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Trump bei der Queen : Speziell rumpelnde Beziehungen

America first: Queen Elizabeth im Schatten des Präsidenten, der sich hier man den Vortritt lässt, Juli 2018, Windsor Castle. Bild: Prisma

250.000 Menschen wollen gegen Donald Trumps Staatsbesuch in London demonstrieren, doch die Queen ehrt den amerikanischen Präsidenten mit royaler Zuwendung. Es treffen zwei gespaltene Nationen aufeinander.

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          Die Trump-Gegner haben aufgerüstet. Beim ersten Besuch des amerikanischen Präsidenten, im Juli vergangenen Jahres, ließen sie einen Ballon über den Protestkundgebungen kreisen, der Trump als Riesenbaby in Windeln zeigte. In diesem Jahr, passend zum protokollarisch höherrangigen „Staatsbesuch“, soll zusätzlich ein „Dumping Trump Robot“ im Mittelpunkt der Demonstrationen stehen. Der fünf Meter hohe Roboter, der schon auf Youtube zu bewundern ist, sieht aus wie Trump und sitzt auf einer Toilette. Berühmte Zitate des Präsidenten („I am a stable genius“) mischen sich mit Furzgeräuschen.

          Jochen Buchsteiner
          Politischer Korrespondent in London.

          Bis zu 250 000 Menschen, so schätzen die Organisatoren, wollen protestieren, wenn Trump an diesem Montag landet. Er wird einen Bogen um sie machen und sofort in den Buckingham Palast gebracht werden, wo ihm die Queen einen Staatsempfang bereitet. Der Gast bringt nicht nur seine Frau Melania mit, sondern vier seiner fünf Kinder. Das Persönliche steht im Mittelpunkt dieses offiziellen Staatsbesuchs, eine Ehre, die bislang erst zwei Präsidenten der früheren britischen Kolonie – George W. Bush jr. und Barack Obama – zuteilgeworden ist.

          Royale Zuwendung für Trump

          Trump darf baden in royaler Zuwendung. Nach dem Empfang, der entgegen den Traditionen nicht auf der schlecht abschirmbaren Horse Guard Parade stattfindet, sondern im geschützten Innenhof des Königspalastes, lädt die Queen zum Lunch, danach trifft er Prinz Charles zum Tee. Für den Abend steht das Staatsbankett im Ballsaal des Buckingham Palastes auf dem Programm, an dem auch die Herzöge von Cambridge und Sussex teilnehmen – William mit Frau, Harry möglicherweise ohne. Die Herzogin von Sussex, eine Amerikanerin, hatte Trump vor ihrem Aufstieg ins Königshaus als „spaltend“ bezeichnet. Sollte sie fehlen, würde das mit mütterlichen Pflichten erklärt werden – ihr Sohn Archie Harrison wurde am 6. Mai geboren.

          Bevor am nächsten Abend die Dinnergesellschaft in die Residenz des amerikanischen Botschafters umzieht und der Besuch am Mittwoch mit den Feierlichkeiten zu 75 Jahren „D-Day“ in Portsmouth gekrönt und auch beendet wird, ist nur ein bisschen Platz für Politik. Am Dienstag will Trump an einem Frühstück mit Wirtschaftsvertretern beider Länder teilnehmen und danach mit Theresa May in Downing Street sprechen. Die für den Anschluss geplante Pressekonferenz dürfte die letzte sein, die May und Trump gemeinsam geben. Sie findet drei Tage vor Mays angekündigtem Rücktritt statt.

          Alle Zeichen weisen auf einen denkwürdigen Besuch hin, der sich am besten mit dem englischen Wort „awkward“ zusammenfassen lässt. Zu erwarten ist ein politischer Eiertanz, schwankend zwischen schrillen Straßenprotesten und royalem Glanz, zwischen schweigender Entfremdung und tapferen Versuchen, das Sonderverhältnis zu Amerika trotz Trump aufrecht zu erhalten.

          Mit dem Gast landet auch die Frage, wie es eigentlich um die beiden Führungsmächte des „Westens“ bestellt ist. Manche sehen in dem Besuch gewissermaßen eine Kollision des Irrsinns: Ein erratischer Präsident trifft auf ein Land im Brexit-Chaos. Andere verdrehen ob solcher Bescheibungen die Augen: „Chaos? Wo?“, fragt David Goodhart und blickt sich ostentativ um. Der Buchautor und „Thinktanker“ von „Policy Exchange“ sieht sein Land durch eine schwere politische Krise gehen, hält aber die Untergangswahrnehmung vieler Europäer für übertrieben. „Unsere Wirtschaft ist nicht kollabiert, wir wachsen sogar schneller als die meisten Länder der EU“, sagt er. Umgekehrt würde ein „neutraler Blick“ auf den amerikanischen Präsidenten zutage fördern, dass er „ziemlich effektiv“ sei und zum Teil an den richtigen Schrauben drehe. Als Beispiel dient ihm Trumps Wehr gegen die chinesische Handelspolitik und seine Nordkorea-Politik.

          Zwei gespaltene Nationen

          Nicht in Abrede lässt sich stellen, dass beide Nationen gleichermaßen tief gespalten sind. Die Briten scheiden sich am Brexit, die Amerikaner an Trump. Das ausgerechnet die zwei kulturellen Führungsmächte des Westens im Griff von Ideen und Personen sind, die als „populistisch“ beschrieben werden, liegt auch an ihren Gemeinsamkeiten. „Die Vereinigten Staaten und das Vereinigte Königreich waren die Avantgarde der wirtschaftlichen Globalisierung in den achtziger und neunziger Jahren, und ihre Gesellschaften daher die ersten, die die Verwerfungen erfahren haben, welche die Globalisierung bei den Mittelschichten angerichtet haben“, erklärt Robin Niblett, Direktor des Chatham House in London. „Es ist also wenig überraschend, dass die beiden Länder die populistische Welle anführen.“ Niblett entdeckt darin sogar etwas Tröstliches: „Sie dürften die ersten Länder sein, die das Phänomen auch wieder abflauen sehen.“

          Und dann wirft Goodhart noch einen Blick auf die Domokratiemodelle: Beide besäßen ein „kaum aufzubrechendes Zweiparteiensystem, das populistische Strömungen schlechter absorbieren kann als die europäischen Koalitionsdemokratien ohne Mehrheitswahlrecht“. Mit anderen Worten: In Britannien und Amerika gewinnt der Populismus, oder er gewinnt nicht.

          Zusammenarbeit zwischen London und Washington

          Bei allen verbindenden Erfahrungen – seit Trumps Amtsantritt knirscht es in der Zusammenarbeit zwischen London und Washington. Die ganze Verlegenheit der Beziehungen spiegelt sich schon in der Entstehung dieses Besuchs wieder. Theresa May war die erste Regierungschefin eines großen europäischen Landes gewesen, die sich kurz nach Trumps Einzug ins Weiße Haus, im Januar 2017, nach Washington wagte. Während zu Hause viele den Kopf schüttelten ob der frühen Ehrerbietung an einen „Rassisten“ und „Frauenfeind“ (Labour-Chef Jeremy Corbyn), fanden sich beim Spaziergang im Rosengarten beider Hände. May bemühte sich zwar rhetorisch um Mindestabstand, lud Trump dann aber zur allgemeinen Überraschung auf einem Staatsbesuch ins Königreich ein. Zu Hause musste sie festzustellen, dass das gar nicht so einfach werden sollte. Die Oppositionsparteien zeigten sich entrüstet. Mehr als eine Million Briten unterschrieben eine Petition gegen den Staatsbesuch. Parlamentspräsident John Bercow kündigte an, dem amerikanischen Präsidenten kein Rederecht im Hohen Haus einzuräumen; da hatte Trump noch gar nicht danach gefragt.

          So wurde aus dem Staatsbesuch diplomatisch quälende eineinhalb Jahre später, eine Arbeitsvisite – eigentlich mehr eine Durchreise des Präsidenten, der vorher beim Nato-Gipfel in Brüssel gewesen war und nachher den russischen Präsidenten Wladimir Putin in Helsinki traf. Mit der Queen gab es nur eine kurze Tasse Tee, dann sah er sich mit May „ein paar unglaubliche Antiterrorismus-Dinge“ an der Militärakademie Sandhurst an; der Rest war eher unerquicklicher Polit-Talk mit der Premierminsterin und eine Partie Golf auf seinem eigenen Platz in Schottland.

          Fast wirkte es, als rebellierte Trump auf seine Art gegen das Format des Besuchs. Als er im Blenheim-Palast, Churchills Geburtshaus, gegenüber May Platz nahm, platzte die Nachricht ins Festdinner, dass er von den Verhandlungskünsten seiner Gastgeberin wenig hielt. Das hatte er kurz zuvor einem Reporter der „Sun“ anvertraut – und dabei gleich noch Boris Johnson, der gerade als Außenminister zurückgetreten war, in höchsten Tönen gelobt. Der würde sein Land sicher „großartig repräsentieren“ und habe für das höchste Regierungsamt „alles, was man braucht“.

          London und Washington ziehen nicht an einem Strang

          Schon dieser erste Besuch endete trotz aller Pannen und Unerfreulichkeiten mit der Versicherung, dass die „special relations“ enger seien denn je. Das werden die beiden wohl auch in dieser Woche wiederholen. Aber an der Tagespolitik lässt sich das nicht festmachen. Eher selten ziehen die Regierungen in London und Washington an einem Strang – die abgestimmten Reaktionen gegen Moskau nach dem Giftgasanschlag in Salisbury und die gemeinsame Linie im Machtkampf in Venezuela zählen zu den Ausnahmen.

          In der Iran-Politik steht London an der Seite der EU, nicht Washingtons. So verhält es sich auch in der Politik gegenüber Israel, beim Klimaschutz und den Handelsdifferenzen mit Brüssel. Selbst Trumps intensivem Drängen, dem chinesischen Kommunikationskonzern Huawei keinen Zutritt ins britische Telefonnetz zu gestatten, wird in London eher hinhaltend begegnet als nachgegeben. Das „special relationship“ – jedenfalls in seiner außenpolitischen Dimension – ist etwas für Sonntagsreden und historische Feiertage geworden. Die D-Day-Erinnerungszeremonie an der britischen Kanalküste kommt da gelegen.

          Trump und Johnson sind keine Gleichgesinnten

          Während die Labour Party ihre Kritik an Trump nicht verbirgt, ja über die Höflichkeitsgrenze hinaus formuliert, wird in der Regierung versucht, das Verbindende über das Trennende zu stellen. „In den Beziehungen geht es viel weniger um die Dynamik zwischen den beiden Anführern als um den täglichen Austausch zwischen Tausenden von Beamten und Militärs“, heißt es in einem diplomatischen Kommentar, der vom „Royal United Services Institute“ in Auftrag gegeben wurde. Stramme Konservative glauben sogar, dass eine Ära der Harmonie wartet, sollte auf Theresa May ein Brexit-Hardliner folgen. Einen „historischen Moment“ malt sich Nile Gardiner aus, der Direktor des Margaret Thatcher Center for Freedom an der Heritage Foundation, „wenn Britannien emphatisch aus der EU austritt – mit der vorbehaltosen Unterstützung der globalen Supermacht“. Im „Daily Telegraph“ schrieb er: „Ein souveränes, unabhängiges Britannien wird ein deutlich potenterer Verbündeter für die Vereinigen Staaten sein und die Nato stärken, sich Russland entgegenstellen, der iranischen Bedrohung begegnen und Chinas Ambitionen anfechten.“

          Selbst wenn sich Boris Johnson im Machtkampf der Tories durchsetzen sollte, würden in Washington und London aber keine Gleichgesinnten regieren. Trump ist Chauvinist und Protektionist („America first!“), Johnson Multilateralist und Freihändler („A truly global Britain“). Trump ist konservativ und gegen Abtreibung, Johnson liberal und ein Freund des Individualismus. Trump will eine Mauer gegen Einwanderung, Johnson hält Migration für einen Gewinn. Im special relationship könnte es also noch eine ganze Weile rumpeln.

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