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F.A.Z.-Newsletter Amerika wählt : Donald Trump vermisst Hillary Clinton

Braucht einen Feind: Donald Trump auf einer Kundgebung in Iowa am 14. Oktober Bild: AFP

Ein schläfriger Mann ist keine Schurkin. Deshalb scheint Trumps Rezept von 2016 gegen Joe Biden nicht aufzugehen. Bereut er den Tag, an dem er seinen Rivalen zum „Sleepy Joe“ stempelte?

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          Empfinden Sie Groll gegen schläfrige Männer, vielleicht sogar Hass? Nein? Dann geht es Ihnen wie vielen Amerikanern, die sich einfach nicht dazu aufraffen können, Joe Biden aus tiefstem Herzen zu verabscheuen – zum Leidwesen von Donald Trump. Bestimmt hadert der Präsident damit, seinem demokratischen Herausforderer so früh das Etikett „Sleepy Joe“ angeklebt zu haben. Furcht flößt das ja nicht gerade ein.

          Dabei macht Trump beim Branding niemand etwas vor. Mit seinem Beinamen für Biden stochert er denn auch in einer Wunde der Demokraten: Vitalität strahlt tatsächlich eher der angeblich frisch von Covid-19 geheilte, 74 Jahre alte Trump aus als der knapp vier Jahre ältere Biden. Trotzdem wird aus „Sleepy Joe“ keine „Crooked Hillary“.

          Joe Biden mag ein aus der Zeit gefallener Dampfplauderer sein. Seine Erfolgsbilanz mag sich nach 36 Jahren im Senat und acht Jahren als zweiter Mann im Weißen Haus dünn ausnehmen. Bidens Prahlerei mit seinen Kontakten in der internationalen Politik mag Vorbehalte gegen ein sich selbst genügendes „Establishment“ nähren. Die Rührseligkeit, mit der er seine persönlichen Schicksalsschläge politisch ausschlachtet, mag manche Wähler nerven. Aber ein krimineller Schurke? Für diese Rolle taugt er nicht.

          Es fehlt die jahrzehntelange Vorarbeit, auf die Trump 2016 zurückgreifen konnte. Schon 1996, am Ende von Bill Clintons erster Amtszeit, hatte der Intellektuelle Henry Louis Gates  in einem berühmt gewordenen Essay im „New Yorker“ festgestellt: „Wie Pferderennen ist das Hillary-Hassen zu einem nationalen Zeitvertreib geworden, der die Elite mit dem Lumpenproletariat vereint.“ Man könnte noch hinzufügen: Wie bei jedem Zeitvertreib war bald eine ganze Industrie daraus geworden; im Wahlkampf vor vier Jahren habe ich das hier einmal beschrieben. Biden hat über die Jahre bisweilen Bewunderung erfahren, oft auch Belustigung verursacht. Ihn aber zur Hassfigur zu stilisieren, daran hatte niemand Interesse.

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          Umso verzweifelter wirken Trumps Versuche, trotzdem mit den Rezepten von 2016 zu punkten. Anstatt die Ukraine-Affäre ruhen zu lassen, die ihm immerhin ein Amtsenthebungsverfahren eingebracht hat, startet er einen neuen Versuch, Biden einen Strick aus den ukrainischen Aktivitäten von dessen Sohn Hunter zu drehen. Richten Sie sich darauf ein, in den kommenden Tagen viel vom „Biden-Laptop“ zu hören. Die „New York Post“ veröffentlichte Mails, die der Inhaber eines Computerladens in Delaware auf einem Notebook gefunden haben will, das Hunter Biden 2019 zur Reparatur abgegeben und monatelang nicht abgeholt habe.

          Zwei Minister müssen Trump helfen

          Der Sohn des damaligen Vizepräsidenten arbeitete seit 2014 als Vorstand für den ukrainischen Energiekonzern Burisma. In einer Mail vom April 2015, deren Echtheit nicht bestätigt ist, soll sich ein Burisma-Berater bei Hunter Biden für ein Treffen mit dessen Vater, dem damaligen Vizepräsidenten, in Washington bedankt haben. Es gibt ansonsten keine Anhaltspunkte dafür, dass ein solches Treffen je stattfand; Biden bestreitet das.

          Gar nicht so schläfrig: Biden machte Wahlkampf, während Trump wegen seiner Covid-19-Erkrankung pausieren musste.
          Gar nicht so schläfrig: Biden machte Wahlkampf, während Trump wegen seiner Covid-19-Erkrankung pausieren musste. : Bild: AFP

          Dass Hunter Biden die lukrative Position in Kiew nur wegen seiner Verwandtschaft mit dem Vizepräsidenten bekam, darf man getrost annehmen. Der Konzern wollte sich mit dem Namen schmücken. Schon zu Obamas Regierungszeit witterte das Außenministerium einen Interessenkonflikt. Joe Biden, der als Obamas Emissär oft in Kiew verhandelte, beteuert aber, nie mit seinem Sohn über das Thema geredet zu haben. Das muss man nicht für plausibel halten. Aber eine angebliche Mail, die Trumps Anwalt Rudy Giuliani kurz vor der Wahl einer Trump-freundlichen Zeitung zuleitet, ist gewiss kein Beweis des Gegenteils. Immerhin ist Giuliani der Mann, der in Trumps Namen die ukrainische Regierung unter Druck setzte, an den Haaren herbeigezogene Verschwörungstheorien wahrzumachen.

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          Kein Zweifel: Noch lieber würde Trump noch einmal gegen Hillary Clinton antreten und die „Sperrt sie ein“-Sprechchöre seiner Anhänger genießen. Außenminister Mike Pompeo sah sich vom Präsidenten genötigt, für die „kommenden Wochen“ die Veröffentlichung weiterer Mails von Hillary Clinton anzukündigen, die das State Department sichergestellt hat. Seinen Justizminister Bill Barr setzte Trump öffentlich unter Druck, Anklage gegen Demokraten zu erheben, die nach Trumps Behauptung ursprünglich die sogenannten Russland-Ermittlungen einleiteten, um Clinton zum Wahlsieg zu verhelfen.

          Das Problem für Trump: Die allermeisten Amerikaner haben den Film von 2016 in schlechter Erinnerung. Lassen sie sich durch eine Wiederholung von der verheerenden Pandemie ablenken?

          Was sagen die Umfragen? Das Portal 270ToWin, das alle Umfragen auswertet, sieht nur noch in fünfeinhalb Bundesstaaten (nur Maine ist in zwei Zonen aufgeteilt) ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Trump und Biden. Der Demokrat müsste in keinem davon gewinnen, um eine Mehrheit im „electoral college“ zu erhalten. Das Portal FiveThirtyEight beziffert die Wahrscheinlichkeit eines Biden-Siegs mit 87 Prozent.

          Sein Vorsprung vor Trump war in den nationalen Umfragen fast immer größer als der, der Clinton 2016 in falscher Sicherheit gewiegt hatte. Manches spricht zudem dafür, dass die Demoskopen ihre methodischen Fehler von damals korrigiert haben. Es gibt aber immer noch Ungereimtheiten. So liegt die Zustimmung zu Trumps Amtsführung konstant etwas höher als seine nationalen Umfragewerte. Man kann daraus schließen, dass er auch diesmal über ein Wählerpotential verfügt, das die Umfragen nicht wiedergeben.

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