die liberale Weltordnung als Obamas folgenloses Gerede über rote Linien in Syrien, da sie vertraglich niedergelegte Sicherheitsgarantien für Bündnispartner betrifft und nicht bloß eine spontan auf einer Pressekonferenz gemachte Bemerkung darstellt.

In Gestalt Trumps könnten wir in der Tat Zeuge einer tektonischen Verschiebung in den internationalen Beziehungen sein, mit der die Vereinigten Staaten freiwillig auf ihre Rolle als „Wächter der Weltordnung und Vorkämpfer der menschlichen Freiheit“ (Stewart Patrick) verzichten und zu Nationalismus und Konkurrenz im Stile des 19. Jahrhunderts zurückkehren.

Ebenso denkbar wäre es allerdings, dass wir tagtäglich mit der kolossalen Eitelkeit eines weltgeschichtlichen Narzissten konfrontiert werden, der eher bellt als beißt und dessen zutiefst zerstörerische Rhetorik nicht auf eine genaue Lektüre der Schriften von Noam Chomsky und Pat Buchanan zurückgeht, sondern auf seine Erfahrung als Produzent von Reality-TV-Müll mit höchsten Einschaltquoten.

Es ist ein Mann, der gerade noch die Europäische Union als „Feind“ bezeichnet hat und kaum eine Woche später ein Foto tweetet, auf dem er den EU-Kommissionspräsidenten umarmt, wobei er im Text behauptet, die EU und die Vereinigten Staaten „lieben einander“. Wenn zukünftige Generationen dereinst auf die Amtszeit des gegenwärtigen Anführers der freien Welt zurückblicken, werden ihnen vielleicht die Worte eines anderen irren Königs in den Sinn kommen: „Ein Märchen ist es, das ein Thor erzählt, voll Wortschwall, und bedeutet nichts.“

James Kirchick ist Fellow der Brookings Institution in Washington. Der Text ist im Original zuerst in „Foreign Policy“ erschienen. Aus dem Amerikanischen wurde er übersetzt von Michael Bischoff.

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