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Impfstoff gegen Coronavirus : Trump und das nationale „Ego“

  • -Aktualisiert am

Präsident Trump hält gebührenden Abstand zu den Pressevertretern vor dem Weißen Haus. Bild: EPA

Bei der Vorstellung eines nationalen Programm zur Entwicklung eines Impfstoffs gegen das Coronavirus schlägt Donald Trump überraschende Töne an: Er redet von internationaler Zusammenarbeit. Aber vieles deutet daraufhin, dass das nur Rhetorik war.

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          Ende April war der Name erstmals in den Medien aufgetaucht. Nun hat Präsident Donald Trump das Projekt der Öffentlichkeit vorgestellt: Parallel zu den Bemühungen, Pharmaunternehmen mit öffentlichen Geldern bei der Entwicklung eines Impfstoffes gegen das Sars-CoV-2-Virus zu unterstützen, hat er die „Operation Warp Speed“ ins Leben gerufen, ein nationales Programm, das die schnellstmögliche Entwicklung, Produktion und Verteilung eines Impfstoffes ermöglichen soll.

          Majid Sattar
          (sat.), Politik

          Trump sprach am Freitag im Rosengarten des Weißen Hauses von einer „historischen und bahnbrechenden Initiative“, die die Kapazitäten der Gesundheitsbehörden, des Militärs und privater Partner kombiniere. Die Operation sei eine „wissenschaftliche, industrielle und logistische Anstrengung, die das Land seit dem Manhattan-Projekt nicht mehr gesehen hat“, sagte Trump unter Anspielung auf die Geheimoperation zur Entwicklung der Atombombe im Zweiten Weltkrieg. Wichtige Details des Projektes bleiben nämlich auch jetzt geheim.

          Impfstoff bis zum Jahresende

          Gesundheitsminister Alex Azar hatte im März vom Weißen Haus den Auftrag erhalten, die Suche nach einem Impfstoff zu verstärken. Wissenschaftler an den „National Institutes of Health“ (NIH) hatten schon am 11. Januar mit der Forschung begonnen – Stunden nachdem der Gencode des Virus bekanntgemacht worden sei, sagte Trump. Die Regierung setze zunächst darauf, Impfstoffprojekte privater Pharmakonzerne zu fördern. Der „Biomedical Advanced Research and Developement Authority“ (Barda) stehen dafür 3,5 Milliarden Dollar zur Verfügung. Im Frühjahr, nachdem der Konflikt mit China über die Frage nach dem Ursprung des Virus eskaliert war, forderte das Weiße Haus parallel zu den privatwirtschaftlichen Projekten eine nationale Operation. Ziel sei es, bis zum Jahresende einen Impfstoff zu entwickeln, sagte der Präsident nun. Azar teilte mit, insgesamt unterstütze die Regierung die Entwicklung eines Impfstoffes mit zehn Milliarden Dollar.

          Der Name „Warp Speed“ kommt aus der Science-Fiction-Welt und bedeutet Überlichtgeschwindigkeit. 14 potentielle Impfstoffe sind für das Projekt in die engere Wahl genommen worden. Anthony Fauci, der oberste Immunologe des Landes, hatte schon vorher gesagt, herkömmliche Projektionen, es werde bis zu 18 Monate dauern, bis ein Impfstoff alle Testverfahren durchlaufen habe, träfen nicht zu. Es gebe ein beschleunigtes regulatives Verfahren. Zudem setzte die Regierung sowohl bei den privaten Projekten als auch in der „Operation Warp Speed“ aufs Risiko: Die Massenproduktion eines Stoffes beginne, bevor die Tests abgeschlossen seien. So soll das Serum schneller verfügbar sein.

          300 Millionen Dosen bis Januar 2021

          Moncef Slaoui, der wissenschaftliche Leiter der Projektes, ging so weit, Trump zu versprechen, Ende dieses Jahres einige hundert Millionen Dosen verteilen zu können. Bis Januar 2021 sollen es 300 Millionen Dosen sein. Das entspräche dem erwarteten Bedarf für die Vereinigten Staaten. Fauci hatte in der vergangenen Woche in einer Senatsanhörung geäußert, man wolle alle Amerikaner, die den Impfstoff brauchten, versorgen und zusätzlich zu dem Bedarf „beitragen“, den es auf der Welt gebe.

          Slaoui, ein gebürtiger Marokkaner, der zudem die belgische und die amerikanische Staatsbürgerschaft hat, ist ein international anerkannter Impffachmann, der früher die Impfstoffentwicklung bei dem in London ansässigen Pharmakonzern Glaxo Smith Kline verantwortete. Er leitet das Projekt gemeinsam mit Gustave Perna, einem Vier-Sterne-General, der sich vor allem um die Logistik kümmert.

          Trump: Es geht nicht ums nationale „Ego“

          Trump schlug bei der Vorstellung des Projektes überraschende Töne an. Amerika arbeite bei der Impfstoffentwicklung mit vielen Ländern zusammen, darunter nicht nur Verbündete. Es gehe nicht ums „Ego“. Das sollte heißen: Wer immer den Impfstoff zuerst hat, pocht nicht auf Erstbezugsrechte und Gewinnmargen. Auf die Frage, ob er damit rechne, dass Amerika berücksichtigt werde, sollte China zuerst den Impfstoff entwickeln, sagte er gar: „Ich würde sagen: Die Antwort ist Ja.“ Womöglich waren die milden Töne eine Art Kompensation für seine Äußerungen vom Vortag, als er die Möglichkeit eines Abbruchs der Beziehungen zu Peking ins Spiel gebracht hatte. Trump geht häufiger nach der Devise vor: Zwei Schritte vor, ein Schritt zurück.

          Der Auftritt im Rosengarten passte jedenfalls nicht zu seinem bisherigen Verhalten und auch nicht zur Konzeption der „Operation Warp Speed“. An einer internationalen Geberkonferenz zur Impfstoffentwicklung hatte sich Washington nicht beteiligt, wohl auch weil die Weltgesundheitsorganisation involviert war, die Trump als chinesisches Werkzeug betrachtet. Und dass wesentliche Elemente der Operation geheim bleiben, spricht auch nicht für internationale Kooperation.

          Vieles bleibt geheim

          Slaoui hatte seine Zuversicht, bis Jahresende liefern zu können, damit begründet, dass er kürzlich Ergebnisse eines klinischen Versuches mit einem der 14 Impfstoffe gesehen habe. Welcher von ihnen dies war, sagte er nicht. Geheim bleibt auch, welche amerikanischen Pharmakonzerne mitwirken. Es gibt die Vermutung, dass es sich um einige Unternehmen handelt, die auch außerhalb der Projektes an der Entwicklung eines Impfstoffes gegen das Coronavirus arbeiten.

          Kritiker fürchten denn auch ineffiziente Doppelstrukturen. Barda fördert etwa Projekte mit den amerikanischen Konzernen Johnson & Johnson und Moderna, aber auch mit dem französischen Hersteller Sanofi, was zu Verstimmungen mit der Regierung in Paris führte. Die Verträge sehen nämlich vor, wie der Fall Sanofi deutlich machte: Fördergelder im Gegenzug für Erstbezugsrechte. So müsste Washington nicht davon Gebrauch machen, auf der Grundlage des „Defense Production Act“ ein Exportverbot zu verhängen.

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