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Vorwahlen in Amerika : Bis die Stimmbänder versagen

  • -Aktualisiert am

Hier, nimm Du mal: Hillary Clinton mit ihrem Mann Bill auf Tuchfühlung mit Anhängern in New York City Bild: AP

Showdown in New York: Während Donald Trump gegen die eigene Partei wettert und ihm deshalb ein großer Sieg sicher sein dürfte, kämpft Hillary Clinton bis zuletzt um jede Stimme. Bernie Sanders lässt ihr keine andere Wahl.

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          Die Kulissen hätten unterschiedlicher kaum sein können. Bernie Sanders, der Außenseiter, von dem vor wenigen Monaten nur wenige Amerikaner überhaupt schon einmal gehört hatten, spricht am Vorabend der so wichtigen Vorwahl in New York auf einer großen Bühne am Ufer des East River. Hillary Clinton, die Grande Dame der Demokratischen Partei, tritt dagegen im Hinterhof eines Irish Pub auf, vor gerade einmal ein paar Dutzend Unterstützern.

          „Ihr seht so aus, als ob ihr eine politische Revolution wollt“, ruft Sanders heiser in die jubelnde Menge. Hinter ihm schimmert, schöner konnten es die Wahlkampfmanager nicht planen, Manhattans Skyline zur blauen Stunde. Als Clinton eine knappe Stunde später drüben in Midtown auf das provisorisch errichtete Pub-Podest tritt, ist es schon dunkel. An Scheinwerfer hat offenbar niemand gedacht. Ehemann Bill will ein paar einleitende Worte sprechen, doch bringt zunächst kaum mehr als ein Krächzen heraus.

          Wahlkampf, bis die Stimmbänder versagen: Bis auf zwei kurze Abstecher in die Ferne, Clinton zum Spendensammeln nach Kalifornien und Sanders für einen Vortrag in den Vatikan, haben sich beide demokratischen Bewerber zuletzt in New York regelrecht aufgerieben. Sie haben unzählige Interviews gegeben, sind medienwirksam mit der U-Bahn gefahren, haben in Altenheimen oder bei streikenden Gewerkschaftern vorbeigeschaut. Die Worte, die Clinton dabei immer wieder gebetsmühlenartig wiederholt, kennt inzwischen auch ihr Rivale: „Ich werde um jede Wählerstimme, um jeden Staat kämpfen.“

          Nachdem Sanders im Vorwahl-Marathon acht der letzten neun Abstimmungen gewonnen hat, braucht Clinton dringend ein Erfolgserlebnis. Wo, wenn nicht in dem Staat, den sie jahrelang im Senat vertreten hat, wo, wenn nicht in ihrer Wahlheimat, könne sie das Ruder wieder herumreißen, so die Erwartung ihres Lagers. „Ich glaube, sie hat eine gute Chance hier in New York“, sagt Adam Farley, ein Unterstützer, der den letzten Wahlkampf-Auftritt der ehemaligen Außenministerin aufmerksam verfolgt hat.

          Beide müssen liefern – Sanders und Clinton

          Doch auch Sanders, geboren in Brooklyn, muss liefern. Trotz seiner jüngsten Siegesserie liegt er, was die Anzahl der bisher eingesammelten Delegierten betrifft, noch immer deutlich hinter Clinton, der zudem die Unterstützung der meisten „Superdelegierten“ sicher sein dürfte. Alles andere als ein überzeugender Sieg in New York würde die ohnehin schon geringen Chancen des 74 Jahre alten Senators weiter schmälern.

          Große Geste, noch größere Kulisse: Clintons Rivale Bernie Sanders sprach fast zeitgleich am Ufer des East River zu seinen Anhängern Bilderstrecke
          Große Geste, noch größere Kulisse: Clintons Rivale Bernie Sanders sprach fast zeitgleich am Ufer des East River zu seinen Anhängern :

          Die letzten Umfragen sehen Sanders in New York mehr als zehn Prozentpunkte hinter Clinton, doch auch in anderen Staaten hat er gezeigt, dass er auf den letzten Metern noch viele Wähler umstimmen kann. Die Euphorie rund um Sanders’ Kundgebung in Queens zumindest ist, wie bereits bei anderen ähnlichen Veranstaltungen in diesem Monat, gewaltig. „Peace, Love and Bernie“ steht auf vielen eilig bedruckten T-Shirts. „Er ist der einzige Kandidat, der wirklich die Welt verändern will“, sagt ein Gitarre spielender Fan, der extra ein Lied für Sanders geschrieben hat.

          Während es im Wahlkampf der Demokraten also zumindest vordergründig weiterhin vor allem um Ideale und politische Überzeugungen geht, wird das Rennen bei den Republikanern immer mehr zum Taktik-Spiel.

          So hat Ted Cruz, der Senator aus Texas, der sich trotz seiner radikalen Ideen zu einer Art Lieblingskandidat des Partei-Establishments entwickelt hat, New York offenbar bewusst aufgegeben, um im Rest des Landes bessere Chancen zu haben. Seine offen zur Schau getragene Ablehnung gegen die liberalen Werte der Weltstadt am Hudson ist ein Gambit, das ihn am Dienstag die Stimmen einiger republikanischer Lokalpatrioten kosten, anderswo aber sein Profil als konservativer Konsenskandidat schärfen dürfte.

          Trump schmeichelt den New Yorkern

          Donald Trump, selbst stolzer New Yorker, baut dagegen auf einen großen Heimsieg und hat zuletzt kaum eine Gelegenheit ausgelassen, um den Einwohnern seiner Heimatstadt zu schmeicheln: „Ich liebe die Leute hier, das sind meine Leute.“ Auch wenn viele Bürger der multikulturellen Metropole, in der immerhin fast die Hälfte der Bevölkerung des Staates New York lebt, lautstark gegen Trumps Positionen wie etwa das vorgeschlagene Einreiseverbot für Muslime demonstrieren, dürfte ihn der Großteil der registrierten New Yorker Republikaner dennoch wählen. Mehr als 30 Prozentpunkte Vorsprung vermelden die letzten Umfragen.

          Trumps Fokus auf New York hat indes noch einen anderen Grund. So blieb er den Parteiversammlungen in Colorado und Wyoming zuletzt bewusst fern, wo die Delegierten nicht von allen registrierten republikanischen Wählern, sondern von kleinen Parteiversammlungen bestimmt werden – um sich anschließend zum Opfer dieses Prozesses zu stilisieren und gegen die eigene Partei zu wettern, wann immer es ging.

          Das ganze System der Kandidatenfindung sei „manipuliert“, lässt Trump inzwischen fast täglich verlauten. Er spekuliert offenbar darauf, dass das viele republikanische Wähler, die vom Partei-Establishment genervt sind, genau so sehen und jetzt erst recht für ihn stimmen werden. Der Plan ist gewagt, aber nicht unrealistisch. Klar ist: Um die benötigte absolute Mehrheit von 1237 Delegierten noch vor dem mit Spannung erwarteten Nominierungsparteitag im Juli zusammenzubekommen, braucht Trump einen Erdrutschsieg nach dem anderen.

          Seine möglichen Gegner für die Präsidentschaftswahl im November zumindest scheinen ihm diese Siege zuzutrauen. Sowohl Sanders als auch Clinton schimpfen auf ihren Veranstaltungen vor allem gegen Trump. Von anderen Republikanern ist dagegen nur ganz selten die Rede. Egal vor welcher Kulisse.

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