https://www.faz.net/aktuell/politik/von-trump-zu-biden/trotz-corona-und-aller-kritik-trump-haelt-erste-massenkundgebung-ab-16825132.html

Trump macht Wahlkampf in Tulsa : Überschaubares Publikum, trollende Teenager

  • -Aktualisiert am

Trump ging auch auf seine Entscheidung ein, die Zahl der in Deutschland stationierten amerikanischen Soldaten von rund 35.000 auf 25.000 zu senken. Deutschland schulde der Nato wegen unzureichender Verteidigungsausgaben in den vergangenen 25 Jahren in Wahrheit „eine Milliarde Dollar“. Das Zwei-Prozent-Ziel der Nato sieht vor, dass sich alle Alliierten bis 2024 der Marke annähern, mindestens zwei Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung auszugeben. Deutschland hat die Ausgaben in den vergangenen Jahren deutlich gesteigert, lag aber 2019 dennoch erst bei einem BIP-Anteil von 1,38 Prozent.

Trump sagte am Samstagabend, Bundeskanzlerin Angela Merkel habe ihm im vergangenen Jahr zugesagt, das Zwei-Prozent-Ziel „bis 2030 oder vielleicht 2032“ zu erfüllen. Er habe geantwortet: „Nein, Angela, das funktioniert nicht.“ Solange die Vereinigten Staaten mit der Bundesregierung über Rüstungsausgaben debattierten, würden die amerikanischen Truppen in Deutschland reduziert.

Gaukelten Teenager Andrang vor?

Dass Trumps Team tagelang Erwartungen und Befürchtungen über riesige Massen geschürt hatte, war wohl Ergebnis einer Fehlkalkulation. Seine Mitarbeiter verbreiteten aber noch während der Veranstaltung den Vorwurf, Demonstranten hätten Trump-Anhänger von der Teilnahme abgehalten. Der Präsident nannte diejenigen, die es dennoch nach drinnen „geschafft“ hatten, „Kämpfer“.

Das „Lincoln Project“, eine Organisation republikanischer Trump-Gegner, lieferte am Abend bei Twitter eine andere Erklärung. Tausende Teenager hätten sich über die Social-Media-App Tik Tok organisiert und sich für die Veranstaltung registriert. Steve Schmidt, einer der „Lincoln Project“-Gründer, der früher unter anderem für George W. Bush gearbeitet hat, schrieb an Trump gerichtet: „Meine 16 Jahre alte Tochter und ihre Freunde in Park City, Utah, haben Hunderte Tickets. Sie sind von Amerikas Teenagern an der Nase herumgeführt worden.“

Schmidt hatte das „Lincoln Project“ Ende letzten Jahres unter anderem mit George Conway, dem Ehemann von Trump-Beraterin Kellyanne Conway, ins Leben gerufen. Die Organisation sammelt Spenden und ruft Republikaner zur Wahl des wahrscheinlichen demokratischen Kandidaten Joe Biden auf. Ob Schmidt den Protest von Teenagern und K-Pop-Fans angestoßen oder nur durch seine Tochter davon gehört hatte, war unklar, aber bald berichteten auch andere Twitter-Nutzer, sie oder ihre Kinder hätten jeweils Hunderte Tickets gekauft.

Die demokratische Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez aus New York schrieb, Trump sei soeben „von Teenagern auf Tik Tok durchgeschüttelt“ worden. Fans von K-Pop-Bands hatten kürzlich bereits auf sich aufmerksam gemacht, indem sie massenhaft rechte Hashtags wie #whitelivesmatter zweckentfremdet hatten, um zum Beispiel Tierbilder zu teilen.

Besonders Brad Parscale, Trumps Kampagnenmanager, hatte in den vergangenen Tagen unermüdlich damit angegeben, dass sich Hunderttausende Menschen auf den Weg nach Tulsa machen würden, um Trump einen triumphalen Empfang zu bereiten. Am 14. Juni hatte Parscale getwittert: „Wir haben gerade die 800.000-Ticket-Marke überschritten. Größte Datensammlung und Registrierung für eine Veranstaltung aller Zeiten, mal zehn! Samstag wird phantastisch!“ Das brachte ihm am Samstag bei Twitter den schadenfrohen Hashtag #FyreBrad ein – in Anspielung auf das desaströse „Fyre Festival“ von 2017, als überforderte Eventplaner Hunderte Menschen zu einem nicht existenten Musikfestival der Luxusklasse auf die Bahamas gelockt hatten.

Draußen überschatteten nicht nur kreative Teenager, sondern auch die entsetzten Wortmeldungen von Gesundheitsfachleuten die Veranstaltung – die Zahl der Infektionen in Oklahoma bewegt sich zur Zeit nach oben. Zuvor hatte Trump die Veranstaltung bereits um einen Tag verschieben müssen – ein seltenes Nachgeben auf politischen Druck. Am afroamerikanischen Feiertag Juneteenth hätte seine Rede an dem Ort stattgefunden, wo 1921 weiße Rassisten ein Massaker mit Hunderten Toten an der schwarzen Bevölkerung verübt hatten. Während Trump seine Rede hielt, protestierten und feierten seine Gegner in der Stadt weiter. Sie und die trollenden Teenager haben der Trump-Kampagne an diesem Tag einen Vorgeschmack auf die kommenden Monate gegeben.

Weitere Themen

Scholz weist Verdacht von Fehlverhalten zurück Video-Seite öffnen

Cum-Ex-Skandal : Scholz weist Verdacht von Fehlverhalten zurück

Der Bundeskanzler hat in seiner Zeugenaussage vor dem Hamburger Untersuchungsausschuss den Vorwurf persönlichen Fehlverhaltens zurückgewiesen. Die Opposition in Hamburg und im Bund äußerte massive Zweifel an Scholz' Glaubwürdigkeit.

Topmeldungen

Kanzler Scholz trat am Freitag als Zeuge vor dem Hamburger Untersuchungsausschuss zum „Cum-Ex“-Skandal.

Scholz als Zeuge : „Okay, da war nichts“

Der Bundeskanzler ist zurück in Hamburg. Dort sagte er als Zeuge im „Cum-Ex“-Ausschuss aus. Eigenes Fehlverhalten bestreitet er weiterhin.
Rohre der Nord Stream 1 Gaspipeline in Lupmin

Ab Ende August : Russland klemmt Nord Stream 1 für drei Tage ab

Durch die Ostseepipeline Nord Stream 1 fließt seit Wochen ein Fünftel so viel Gas wie eigentlich könnte. Nun soll sie für drei Tage stillstehen – der Konzern begründet dies mit Wartungsarbeiten an einer Turbine.
Regisseur Oliver Stone (rechts) mit Russlands Präsident Wladimir Putin, Szene aus dem 2017 erschienenen Film „Die Putin-Interviews“

Streit um Oliver Stone in Leipzig : Für den Kreml?

In Leipzig löst die Aufführung von Oliver Stones Film „Ukraine on Fire“ Proteste aus. Die Veranstaltung wurde auch von der Stadt unterstützt. Warum gibt man Stones fragwürdiger Haltung zu Russland Raum?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.