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Nach dem Anschlag von Orlando : Trump und Clinton machen den Terror zum Wahlkampfthema

  • -Aktualisiert am

Trauer vor dem Weißen Haus um die Opfer von Orlando Bild: dpa

Unmittelbar nach dem Anschlag von Orlando inszeniert sich Donald Trump als starker Mann, der sowieso alles vorhergesehen habe. Das finden selbst manche Republikaner taktlos. Doch auch die Demokraten versuchen, den Terrorakt politisch zu nutzen.

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          Dass sein Twitter-Konto Donald Trumps liebstes Wahlkampf-Instrument ist, ist allgemein bekannt. Mit Hilfe des Internet-Dienstes erreicht der Mann, der im November als republikanischer Kandidat Präsident der Vereinigten Staaten werden will, fast neun Millionen Follower. Hier bekommen Trumps Anhänger und Gegner die ungefilterte Sicht des Kandidaten präsentiert.

          Noch am Tag des Terroranschlags in einem Schwulenclub in Orlando, bei dem ein 29-jähriger Amerikaner mit afghanischen Wurzeln, der sich offenbar zuvor zum „Islamischen Staat“ bekannt hat, 50 Menschen erschossen und mehr als 50 weitere Menschen teils schwer verletzt hat, setzt Trump eine Vielzahl von eigenen Sätzen ab – und doch ist es vor allem die von ihm geteilte Nachricht einer Anhängerin, die einen besonders tiefen Einblick in das Selbstverständnis des Politiker-Neulings gibt.

          „Bitte, gib uns Sicherheit“, heißt es in den an Trump gerichteten Zeilen der Frau, die dieser umgehend  als Re-Tweet auf seiner Seite präsentiert. Tausende Menschen drücken die „Gefällt mir“-Schaltfläche. Die Botschaft ist klar: Nur er, Trump, sei der Kandidat, der Amerika in diesen schweren Zeiten, in denen Terroristen einmal mehr das Land bedrohen, beschützen kann. Das demokratische Lager dagegen sei zu „schwach“, um sich den Angreifern entgegen zu stellen. „Was in Orlando passiert ist, ist nur der Anfang“, orakelt Trump.

          Große Worte, keine Pläne

          Und er geht sogar noch weiter: Präsident Obama solle zurücktreten, wenn er sich weiter weigere, die Worte „radikalislamischer Terrorismus“ in den Mund zu nehmen, fordert Trump. Zwar freue es ihn, lässt der Milliardär wissen, dass ihm nun viele Menschen gratulierten und eingestünden, dass er beim Thema radikalislamischer Terrorismus richtig gelegen habe. Doch er brauche keine Glückwünsche. „Wann endlich wird Amerika hart, klug und wachsam“, so Trumps anklagende Frage.

          Schauspieler Dwayne Johnson (44): „Es ist lange überfällig, aber die Zeit ist reif, um zu handeln. Ich glaube an das Recht, Waffen zu tragen und seine Familien zu beschützen. Aber ich glaube auch an strengere Waffenkontrollen ... Als Folge dieser Terrorattacke werden wir vereint, beharrlicher und gestärkt zurückkommen. Zusammen. Sie können nicht etwas kaputtmachen, was sie nicht aufgebaut haben.“ Bilderstrecke
          Prominente zu Orlando : „Sie können nicht zerstören, was sie nicht erbaut haben“

          Wie die Terrorabwehr à la Trump genau aussehen soll? Auf die Frage, wie er als Präsident Anschläge wie den in Orlando verhindern wolle, gibt Trump keine klare Antwort. Zwar wird er, flankiert vom erzkonservativen Senator Jeff Sessions, nicht müde, seine Forderung eines Einreiseverbots für nichtamerikanische Muslime zu unterstreichen. Dass eine solche Maßnahme bei einem Attentäter wie dem von Orlando, der amerikanischer Staatsbürger war, allerdings wenig nützlich wäre, verschweigt er.  

          Auch Republikaner verärgert über Trump

          Wie auch immer man Trumps Pläne beurteilen mag, die Tatsache, dass er sich, während zeitgleich in Orlando zahlreiche fassungslose Familienmitglieder von den Behörden noch immer nicht informiert worden sind, ob ihre Kinder oder Partner das Attentat überlebt haben oder nicht, selbst für seine angebliche politische Weitsicht lobt, stößt vielen Amerikanern übel auf. Bei Trump stehe immer das „Ich, Ich, Ich“ an erster Stelle, ärgert sich die bekannte republikanische Beraterin Ana Navarro, die Trumps Auftritte für taktlos hält.

          Bild: F.A.Z.

          Allerdings versuchen offenbar auch die Demokraten den Anschlag zu nutzen, um bei bestimmten Wahlkampf-Themen politische Deutungshoheit zu erlangen beziehungsweise zu behaupten. Während Trump vor allem auf die Auseinandersetzung mit einem islamistischen Bedrohungsszenario setzt, legt Hillary Clinton, die im November ihrerseits ins Weiße Haus einziehen will, einen inhaltlichen Schwerpunkt auf die Diskussion um Waffengesetze. „Wir müssen Schusswaffen, wie die, die letzte Nacht genutzt wurden, von Terroristen oder anderen Gewaltverbrechern fernhalten“, so die ehemalige Außenministerin.

          Auch Clintons demokratischer Mitbewerber Bernie Sanders argumentiert an diesem traurigen Sonntag in diese Richtung. „Ich glaube, dass wir in diesem Land keine automatischen Waffen verkaufen sollten, die hergestellt werden, um Menschen zu töten“, sagt Sanders in einem NBC-Fernsehinterview, woraufhin ihm der renommierte Journalist Chuck Todd umgehend vorwirft, den Terrorakt zu instrumentalisieren. Er frage sich, so Todd leicht genervt, ob es wohl jemals möglich sein werde, die Terrorismus-Debatte und die Waffen-Debatte zu führen, ohne dass die eine oder die andere Seite versuche, Geschehnisse in ihrem Sinne zu politisieren.

          Möglicher Terrorakt : 50 Tote bei Angriff auf Nachtclub in Florida

          Unterdessen hat unter politischen Beobachtern die Debatte darüber begonnen, welchem Kandidaten der Terroranschlag von Orlando beziehungsweise dessen Aufarbeitung im diesjährigen Präsidentschaftswahlkampf wohl mehr nutzen werde. Während sich die meisten amerikanischen Kommentatoren mit ihren Einschätzungen diesbezüglich zunächst noch zurückhalten, sorgt ein ausländischer Politiker und Ex-Diplomat bereits für Schlagzeilen.

          Michael Oren, von 2009 bis 2013 israelischer Botschafter in Washington, sieht Trump im Aufwind. Wenn das Motiv des Attentäters vor allem der Hass auf Homosexuelle gewesen wäre, würde das Hillary Clinton nutzen, so Oren, dessen Heimat selbst immer wieder unter Terroranschlägen leidet. „Da es nun aber immer mehr so aussieht, als sei jihadistischer Islam das Motiv gewesen, wird das Donald Trump dienen.“

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