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T. C. Boyle im Gespräch : „Sie haben einen Fernseh-Schmock gewählt“

  • -Aktualisiert am

(Lacht.) Autoren können schreiben, was immer sie wollen. Ich sollte mich in jeden hineinversetzen können, männlich, weiblich, jeglicher Herkunft. Und einfach schauen, was passiert.

In „América“ zeigt sich ein rassistischer Charakterzug  Amerikas. Das Buch haben Sie vor 21 Jahren geschrieben. Sind die Amerikaner nicht in der Lage, sich zu ändern?

Ich will nicht ausschließlich negativ sein, vielleicht ist es auch nur ein langer Prozess. Eines der Leitmotive von „América“ ist biologischer, umweltbedingter Natur: Wir Menschen sind eine Spezies, und wir gehen dorthin, wo die Ressourcen sind, wie die Kojoten, die im Buch immer wieder auftauchen. Grenzen bedeuten den Kojoten nichts, und in harten Zeiten bedeuten sie uns auch nichts.

Ihr weißes, privilegiertes Pärchen aus „América“ ist dennoch besessen vom Bau eines Zaunes um ihre Siedlung. Wieso?

Nun, sie waren zunächst gegen den Zaun…

…und unterstützen seinen Bau am Ende dennoch.

Weil sie sich geändert haben. Die Entscheidung hat ihre Vorurteile zum Vorschein gebracht. Ihre Wertvorstellungen sind durcheinander geraten. Selbst die liberalsten Leute können sich ändern.

„Der Wahlausgang ist zutiefst abscheulich, ich schäme mich für mein Land und fürchte um es.“
„Der Wahlausgang ist zutiefst abscheulich, ich schäme mich für mein Land und fürchte um es.“ : Bild: Picture-Alliance

Also kann jeder zum Rassisten werden?

Davon gehe ich aus. Aber ich überlasse es dem Leser, das für sich selbst zu entscheiden. Ich weiß, was ich meine, aber das ist Kunst und nicht dafür vorgesehen, erklärt zu werden. Es sollte Sie emotional und intellektuell betreffen, jeden auf seine eigene Art und Weise.

Könnten Sie auch den Wahlsieg Trumps zu Kunst verarbeiten? Die Geschichte bietet sich doch an als Romanvorlage.

Meine Zukunft sehe ich nicht in der politischen Satire. Aber ich bin mir sicher, dass es in den nächsten Jahren viele solcher Romane geben wird. Und auch ich will niemals nie sagen. Nach dem 11. September haben viele Schriftsteller die Anschläge in ihren Geschichten thematisiert. Ich nicht, es kam einfach nicht auf. In meinem neuen Buch aus Kurzgeschichten, das 2017 erscheinen wird, ist mir jedoch aufgefallen, dass ich mich in drei Geschichten mit dem islamistischen Terror auseinandergesetzt habe. Warum, weiß ich nicht genau. Es ist einfach so passiert.

Vielleicht lesen wir von Ihnen dann ja irgendwann eine Geschichte nach dem Motto: „Faschistische Machtübernahme durch karnevalistischen Kläffer“.

(Lacht.) Das überlasse ich lieber anderen.

In Ihrem neuen Buch, „Die Terranauten“, das im Januar erscheint, geht es um ein anderes aktuelles Thema: den Traum von einer künstlichen Biosphäre, in der wir in Kleingruppen vielleicht auf einem anderen Planeten überleben könnten. Ist das in Ihren Augen realistisch?

Als die Nasa ihr einjähriges Abschottungsexperiment gestartet hat, hat Elizabeth Kolbert im „New Yorker“ darüber eine Reportage geschrieben. Wissen Sie, es ist sehr schwer, eine selbstreplizierende Umwelt zu schaffen. Die, die wir hier haben, hat Milliarden von Jahren dafür gebraucht, damit wir leben und Luft atmen können. In ihrem Text schrieb Kolbert, dass wir dieser Umwelt hier ein bisschen mehr Aufmerksamkeit schenken sollten, weil es ziemlich unmöglich ist, eine neue zu bauen. Und selbst wenn wir es könnten, würde diese neue Umwelt sicherlich nur einer kleinen Elite dienen. Und was passiert dann mit dem Rest von uns?

Was glauben Sie? Schicken wir irgendwann Menschen zum Mars, mit einer tragbaren Biosphäre im Gepäck?
Das Konzept finde ich faszinierend. Wer weiß? Wir wissen nicht, wie wir Menschen dort hinschicken können, wir schicken nur Roboter. Aber diese Umwelt bricht in sich zusammen, und es scheint, als würde sich das Zeitfenster für unsere Spezies schließen.

In Februar sind Sie für Lesungen auch in Deutschland unterwegs. Ihre dortigen Auftritte beginnen Sie gerne mit einem Witz auf Deutsch. Sprechen Sie unsere Sprache?

Nein, und ich werde es wohl auch nicht mehr lernen. Das könnte ich nur, falls ich entweder ohne meine Frau für ein Jahr nach Deutschland ziehen würde, um Recherchen für ein Buch zu machen. Oder wenn mich die Lufthansa mit einem Fallschirm über dem Schwarzwald abwerfen würde. Und zwar splitterfasernackt.

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